Krimi to Go – K (3/3)

Das täuscht. Zwar ist er dunkelhaarig, aber sein Haar ist eher strähnig und für das Alter schon recht ordentlich auf dem Rückzug begriffen. Seine Augen sind es wohl, die Sarah für ihn gewonnen haben, Mandelaugen nennt man das bei Frauen, lange Wimpern, ein nettes Lächeln. Er ist nicht sehr groß, gerade mal zwei Zentimeter größer als sie, wenn beide barfuß sind, und von Gestalt eher schmächtig. Er hat in Brasilien eine deutsche Schule besucht, weil seine Eltern das für klug hielten. Eventuell hat er sogar indianisches Blut in den Adern? Sein Temperament ist eher still-düster, was ihn zum Mörder prädestinieren könnte. Dank seiner guten Deutsch- und Brasilianisch-Kenntnisse arbeitete er erst in einem Import-Export-Geschäft und hat jetzt eine Anstellung bei einer Bank. Wir wissen (noch) nicht, ob er dubiose Geschäfte mit brasilianischen Kleinkriminellen führt. Er hat keinen Kalender und verlässt sich – außer bei der Arbeit – lieber auf sein sprichwörtlich phantastisches Gedächtnis, d.h. es ist nicht nur sehr gut und präzise, er kann auch sehr geschickt, die Vergangenheit ein wenig an der Realität vorbei ausschmücken, wenn er merkt, dass sein Gegenüber nicht mehr alle Fakten parat hat.

Und dann haben wir natürlich Manfred, den lebenden Toten. Da seine angebliche Leiche in einem Kolumbarium (ebenfalls mit K) weilt, ist eine Exhumierung nicht möglich. Ich weiß auch einfach nicht, ob Asche eines Toten noch DNA-Spuren enthält. Bei den Temperaturen, die dort herrschen, tippe ich einfach auf nein. Liege ich falsch und der Krimi geht in diese Richtung, wappne ich mich schon jetzt gegen die erbosten Zuschriften von DNA-Spezialisten und Wissenschaftlern, die nach Luft ringend fassungslos sind, wie ich ohne entsprechende Kenntnisse einfach so einen Humbug verbreite. Böse Zuschriften sind sowieso unausweichlich, dann lieber welche, die auf Tatsachen beruhen und sich auf Fehler beziehen, für die ich mich tränenreich entschuldigen kann, als – wie es hin und wieder passieren soll – irgendwelche völlig aus der Luft gegriffenen Fetzkritiken, bei denen sich der Autor fragt, ob der hasserfüllte Sermon wirklich von einer Person stammt, die mehr als zwei Zeilen von dem Werk gelesen hat – wenn überhaupt. Back to Manfred.

Unter seinem Nachlass befindet sich natürlich auch ein Kalender. Dieser ist sorgsam geführt und dient durch verschiedene Einträge dazu, die Hinterbliebenen auf eine falsche Fährte zu locken, damit keiner auf die Idee kommt, er sei vielleicht gar nicht verstorben. Wobei mir auffällt: Ich habe seine Todesart noch gar nicht festgelegt. Das verschiebe ich noch, weil ich gleich Mittagessen möchte und mich daher von gegebenenfalls unappetitlichen Themen fernhalte. Auf jeden Fall spielt der Kalender deshalb so eine große Rolle, weil Caesar und Nadine rätseln, wie ein Toter auf ein Radarfoto gerät. Die Erleuchtung kommt ihnen, als Caesars ältere Schwester ihren Bruder besucht und mit Caesar und Nadine in einer Pizzeria sitzt. Catharina mag weder Pizza noch Pasta, trinkt nur einen Kaffee und beobachtet die beiden Fastturteltäubchen über den Rand ihrer Brille. Die beiden sprechen auch über den Kalender, der auf dem Tisch liegt. Während unserer Turtler dann schließlich doch die Pizza ihrem Bestimmungsort zuführen, blättert Catharine in dem Kalender – und entdeckt ein Muster der Eintragungen, das wichtige Hinweise ergibt. Ich habe überhaupt keine Ahnung, was das sein könnte, schade. Vielleicht fällt mir dazu noch etwas ein. Chiffrierte Notizen machen keinen Sinn, weil Manfred den Kalender angelegt hat, gerade um seine Angehörigen usw. an der Nase herumzuführen. Es könnte aber zum Beispiel sein, dass gewisse Dinge merkwürdigerweise ausgelassen wurden bei den Eintragungen, weil Manfred sie in der Bemühung um Fälschung als für zu unglaubwürdig unterschlagen hat. Sachdienliche Hinweise sind hier sehr willkommen, sonst wird dieser Kalender zur Sackgasse.

 

 

Krimi to Go – K (2/3)

Frau Mustermann aus Fall 2 ist mit dem Führen eines elektronischen Kalenders an PC und Smartphone bestens vertraut. Daher führen sie und ihr Mann auch ihre privaten Termine in einem Kalender, den sie vernetzt haben und gemeinsam pflegen. Das Tippen geht schnell von der Hand und es gibt nur leserliche Einträge. Aber, und hier kommt die Bedeutung des Kalenders in Spiel, was nicht jeder auf Anhieb sieht, sind die gelöschten Einträge. Der Mörder der Familie hat sich in den Kalender eingehackt und hat entsprechend alle Einträge gezielt gelöscht, die Hinweise auf seine Identität geben könnten. Da kommt passend Klara-Anna ins Spiel, die ihrem Fasttraummann dabei hilft, die alten Einträge zu rekonstruieren. Davor muss allerdings das Passwort aufgedeckt werden. Das bringt technische Highlights, die ich wohl auch ohne größere Recherchen hinbekomme, ohne dass es allzu dämlich wirkt. Das Entschlüsseln der gelöschten Einträge bringt noch nicht die endgültige Lösung, durchaus aber einen richtig fetten Hinweis. Sagen wir einmal – das ergibt dann zwei Hauptverdächtige, zwischen denen es zu entscheiden gilt. Wobei in diesem Fall noch nicht wirklich Verdächtige aufgetaucht sind, das sollte dann spätestens bei V geschehen. Wichtig ist, dass beide Hauptverdächtige gefährliche Typen sind, das Leben von Klara-Anna hängt gegen Ende hin an einem dünnen Faden – und schließlich wird sie gerade noch von Caesar Hellerwiesen gerettet. Das ist schön klassisch. Im Sinne der Emanzipation hätte ich natürlich auch Caesar in eine Falle tappen lassen können, Klara-Anna rettet ihn nicht durch ihre Computerkenntnisse, sondern durch ihre in der Freizeit erworbenen Fähigkeiten im Kampfsport. So etwas kommt immer gut, vor allem wenn ich an eine eventuelle Verfilmung denke, was ich natürlich die ganze Zeit tue. Vermarktung ist alles!

Klara-Anna hat schon als junges Mädchen mit dem Kampfsport angefangen. Seit sie denken kann, hat sie nämlich Angst vor Hunden, sei es ein niedlicher kleiner Dackel oder ein riesiges schweres Rottweiler-Muskelpaket. Nach einem Jahr Psychoanalyse war diese Angst immer noch nicht beseitigt, weshalb ihre Eltern sie bereits mit 10 Jahren Jiu-Jitsu erlernen ließen, Kickboxen und Aikido kamen später hinzu. Nicht, dass man einen Dackel jetzt unbedingt mit Kickboxen bekämpfen muss, aber Klara-Anna bekam so das wichtige Gefühl der Sicherheit, sobald sie einen Hund sah. Wobei ich, die ich Hunden auch sehr kritisch gegenüberstehe, gerne eine Szene einbauen würde, wo sie einen Rottweiler mit zwei gezielten Tritten zur Strecke bringt. Schon ist es kombiniert: Der Mörder hetzt seinen Rottweiler auf Caesar, der zwar sportlich, aber nicht kampfsportlich trainiert ist. Klara-Anna springt aus dem Dunkel hervor, zwei, drei Tritte – und der Rottweiler liegt flach, nur noch unter größter Anstrengung hechelnd, auf dem Boden. Kiefer gebrochen. Tja, sehr gut, und dann geht die Jagd nach dem Mörder los, denn gesehen hat ihn niemand, es fand alles im Dunkel der regennassen Nebenstraßen statt. Klara-Anna und Caesar sind beide sehr sportlich, haben sich gelegentlich schon zum Dauerlauf verabredet und sprinten den Täter zur Strecke. Wer immer auch der Täter sein mag. Wie wir wissen, ist der Cousin Johnny Schwesig verwickelt!

Im dritten Fall des Versicherungsbetrugs mit nachfolgendem Mord gibt es mehrere Kandidaten für einen Kalender. Natürlich hat unser Versicherungsdetektiv einen gut geführten Kalender auf dem PC, vernetzt mit dem Online-Kalender der Versicherung (in der Cloud). Dieser Kalender ist aber für einen Krimi an dieser Stelle nicht zielführend. Die Chefin von Caesar führt noch einen privaten kleinen Handkalender für außerbetriebliche Dinge, denn sie ist sehr genau. Sollte sie ein weiteres Mordopfer werden, können wir hier ruhig einen zielführenden Hinweis platzieren. Dann muss sie langsam einen Namen bekommen. Sarah als Vorname gefällt mir gut, sie ist Mitte vierzig und trägt einen Doppelnamen: Sarah Kleinschmidt-Caetano. Sie ist mit einem Brasilianer verheiratet, der rund zehn Jahre jünger ist als sie. Er könnte in den Kreis der Verdächtigen geraten, falls sie zum Mordopfer wird. In ihrem Kalender sind Hinweise auf Friseurtermine, ein Wellness-Wochenende, kleine Modenschauen, eine Vernissage usw. Ich mag das Wort Vernissage sehr, daher habe ich es schnell hier eingepflegt, so wie Sarah eben auch eine sehr gepflegte Frau ist. Beim Namen Caetano und im Wissen, dass es sich um einen Brasilianer handelt, der auch noch Vesuvo mit Vornamen heißt, erwarten wir einen temperamentvollen, schwarzgelockten jungen Mann mit Strahlemannlächeln.

Krimi to Go – K (1/3)

K wie Kalender, Kontaktlinsen und Kakao

Ganz ehrlich, um einmal das berühmte Pferd von hinten aufzuzäumen: Den Kakao habe ich hier nur aufgenommen, weil er – mit reichlich Ingwer – mein Lieblingsgetränk ist. Eigentlich bringt er für einen Krimi nicht so richtig etwas, „Der Kakao bringt es an den Tag“ wäre natürlich trotzdem ein spannender Titel. Vielleicht lasse ich einfach einfließen, dass sich unsere Computerexpertin Klara-Anna keinen Tag am PC ohne ihren Riesenbecher Kakao vorstellen kann. Auch Frau Mustermann mag ihn sehr, nachmittags vielleicht mit einem kleinen Schuss Rum darin. Das wäre eine kleine Pointe zu meiner speziellen Freude, nichts aber für das dramatische Geschehen.

Ich arbeite mich weiter von hinten nach vorn: Kontaktlinsen sind gut, weil man damit eine falsche Augenfarbe vortäuschen oder überhaupt eine Augenschwäche vor den Mitmenschen verbergen kann. Dann kann es Szenen geben, wo kurz vor Aufklärung der Detektiv den Hauptverdächtigen von allem Verdacht befreien kann, weil der ohne seine Kontaktlinsen gar nicht richtig sehen konnte, was ihn letztendlich zu dem Mord hätte veranlassen können. Ich lasse das hier so schwammig stehen, weil ich gerade feststelle, dass Kontaktlinsen einfach nicht mein Thema sind.

Der Kalender gehört in jeden guten Krimi. Da finden wir zum Beispiel Termine, die man sowohl in der Vergangenheit als auch zukünftig zu verfolgen hat, die echte Spuren liefern, die sich verfolgen lassen – durch die Leser, einen Kriminalbeamten oder den Hobbydetektiv.

Caesar Beyer ist förmlich prädestiniert dafür, zu Hause auf dem mahagonifarbenen Schreibtisch so eine dicke Kladde liegen zu haben, darin hat jeder Tag eine Seite für sich, die in Stunden aufgeteilt ist. Rund um die Uhr, darauf hat er immer Wert gelegt, nicht so ein Kalendarium, das erst um sieben Uhr beginnt und um einundzwanzig Uhr endet. Der Kalender hat eine Lederschutzhülle, die Herrn Beyer und seine Kalender jedes Jahr begleiteten, dementsprechend edel-abgegriffen ist sie schon. Manche Einträge sind in seiner pedantisch-ordentlichen Schrift vorgenommen, andere sind nur unverständliche Abkürzungen, wie „J., A., R, 16h, L“. Im Laufe des Geschehens werden wir erfahren, dass Herr Beyer nach Antwerpen zu fahren gedachte, wo er einem geheimnisvollen Richard eine Lieferung dieser wertvollen Juwelen übergeben wollte. Man weiß nicht, inwieweit Caesar sich mit seinem Abkürzungsfimmel selbst das Leben schwergemacht hat, weil er doch schon hin und wieder grübelnd über dem Kalender hockte – wie sollte er auch noch im September noch wissen, was eine im März eingetragene Buchstabenfolge von „D., S., 4, 735, K“ nun bedeuten soll? Wir wissen es übrigens auch nicht. Dem findigen Kommissar sind dies wertvolle Hinweise, die ihn letztendlich auch zum Mörder führen. Wobei wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, ob das Mordmotiv eher im finanziellen oder emotionalen Umfeld zu finden ist.

Sehr naheliegend wäre es auch, wenn Beyers erste Ehefrau Kirstin dort gerne nachschaut und einen Detektiv damit beauftragt, die regelmäßig wiederkehrenden Einträge „S.,Blumen,“ oder „S,Geschenk“ (wichtige Dinge schrieb er auch gelegentlich mit ganzen Wörtern) zu erleuchten, um auf Sandra zu stoßen. So kam es zur Scheidung, zur zweiten Ehe… alles ändert sich, nur dem ledergebundenen Kalender blieb Caesar Beyer sein mittellanges Leben treu. Oder in zweiter Ehe mit Sandra findet der Kriminalist Hinweise auf Boris, es dauert allerdings eine Weile, bis ihm das klar wird. „B+S,D Müller,M,9.30“ versteht nicht jeder direkt als an einen Auftrag an Detektiv Müller, Boris und Sandra zu beobachten, Termin mit dem Detektiv (selbstverständlich so ein schmieriger Nichtsnutz) 9.30 Uhr am Montag.

Krimi to Go – J (2/2)

Wir erfahren ein bisschen von ihm selbst, was denn so in seiner Jugend passiert ist. Das ist einfach wichtig, um zu wissen, was ihn so anders geformt hat als seine Verwandte Frau Mustermann, die mit Leichtlebigkeit nicht viel im Sinn hat, oder vielleicht nicht mehr im Sinn hat? Die Ich-Form bietet sich einmal sehr gut an, um seinen Hintergrund zu durchleuchten, aber auch um den Wandel zu zeigen: vom anscheinend oberflächlichen Tu-Wenig-Gut zu einem ernsthaften Suchenden, der aufgrund seiner Gewitztheit daraus gleich einen Beruf machen wird. Das bietet zwischen der Spannung auch ein bisschen Tiefgang. Auch lässt sich hier gut einbauen, wie ihn Klara-Anna immer mehr in ihren Bann zieht. Sein Herz klopft für uns viel lauter, wenn er es uns selbst sagt. Vielleicht lässt er sich sogar soweit in seine Seele schauen, dass wir lernen, dass es eigentlich nur ein wenig Schüchternheit ist, die ihn – um sie zu verbergen – manchmal so ein wenig großmäulig erscheinen lässt.

„Diese Frau ist einfach umwerfend, ich finde sie jeden Tag netter. Aber sie hat so einen Blick, den ich nicht deuten kann. Findet sie mich lächerlich, weil ich manchmal so viel rede? Denkt sie, ich bin ein Hohlkopf? Wird sie entsetzt an das andere Ende der Bank rücken, wenn ich gleich hier, jetzt, im Park ein wenig näher rücke? Ich kann schon ihren geringschätzenden Blick sehen und die kalte Stimme hören ‚Caesar, bitte, wir wollen doch die Lösung des Falls nicht mit Privatem vermengen!‘. Schon wenn ich mir das vorstelle, wird mir leicht … unbehaglich. Ups, jetzt habe ich gar nicht richtig zugehört, was sie gesagt hat. Wenn ich jetzt einfach sage, ‚Ja, Anna, da hast du natürlich Recht‘, runzelt sie vielleicht die Stirn, weil sie einen Scherz gemacht hat – ihr Humor ist so wunderbar – und ich so blöde reagiere. Hmmm, sie hat so eine Art, das macht mich ganz nervös. Wenn sie lacht und dabei den Kopf so ein wenig zur Seite legt, dann könnte ich platzen. Albern, albern, ich bin zu alt für so eine jungenhafte Verliebtheit. Hat sie eigentlich überhaupt etwas gesagt, kann es sein, dass wir uns die ganze Zeit nur angesehen haben? Oh, Mann, hoffentlich bekomme ich jetzt nicht noch einen Schluckauf…“

Wird ein Protagonist zu einem Hobbydetektiv, muss die Polizei ein wenig dümmlich vorgehen. Einseitig, mit Vorurteilen, falsche Schlüsse ziehen. Jetzt haben wir Mordopfer, Polizei, zwei Hobbydetektive – aber noch keinen Verdächtigen. Was ein Hinweis auf den Buchstaben V sein kann.

Für den Perspektivwechsel mit dem Versicherungsbetrug bleibt dann nur noch der Mörder. Wobei wir noch gar keinen Mord haben, sondern nur einen Versicherungsbetrug. Das ist insoweit günstig – ich will an dieser Stelle den Mörder noch gar nicht verraten! -, als wir die Perspektive nicht auf den Mörder, sondern auf den Versicherungsbetrüger richten können. Das ist genial – also nicht von mir, sondern vom Lauf des Krimis her – es vereint die Täter-Ichform mit der Mordopfer-Ichform, denn ein Mordopfer muss es geben, sonst langweilt sich jeder, wenn er schon „Versicherungsbetrug“ liest.  Wir erfahren dann aus der Ich-Sicht, warum Manfred sich zu dieser Tat genötigt sah, denn er ist mit Sicherheit bei diesem Namen kein Gewohnheitsverbrecher. Schulden, weil zu großkotzig gelebt, oder eine teure Scheidung, ein Geschäft, das er in den Sand gesetzt hat, die Familie nervt ihn nur, er will einfach das viele Geld, um sich woanders eine neue, „saubere“ Existenz aufzubauen. Während er uns sein Schicksal vor Augen führt, indem er über die Vergangenheit nachdenkt, können gleichzeitig ein paar Verdächtige eingeführt werden. Wenn ich so darüber nachsinne, passt zu einem Manfred, dass er nach Austritt aus dem Beamtendasein (er war Lehrer) einen Laden mit teuren Oldtimern eröffnet hat, der leider nicht den Gewinn abwirft, den Manfred sich erträumt hat. Er hat sich in das Unterfangen gestürzt, ohne einen Business-Plan zu erstellen, hat das Häuschen seiner Eltern für den Kredit als Sicherheit hinterlegt und sich außerdem noch von seiner Frau eine Bürgschaft geben lassen (sie verfügt über ein kleines Erbe). Oh, weh, als das alles den Bach runtergeht, weiß er, dass er sich bei seinen Eltern nicht mehr mit gutem Gewissen wird blicken lassen können und ihn seine Frau sowieso vor die Tür setzt. Mit der Million unterm Arm lässt sich in Thailand oder Brasilien, so denkt er sich, gewisslich eine passable Existenz aufbauen. Wir blättern mit ihm durch Reisekataloge, vergleichen Flugpreise, recherchieren, wo es falsche Papiere gibt, überlegen mit ihm, wie er seinen Tod gestalten kann. Wir werden ihn jedoch nicht in der Ichform bis zu seinem wirklichen Tod begleiten, habe ich mir gerade überlegt, weil das dann doch an die Variante 1 stößt. Andererseits habe ich es nicht geschafft, die Erzählerperspektive dem Mörder selbst in die Hand zu geben. Mich stört das irgendwie doch. Und manchmal gehen Geschichten auch ihren eigenen Weg, sorry.

Krimi to Go – J (1/2)

J wie jäher Bruch

Dramatische Spannung lässt sich gut erzeugen, indem in einer Geschichte plötzlich ein Bruch erzeugt wird. Da wäre zum Beispiel ein Perspektivenwechsel. In allen drei Geschichten ist das einfach, indem einfach eine der betroffenen Personen zum Ich-Erzähler wird. Der Ich-Erzähler kann sich zum Laien-Detektiv wandeln, der Ich-Erzähler kann – mit nochmals folgendem Perspektivwechsel – selbst zum nächsten Mordopfer werden, oder der Ich-Erzähler ist, wie jetzt niemanden mehr überraschen wird, der Mörder.

Drei Möglichkeiten passen hervorragend zu drei parallelen Geschichten, jeder Geschichte wird einer der drei Perspektivwechsel zugeordnet. Ich könnte dabei die Reihenfolge wählen, in der ich die Möglichkeiten im vorigen Absatz aufgezählt habe. Das hieße, dass nach dem blutrünstigen Ende von der kompletten Familie Mustermann ein weiteres Opfer auftauchen muss. Das finde ich verfehlt. Also wird kurzum das weitere Opfer der Beyerschen Verzwickung zugeordnet.

Wenn ich in meine Tabelle schaue, kommen für mich nur drei Möglichkeiten in Frage: Sandra (die zweite Frau von Caesar Beyer), Boris (ihr Geliebter) und die Omi (die zwei der Mustermannschen Kinder am Tag der Tat bei sich hat). Ist die Geschichte bisher so aufgebaut, dass Boris der Mörder sein könnte, wäre er als nächstes Mordopfer sehr gut, weil die Leser dann ratlos sind, da sie den vielen Finten auf den Leim gegangen sind und glauben, dass der gute Boris die Familie umgenietet / abgestochen hat, weil er über seine Geliebte an das Geld will.

Der Schwenk zu Boris setzt an dem Punkt ein, wo er Sandra kennenlernte. Am besten auf einer großen Party, sie stehen im Licht des Feuerwerks zu Beyers Dienstjubiläum, haben Sektgläser in der Hand und fühlen sich sofort zueinander hingezogen. Boris als Ich-Erzähler kann nun berichten, wie er dieser Anziehung nicht widerstehen kann, obwohl er möchte. Wir verfolgen ihn durch einen Teil der Geschichte und ich mache ihn in ganz sanftem Übergang zu einem Sympathieträger (traurige Kindheit ist immer gut). Da ich zwei verschiedene Mörder in einer Geschichte nicht mag, muss eine Verbindung zwischen Caesar und Boris her. Vielleicht hat Caesar ihm geschäftlich voll vertraut, da er nichts von dem ernsthaften Geplänkel zwischen seiner Frau und Boris wusste. Caesar trug an dem verhängnisvollen Abend nur einen Teil der Juwelen, die im Zentrum als Mordmotiv stehen (zu dem ich sie gerade jetzt erkoren habe), bei sich, den Rest hatte er Boris anvertraut. Dieser lebt nun seit dem Mord an seinem Geschäftsfreund in ständiger Angst, weil er weiß, dass der/die Mörder nicht ruhen werden, bevor sie nicht auch den Rest der Steine in ihrem Besitz wissen. Wir sehen ihn angstvoll in der Wohnung sitzen, die Rollläden dicht geschlossen, als es klingelt. Er atmet schwer, will nicht öffnen, denkt dann aber, es könnte vielleicht Sandra sein. Er geht zur Tür, um zu rufen „Sandra, bist du es?“, als ein Schuss aus einer großkalibrigen Waffe (was immer das bedeutet, klingt aber gut) ihn durch die Tür trifft und zu Boden stürzen lässt.

Das finde ich so recht ordentlich, denn die Omi als Ich-Erzählerin würde zu viel aus ihrer Jugend erzählen und wir müssten die ganze traurige Geschichte ihrer Ehe miterleben, das Buch würde fünfhundert Seiten stark, nur wegen der geschwätzigen, wenn auch lieben Omi. Sandra könnte natürlich als Ich-Erzählerin prickelnde Details aus ihrem vorehelichen Leben als „Gesellschafterin“ berichten. Sie in eine Stripteasebar zu verschieben, ist mir zu billig. Mir scheint Boris die beste Wahl.

Die Möglichkeit des Hobbydetektivs ist bereits skizziert, weiter oben habe ich Caesar Hellerwiesen in die Richtung gestupst, zusammen mit Klara-Anna. Er hat die nötige breite Lebenserfahrung, die Gewitztheit, denn er findet sich in allen Lebenslagen zurecht, das freundliche Auftreten usw. Da muss ich gar nicht mehr viel formen, die Frage, die bleibt ist: Geht die Perspektive nach dem ersten Wechsel nochmals in die erzählerische Form zurück, oder führt Caesar uns bis zur Auflösung? Als Mensch mit Hang zur Symmetrie würde es mir besser gefallen, dass die Ich-Caesar-Form in der Mitte steht, umrahmt von zwei Erzählformen.