Ratgeber Handwaschen 2/11

Vorwort

Damit wir uns als Leser, Leserinnen und Autorin näherkommen, werde ich auf das förmliche Sie in diesem Büchlein verzichten. Außerdem verwende ich von der Autorin nur die weibliche Form und setze damit voraus, dass auch die männliche Form damit angesprochen ist.

Lasst mich mit einem Zitat von Johann Wolfram von Goethe beginnen:

„Oh lasst uns die Hände wringen, unter Wasser, mit Schwung
Das macht uns sauber und hält uns jung“ [1]

Schon Goethe also beschäftigte sich mit diesem Thema, und das sicher nicht ohne Grund. Er lässt hier Hermann Wagner, einen älteren Herren, sprechen, der gerade Magdalena, einer jungen Moldawierin, seine Liebe erklärt. Als Magdalena ihm in feurigen Worten erklärt, dass sie in Moldawien durchaus eine ausgeprägte Händewaschkultur haben und er sie damit brüskiere, verfällt Hermann endgültig der jungen Frau. Er fällt vor ihr auf die Knie, fleht sie an, ihn zu erhören. Sie aber weist ihn ab, was nach einer weiteren Irrfahrt Hermann s durch Moldawien schließlich dazu führt, dass er sich das Leben auf tragische Weise nimmt: Er stellt sich solange bei Gewitter mitten aufs Feld, bis ihn schließlich der Blitz trifft. Magdalena erkennt nun, dass Hermann sie wirklich geliebt hat. Sie will aber Ernesto, den jungen Sohn des Bürgermeisters, heiraten und ruft spontan laut aus: „Ich wasche meine Hände in Unschuld in Bezug auf den Tod dieses alten Mannes.“ [2]

Die Literatur ist voller Anspielungen auf das Händewaschen [3], was uns deutlich zeigt: Dies ist ein wichtiges Thema. Dennoch habe ich bei meinen gesamten Literaturrecherchen kein einziges Buch gefunden, das sich wirklich ausreichend mit dem Thema beschäftigt. Warum also gibt es noch keinen Ratgeber für uns, obwohl das Thema doch wichtig ist und durchaus schon lange ernstgenommen wurde? [4] Die Beantwortung dieser Frage sprengt den Rahmen des vorliegenden Buches und sollte in einer eigenen Publikation untersucht werden.

Noch ein kleiner Hinweis: Bei aller Ernsthaftigkeit, die mit diesem Thema verknüpft ist, lernen wir doch leichter, wenn wir auch ein wenig lachen können. Nicht jeder aber erkennt einen kleinen Scherz und so werde ich für die, die noch kein Humorseminar besucht haben und auch keine Naturbegabung sind, Scherze durch ein nachgestelltes „[LOL]“ markieren [5].

Zuerst aber möchte ich dich an der Hand nehmen, die du bitte vorher gründlich gewaschen hast [LOL], und dich durch die Jahrhunderte führen, in denen die Handwäsche stets wichtiger war als die Ganzkörperdusche.

[1]          Johann Wolfram von Goethe. Reise nach Moldawien: Eine kleine Unterweisung. 27. Auflage 2016, Stockholm, New York und Wolfenbüttel, Seite 27ff.

[2]          Ebd., Seite 185.

[3]          Siehe u.a. Richard von Weizecker, „Mein Leben als Pilot“, 1997, Seite 18-110.

[4]          Sofrates, „Seine drei wichtigsten Reden“, in der Übersetzung von Karl Mangersfield, 1883, Seite 27.

[5]          LOL kommt vom Englischen „Let Out Laughter“, deutsche Fassung: „Lass [den] Ollen Lachen“.

Ratgeber Handwäsche 1/11

Ratgeber „Händewaschen“

Wenn ich ein Buch bei einem Verlag unterbringen möchte, muss ich in 99,99999999 % der Fälle ein Exposé beilegen, das in der Regel zwei Seiten nicht überschreiten sollte, eine Seite ist meist noch lieber gesehen. Deshalb werde ich auch nun meinen treuen Lesern und Leserinnen zuerst das Exposé vorstellen. Vorbestellungen für den Ratgeber können dann in den Buchhandlungen aufgegeben werden, denn ich bin sicher, dass sich mehrere Verlage um das Manuskript reißen werden. Sobald die zehnte Auflage verkauft ist, gebe ich hier einen aus, nämlich eine Sechserpackung Lavendelseife.

Exposé

Exposé „Ratgeber Händewaschen“

Das Buch enthält ein Vorwort und einige Kapitel sowie einen Anhang. Der Seitenumfang ist noch nicht bekannt, da das Buch noch in der Entstehung begriffen ist, fünfhundert Normseiten (je 1800 Zeichen, inklusive Leerzeichen) sind aber geplant.

Zielgruppe sind alle Menschen, angesprochen werden dabei Erwachsene, die auch die Verantwortung für Säuglinge, Kinder, Jugendliche, Senioren und wirklich alte Menschen tragen. Das Buch ist in einfacher Sprache gehalten, sodass es für alle sozialen Schichten verwendbar ist. Kleine humorvolle Einlagen sorgen für Appetit auf mehr.

Auf das Vorwort folgt ein historischer Rückblick: Wie war das früher, welche Bedeutung hat das Händewaschen in unserer Gesellschaft.

Es folgt eine Beschreibung, wie sich Leute die Hände waschen, dabei liegt die Konzentration auf Mitteleuropa. Sollte das Buch in afrikanische und asiatische Sprachen übersetzt werden, ist hier noch Raum für lokale Erweiterungen gegeben.

Ein weiteres Kapitel konzentriert sich auf die Hilfsmittel: Seifen (fest und flüssig) bzw. Syndets und Wasser.  Ganz wichtig ist das Kapitel zu „Schädliche Folgen von falschem Händewaschen“ mit den Unterkapiteln Körper und Psyche, da in der Bevölkerung meist nur oberflächliche Informationen zu diesen Aspekten verbreitet sind, z.B. mangelnde Hygiene, was aber nur ein wirklich kleiner Teilaspekt ist.

Das Hauptkapitel, das im Zentrum des Buches steht, gibt eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für das richtige Händewaschen, hier werden die einzelnen Finger, die Fingernägel und Besonderheiten für verschiedene Altersgruppen aufgeführt. Schon hier sei erwähnt, dass die Abgrenzung zwischen Senioren und wirklich alten Menschen wohl erstmalig und ausführlich im deutschen Sprachraum aufgeführt wird, um Fehler in Pflege und Zusammenleben zu vermeiden, was wiederum der Gesellschaft Kosten spart.

Dem unvermeidlichen Schlusswort, in dem noch ein kleines Fazit des gesamten Buches gezogen wird, folgt ein Anhang. Hier berücksichtige ich bereits, dass dieses Büchlein eine gute Grundlage für Seminare und Coaching-Veranstaltungen zum Thema „Händewaschen“ ist. Da gibt es natürlich einmal Coaching-Tipps und dann auch Power-Pointfolien. Die Folien eignen sich nicht nur für Coaching-Veranstaltungen, sondern auch für VHS-Kurse, Kongresse, Schulunterricht und Kurse in Seniorenheimen.

Wie es sich für eine gute Arbeit gehört, schließt das Werk mit einer Literaturübersicht.

Inhaltverzeichnis

Vorwort

Historischer Rückblick

Wie waschen sich die Leute ihre Hände (Beschreibung)

Hilfsmittel

  • Seifen und Syndets
  • Wasser, warm oder kalt

Schädliche Folgen von falschem Händewaschen

  • Körper
  • Psyche

Schritt für Schritt-Anleitung

  • Daumen
  • Zeige-, Mittel- und Ringfinger
  • Kleiner Finger
  • Handgelenke
  • Besonderheit Nägel
  • Besonderheiten Altersgruppen; Definition
  • Säuglinge
  • Kinder
  • Jugendliche
  • Erwachsene
  • Senioren
  • Alte Menschen

Schlusswort

Anhang

  • Coaching-Tipps
  • PowerPoint-Folien
  • Literaturangaben

 

Joghurt und Ratgeber

Vor vielen Jahren besaß ich ein rechteckiges Plakat im DIN A2-Hochformat mit neun Diagrammen: drei pro Reihe und drei pro Spalte. Die Hintergrundfarbe war schwarz, die Diagramme waren in Weiß gehalten.

Jedes Teildiagramm zeigte einen Joghurtbecher im Querschnitt. Der erste Joghurtbecher war einfach: ebener Boden, gerade Wände. Der Preis betrug eine Mark. Wobei ich hier raten muss, denn ich weiß den Preis nicht mehr.

Das Diagramm des nächsten Bechers im Querschnitt war dem ersten sehr ähnlich mit dem Unterschied, dass der Boden leicht nach oben gewölbt war, der Preis war etwas höher, sagen wir einmal eine Mark und zehn Pfennige. Das Volumen, das war offensichtlich, war kleiner geworden.

Der dritte Becher sah fast aus wie der zweite, nur war der Durchmesser des Bodens kleiner, die Wände nach unten konisch verengt. Der Preis betrug eine Mark und zwanzig Pfennige.

So ging das weiter, bis in der letzten Reihe der rechte Becher durch verschiedene Tricks der Gestaltung das geringste Volumen und den höchsten Preis hatte.

Der Titel des Plakats war „Die Entwicklung des deutschen Becherjoghurts“.

Lange hatte ich dieses Plakat an der Wand hängen, ich fand das enorm witzig und treffend. Übrigens teilte nicht jeder meiner Besucher meine Ansicht, woraus ich damals schon messerscharf schloss: Humor ist nicht immer gleich und es gibt auch Menschen, die zwar lachen können, aber keinen Humor haben.

So hing das Plakat, bis die Ecken irgendwie ausgefranst waren. Da habe ich es von der Wand genommen und vorsichtig und liebevoll in eine große Mappe aus starker Pappe gelegt. Ich habe es nie wieder aufgehängt, nach einigen weiteren Jahren habe ich es entsorgt. Ich war schon vor dem Zeitalter des Loslassens sehr gut im Entsorgen von Überflüssigem. Hätte ich damals ein Buch übers Loslassen geschrieben, wäre ich jetzt sicher reich.

Vermutlich habe ich das Buch deshalb nicht geschrieben, weil ich diese geniale Idee des Entsorgens und Aufräumens nicht erfunden habe. Ich weiß nicht, ob meine Mutter mir da ein Vorbild war oder ob ich es automatisch von ihr übernommen habe. Auf jeden Fall steht ihr in meinem Leben der Preis für die Erfindung des Loslassens zu. Warum hat sie kein Buch darüber geschrieben? Ein bisschen Reichtum hätte uns damals sicher nicht geschadet.

Meine Schlussfolgerung könnte sein, dass weder meine Mutter noch ich Lust hatten, über Selbstverständlichkeiten zu schreiben. Jeder kann loslassen, es ist ein bisschen Veranlagung, ein bisschen „Erziehung“ (meine Geschwister sind da keineswegs so krass wie ich), man sieht es überall, wenn man die Augen offenhält.

Aber hier ist mein Denkfehler. Ich sollte endlich beginnen, Ratgeber über Selbstverständlichkeiten zu verfassen. Obwohl ich gelegentlich denke, dass es jetzt zu spät ist. Nicht, weil ich denke, ich könnte das nicht schreiben oder ich sei zu alt dazu. Nein, die Lösung ist ganz einfach: Wenn ich mich im Buchhandel umsehe, so gibt es für Selbstverständlichkeiten mindestens schon zwanzig Autoren und Autorinnen, die dieses Thema bereits abgehandelt haben. Wie zum Beispiel auch den Humor, den man in Kursen und Büchern erlernen kann.

Leider weiß ich noch nicht, wie sich dieses Thema in ein graphisch ansprechendes Plakat umsetzen lässt. Das Plakat würde den Titel tragen: „Die Entwicklung des deutschen Ratgebertums“ und mit einer Selbstverständlichkeit beginnen, die auf zehn Seiten erklärt wird und zwei Euro kostet. Am Ende in der letzten Reihe ganz rechts steht eine halbe Selbstverständlichkeit, die verteilt auf zehn Bände mit je fünfhundert Seiten plus einem Coaching-Wochenende zum Subskriptionspreis von eintausend sechshundertneunundachtzig Euro angeboten wird.

 

 

Es (4/4)

Alex beschloss seine drei Studien in Fernlehrgängen zu beenden, was Es parallel in weiteren sechs Semestern schaffte. Da saß Es nun mit einem Master in Psychologie, einem Bachelor in Mathematik und einem Bachelor in Geographie. Den Master hatte Es für die Prüfer als Frau abgelegt, die beiden Bachelorprüfungen als Mann. Es stellte fest, dass Fernstudien ein einsames Leben bedeuten. Seine Eltern waren mittlerweile schon alt geworden, war seine Mutter bei seiner Geburt doch schon einundvierzig Jahre und sein Vater dreiundfünfzig Jahre alt gewesen.

Es beschloss in die weite Welt zu ziehen, um ein anderes Es zu finden. Einen Menschen, der ähnliche Erfahrungen gemacht hatte wie Es, mit dem Es sich austauschen konnte. Jahrelang zog Es so von Land zu Land, seine Eltern waren mittlerweile verstorben. Auch die alte Hexe, die seinen Eltern den Fruchtbarkeitstrunk übergeben hatte, war entweder tot oder in eine andere Ecke des Universums verzogen. Es war ganz allein. Sein Geld verdiente Es sich mit Büchern: psychologischen Ratgebern, Lernheften zu Mathematik und kleinen Reiseführern.

Auf einem Teebeutelanhänger hatte Es einen Spruch gelesen: „Gibt es denn eine Welle, die für sich allein ist im Weltenmeer?“ Es folgerte, dass der Autor die Antwort erwartete: „Nein, das gibt es nicht und – nach einer Denkpause – deshalb bin auch ich nie allein.“ Der Verfasser kannte offensichtlich kein Es, sonst hätte er so etwas Dummes nie gesagt. Aber der Spruch beschäftigte Es. Vielleicht war es selbst so eine kleine Welle, dass Es die großen Wellen um sich herum gar nicht wahrnahm? Auch das brachte Es der Lösung nicht näher.

Als das Es über sechzig Jahre alt war, konnte Es wieder häufiger unter Menschen gehen, da man Es nicht ständig damit bedrängte, ob Es nicht endlich eine Familie gründen wollte. Familie? Es zuckte mit den Schultern, was würde ihm das bringen? Und wie vermehrt sich ein Es, das kein Gender Shifter ist? So viele Fragen, so wenige Antworten! Manchmal war Es verzweifelt. Manchmal zürnte Es den Göttern, wobei Es sich gleichzeitig gar nicht sicher war, ob es sie überhaupt gibt. Und waren diese, falls es sie gab, männlich, weiblich oder eslich? Es wehrte sich gegen den Begriff sächlich für ein Es.

Es fühlte sich sehr allein. Wann immer Es versucht hatte, mit anderen Menschen engeren Kontakt zu pflegen, kam die Frage irgendwann auf das Geschlecht. Es gab keine Antwort darauf, aber Es war auch nicht gern allein. Manchmal saß Es auf einer Bank des Spielplatzes im Park und beobachtete die kleinen Kinder, die glücklich auf dem Rasen spielten. Sie hatten es einfach, sie waren Jungen oder Mädchen. Sie würden, wenn sie es geschickt anstellten, niemals einsam sein.

Manchmal tuschelten die Mütter über Es und warfen ihm merkwürdige Blicke zu. Einmal kam ein Vater, baute sich vor ihm auf: „Sie beobachten wohl gern kleine Kinder, sie alter notgeiler Mann? Gehen Sie fort von hier und belästigen Sie unsere Kinder nicht weiter.“

Das alte Es stand traurig auf und ging heim. Auf dem Heimweg hatte Es den Eindruck, ihm folgte jemand. Der wütende Vater, wollte er ihn vielleicht zusammenschlagen? Es bekam Angst, denn Es fürchtete sich vor körperlichen Auseinandersetzungen, Schmerzen, Verletzungen, vielleicht dem Tod. Es konnte aber niemanden sehen.

Als Es nach Hause kam, setzte es sich erschöpft auf sein Sofa. Das Leben als Es war so anstrengend. Es war müde, Es humpelte zum Herd, um sich einen Tee zu kochen. Dann überprüfte Es online sein Konto. Oh, das sah gut aus, der Ratgeber „Sei du selbst“ verkaufte sich prächtig, in den nächsten Jahren musste Es keine finanziellen Sorgen haben, wenn Es ein wenig vorsichtig haushaltete.

Da klingelte es an der Tür. Es bekam eine Gänsehaut, hatte der Vater einen Trupp wütender Nachbarn zusammengetrommelt, um Es zusammenzuschlagen? Es humpelte zur Tür und sah durch den kleinen Sehschlitz. Da war niemand, schon gar nicht ein Trupp. Es öffnete die Tür. Da stand ein kleiner Junge, vielleicht zehn Jahre alt und schaute ihn an.

„Was willst du?“

„Ich bin so allein, und irgendwie fühle ich mich dir so nahe.“

Das Es war erstaunt. Was für eine altkluge Wortwahl. Oder war der kleine Junge vom Mob vorgeschickt, die sich gleich auf Es stürzen wollten, um das Leben aus ihm herauszuprügeln, sobald Es den kleinen Jungen hereinbat.

„Wie heißt du denn?“

„Ulli.“

Das Es schaute nach links, schaute nach rechts, da war niemand zu sehen. Ein bisschen Gesellschaft bei einer Tasse Tee wäre wunderbar, auch wenn es ihn vielleicht die Gesundheit oder das Leben kosten würde.

„Wissen deine Eltern, dass du hier bist?“

Ulli schüttelte den Kopf.

„Du solltest ihnen Bescheid geben.“

„Sie vermissen mich nicht, sie sind froh, wenn sie mich nicht sehen.“

„Aber wie das denn?“ Mitleid zerriss fast Alex‘ Herz. „Du bist doch so ein anständiger netter Junge, wie können sie die nicht sehen wollen?“

Ulli schüttelte den Kopf. „Ich bin kein anständiger netter Junge.“

Alex rührte in seinem Tee. „Nicht? Bist du ein Schläger? Ein Lügner?“

Ulli schüttelte den Kopf erneut. „Ich habe dich im Park gesehen und dachte irgendwie, du verstehst mich. Ich bin kein Junge, meinte ich.“

Da verstand Es die Botschaft, ging in die Küche und kochte einen großen Topf Kakao für sie beide.

 

Es (3/4)

Alex nickte mit dem Kopf, natürlich hatte Es schon von den Wesen hört, die, so hieß es, ihre Form verändern konnten, so komplett, dass sie zu anderen Wesen wurden.

„Du bist ein Gender Shifter. Du kannst jedes Geschlecht annehmen, das du möchtest, oder aber Es bleiben.“

Es schüttelte den Kopf. „Das möchte ich nicht. Ich sehe doch bei Gleichaltrigen, welche Probleme so ein Geschlecht aufwirft. Bin ich etwa ein drittes Geschlecht?“

„Nein“, sagte der Vater, „das bist du nicht und lass dir das nicht einreden.“

Es ging grübelnd in sein Zimmer zurück. War das nun ein Glück oder ein Unglück? Es las in alten Mythen, aber fand nichts über sich. Nichts in Sagen, Märchen, Legenden oder Minnegesängen. Die Schule wurde schwierig, nicht etwa wegen seiner schulischen Leistungen, die waren sehr gut. Aber Es wurde komisch angesehen: immer noch keine Freundin, kein Freund, keine eindeutigen Zeichen. So ein geschlechtsloses Wesen? Es wurde mehr und mehr getuschelt und gelacht. Es bat daher seine Eltern eines Abends, die Schule wechseln zu dürfen. Und so geschah es. Unter der allgemeinen Klage „Mobbing“ konnte Es die Schule zwei Jahre vor dem Abitur wechseln. Bis zum Abschluss ging es gerade noch durch, weil Es sich ein Attest für den Sportunterricht ausgestellt hatte. Alex war sehr gut im Fälschen offizieller Dokumente.

Alex wollte Psychologie, Mathematik oder Geographie studieren. Warum nicht alles zusammen?, fragte sein Vater. „Du bist etwas Besonderes, also enge dich nicht ein.“

Es schrieb sich in Bielefeld in Psychologie ein. Nach zwei Semestern ging auch hier das Getuschel los, also wechselte es nach Göttingen, um dort Mathematik zu studieren. Nach vier Semestern rückten ihm im Studentenwohnheim sowohl die Studenten als auch die Studentinnen zu nahe. Es wechselte nach Hamburg, um dort Geographie zu studieren. Das hielt nicht lang, denn unglücklicherweise verliebte sich ein Professor unsterblich in Es. Das allein wäre noch nicht so schlimm gewesen, aber seine Frau hatte ebenfalls ein Auge auf Es geworfen. So ein junger fescher Bursche! Das Paar geriet daraufhin in einen stundenlangen Streit, weil jeder Alex für sich reklamierte. Sie wollten Alex am nächsten Tag zur Rede stellen. Aber Es war hellhörig und verschwand über Nacht. Kein Abschluss in der Tasche, drei Fächer anstudiert, das war keine Grundlage.

Es ging zu einem Psychologen in Behandlung, weil Es nicht mehr weiter wusste. Dieser riet ihm nach drei Sitzungen, seine sexuelle Identität herauszufinden, sonst käme es im Leben nie weiter. „Aber ich brauche meine sexuelle Identität nicht zu finden, ich habe sie, ich bin Es!“

„Es gibt es nicht. Es gibt Männer, Frauen und auch Asexuelle. Das ist unabhängig davon, ab man heterosexuell, homosexuell, bisexuell oder Transgender ist. Jeder hat eine Grundsexualität.“

Alex betrachtete gelangweilt seine Fingernägel. Es hatte selbst genug Psychologie gelernt, um zu erkennen, dass dieser Mann seine Begriffe nicht korrekt verwendete.

„Ach ja? Und was soll ich Ihrer Meinung nach tun?“

„Ich bin Psychologe, kein Ratgeber. Was Sie tun sollen, müssen Sie selbst herausfinden. Ich begleite sie, ich bin kein Leiter.“

„Ich brauche keine Leiter.“

Der Psychologie starrte Alex an. Was sollte das jetzt?

Alex dachte: „War ja klar, der hat keinen Humor.“

„Haben Sie schon mal von Gender Shiftern gehört?“

Der Psychologe schüttelte den Kopf, „Das klingt nach Unsinn aus einem Science Fiction. Was soll das sein?“

„Menschen, die auf Wunsch ihre Sexualität ändern können.“

„Das sind doch Bisexuelle“.

„Nein. Bisexuelle fühlen sich mit beiden Geschlechtern sexuell verbunden, Gender Shifter ändern ihr Geschlecht.“

„Das sind Transgender!“

„Nein, nein, Gender Shifter machen das mehrmals und ohne Hormone oder Operationen.“

„Ich sage doch, Science Fiction Unsinn. Finden Sie Ihre sexuelle Identität heraus und dann machen wir einen neuen Termin.“

Alex verließ die Praxis wortlos. Es glaubte mittlerweile auch nicht mehr, dass seine Eltern mit der Bezeichnung „Gender Shifter“ bei ihm richtig lagen. Es hatte eines Nachts versucht, sich als Frau zu fühlen, dann als Mann, aber Es fühlte sich nun einmal einfach und schlicht als Es.

Es (2/4)

Alex selbst war sich dieser zweigleisigen Aufmerksamkeit bewusst. Als Es mit siebzehn immer noch keine Freundin oder einen Freund hatte, begann das Getuschel. Steht er nur auf Jungs? Ach, eine verkappte Lesbe? Es reagierte darauf nicht, denn Es konnte mit solchen Bemerkungen nicht viel anfangen. Zuhause fragte Es seinen Vater: „Bin ich schwul? Oder bin ich Transgender?“ „Alex, Alex, woher hast du denn diese Gedanken nun, wie kommst du auf die Idee?“

„Papa, ich kann lesen und ich sehe, was um mich herum passiert. Ich mag die anderen Schüler und auch die Schülerinnen, aber einfach mit der Güte meines Herzens, sonst spüre ich nichts. Warum ist das so?“

Sein Vater sah seine Frau an. Sie schlug die Augen nieder. „Simon, wir müssen es Alex sagen.“ Der Vater nickte. Alex sah die beiden überrascht an.

„Du hast schon gemerkt, dass die Menschen aufgeteilt sind in weibliche und männliche Wesen. Vorwiegend spüren sie gegenseitige Anziehungskraft, manchmal ist es aber auch nicht verkreuzt.“

„Ich verstehe, was du sagen willst, Papa, auch wenn es etwas unpräzise und schwammig ist.“

„Dann gibt es noch Transgender, du weißt sicher, was das bedeutet?“

„Ja, man ist etwas, was man nicht sein will.“

„Bist du etwas, was du nicht sein willst?“

„Nein, ich bin rundherum mit mir und meiner Welt zufrieden.“

„Na, also. Du bist einfach Es.“

„Ja, ich war das Kind, aber das Jugendliche gibt es nicht.“

„Du bist das Es. Mit großem E.“

„Ich kann mir nichts darunter vorstellen. Und warum ist das so?“

„Das ist eine etwas längere Geschichte, die für deine Ohren seltsam klingen mag. Wir, deine Mutter und ich, haben sehr lange versucht, ein Kind zu bekommen, aber wir waren viele Jahre erfolglos. Wir haben alles Mögliche probiert, wir sind zu Ärzten, Weisen, Heilern und Eremiten gezogen, niemand konnte uns helfen. Eines Tages kamen wir zu seiner alten Hexe…“

„Papa, es gibt keine Hexen!“

„Doch, Alex, gibt es. Das siehst du doch an dir.“

„Hexen sind böse, das heißt ich bin ein Produkt des Bösen? Das ist furchtbar, das möchte ich nicht sein!“

„Hexen sind nicht böse, das ist ein Vorurteil aus alten Zeiten. Hexen heißen einfach deshalb Hexen, weil sie hexen können. Das ist alles. Aber kommen wir zurück zu dir. Eines Tages kamen wir, deine Mutter und ich, zu einer alten Hexe. Wir klagten ihr unser Leid. Da sprach sie: „Ich kann euch helfen, denn ich habe noch ein Kind übrig, das ich verschenken darf. Habt Ihr irgendwelche Wünsche für dieses Kind, was es sein soll?“ Wir antworteten beide wie aus einem Mund: „Es soll gesund sein!“ Da gab uns die Hexe eine Flasche mit giftgrüner Flüssigkeit, davon sollten wir jeden Morgen ein Gläschen trinken, bis die Flasche leer war.

Das taten wir. Und als deine Mutter schwanger wurde, waren wir überglücklich, dass uns so ein großes Glück zuteil wurde. Wir gingen zu der alten Hexe, um uns mit einem Geschenkkorb bei ihr zu bedanken. Dabei haben wir zufällig mitbekommen, wie sie sich mit ihrer Elster unterhielt. Sie sprach zu der Elster, über das Es. ‚Lange habe ich gewartet, bis ich Menschen fand, die des Es würdig wären. Aber bei allen reichte es nur für ein Mädchen oder einen Jungen. Vor mehreren Monden aber kam ein Paar, dem ich Es endlich anvertrauen konnte. Ich hoffe, sie werden Es liebhaben und von Schaden fernhalten. Denn Es hat ein schwieriges Leben, da nur wenig Es auf diese Welt leben.‘

Da wurde uns endlich klar, was Es bedeutet: Du bist nicht Mädchen, du bist nicht Junge, du bist auch nichts dazwischen, du bist Es. Ein Es in der Familie zu haben ist ein seltenes Glück.

„Aber ich muss doch ein Geschlecht haben.“

Die Mutter lief rosa an. Sie hatte nicht gedacht, über so intime Dinge mit dem Es reden zu müssen. Der Vater fuhr tapfer weiter fort.

„Du bist Es. Du hast das Geschlecht, das die anderen in dir sehen wollen, und das Geschlecht, das du haben möchtest.“

„Oh, wie kompliziert. Das wechselt aber bei mir, manchmal möchte ich ein Mann sein, manchmal eine Frau.“

„Das ist schon richtig. Sagt dir der Begriff Shape Shifter etwas?“

Es (1/4)

Es war ein Es und schon als Es geboren worden. Wenn die Mutter während der Schwangerschaft gefragt wurde: „Was wird es denn?“, antwortet sie wahrheitsgemäß: „Keine Ahnung, wir haben dazu keine Informationen.“ Oder „Wir wissen das nicht, wir wollen dies auch erst mit der Geburt erfahren.“

Aufmerksamen Zuhörern hätte auffallen können, dass die Mutter sorgfältig ein gewisses Wort vermied. Es fiel aber niemandem auf. Vor allem nicht, da die Gespräche zwischen Mutter und Vater, so sie dann von Freunden, Bekannten oder Verwandten überhört wurden, ganz normal klangen.

„Sollen wir für es eine Wiege kaufen oder soll es erst bei uns im Bett schlafen?“

„Diese Wickelkommode ist gut, sie hat unten eine Kante, damit es nicht herunterfallen kann, das süße kleine Baby.“

Denn darüber waren sich die Eltern schon im Klaren: Es würde einmalig süß sein, sie würden Es sofort lieben und hegen und pflegen, bis Es erwachsen war.

Die Eltern bestanden auf einer Hausgeburt, eine Hebamme sei nicht nötig. Das gab rechtes Aufsehen, denn das fanden alle sehr unverantwortlich. Einige Verwandte sahen sich gemüßigt, das Ordnungs- oder Jugendamt und die Polizei einzuschalten, aber diese wiesen die Verantwortung weit von sich. „Es gibt in diesem Land keine Unterdrückung der Bürger, hier darf jeder wählen gehen, Impfpflicht wird nur diskutiert. Einen Personalausweis muss man zwar haben, aber man muss ihn nicht ständig bei sich tragen. Und es gibt auch keine Pflicht zu irgendwelchen zwangsanwesenden Geburtshelfern.“

Der Geburtstermin rückte näher, die Eltern besuchten brav alle Kurse von Hebammen, Beratern und Ärzten. Sie fühlten sich dem Tag gewachsen.

Wie die Geburt wirklich vonstatten ging, blieb unbekannt. Die Eltern gaben keinerlei Auskunft. Auf die Frage: „Was ist es denn geworden?“ antworteten sie gleichbleibend fröhlich: „Es ist ein gesundes Kind, wir sind überglücklich!“ Da fanden es alle taktlos nachzufragen. „Wir müssen einfach auf die Geburtsanzeige warten, wenn sie nicht drüber reden wollen.“ Die Geburtsanzeige auf den Namen Alex Kirschmeier stellte alle zufrieden.

„Also doch ein Junge, wobei mir Alex auch besser gefällt als Alexander, das klingt so gewaltig. Alex ist ein sympathischer Jungennamen. Nun wissen wir wenigstens, was wir dem Kleinen zur Taufe schenken können.“

„Endlich hat das Getue ein Ende, es ist ein Mädchen geworden! Die kleine Alexandra, mal sehen, ob sie so hübsch ist wie ihr Name.“

Bei Formularen war das nicht so einfach. Mutter und Vater Kirschmeier hatten sich ein nach Wunsch aufrufbares Nuscheln angewöhnt und ein Kopfnicken, das man entfernt als geistesabwesend bezeichnen könnte, zumindest im Nachhinein. Sie hatten Glück auf den Ämtern, mal erschien Alex als Mädchen auf dem Formular, ein andermal als Junge. Aber es beschwerte sich niemand. „Was wird sein,“ meinte Herr Kirschmeyer eines Abends zu seiner Frau, „wenn Es später selbst einmal gefragt wird nach dem Geschlecht?“ Seine Frau zuckte mit den Schultern. „Warum sollten wir uns heute darüber Gedanken machen, heute fragt niemand Es danach.“ „Stimmt, wir vertagen das.“

Alex war ein ausgesprochen hübsches Kind. Goldene Löckchen, schokoladenbraune Augen, ein fröhliches und heiteres Gemüt, aufgeweckt für sein Alter. Es war überall gerngesehen. Als Es eingeschult wurde, kam die unvermeidliche Frage nach dem Geschlecht. „Alex, das ist doch eindeutig, oder?“ So war es, und jeder trug ein, was er gerade für eindeutig richtig hielt.

Alex selbst war sich dessen gar nicht bewusst, dass Es etwas Besonderes war. Es spielte wie alle Kinder, gern mit Puppen, gern mit Autos, am PC war Es recht schnell fit, aber wer ist das heute nicht? Beim Sport- und Schwimmunterricht galt Alex als ein wenig zurückgeblieben und prüde, da Es sich immer mit dem Rücken zu den anderen Schülern umzog. Manchmal fragte Es seine Eltern, warum Es so anders sei als alles, was es an Menschenbildern gesehen habe. Seine Mutter streichelte ihm liebevoll über den Lockenkopf: „Weil du etwas Besonderes bist.“ „Ach so“, war die Antwort, dann. Es hinterfragte nicht, was seine Eltern sagten. Alex war ein braves Kind, Alex war klug und ging deshalb aufs Gymnasium. Als Es in die Pubertät kam, erwarteten Mitschüler und Mitschülerinnen auf ein Zeichen einer Orientierung, damit sie Es einordnen konnten. Die Mädchen schwärmten von Alex: „Er sieht so gut aus, sein Lächeln geht einem durch und durch, sein männlicher Blick lässt mir die Knie weich werden!“ Die älteren Jungs waren sich einig: „Alex ist eine heiße Nummer, ihr sanfter Blick allein zeigt doch, wie sie voller Weiblichkeit ist, jetzt schon.“