Plus Paul (2/2)

Nicht nur einmal wurde Johnny von der Polizei nach Hause gebracht. Sturzbetrunken und laut pöbelnd war er mit seinen fünfzehn Jahren zusammen mit Paul in der Eingangshalle eines Nobelbordells aufgegriffen worden. Johnnys Mutter weinte, sein Vater tobte: „Ich verbiete dir den Umgang mit diesem Paul!“ Johnny zuckte nur mit den Schultern, stolperte lallend in sein Zimmer und verschloss die Tür. Laute Rockmusik hallte bis zum frühen Morgen aus seinem Zimmer. Paul zeigte Johnny auch, wie man mit seinen Eltern umgehen sollte, Johnny lernte schnell. Mit siebzehn gab er seinem Vater zum ersten Mal eine Ohrfeige, als dieser sich wieder über Paul aufregte. Die beiden waren mit mehreren Tütchen Kokain erwischt worden.

Kurze Zeit später zog Johnny von zu Hause aus. Mit achtzehn kaufte er sich ein Auto und jeder fragte sich: Wie hat er das bezahlt? Davon hatten seine Eltern eine recht gute Vorstellung, aber sie sprachen nicht mehr über Johnny. Oder über Paul.

Johnny und Paul lebten in Saus und Braus. Bis Paul bei einem illegalen Autorennen ums Leben kam. Der Schock für Johnny war gewaltig. Er warf leere Flaschen an die Wand, er demolierte seine teure Stereoanlage, er beschimpfte jeden in den wüstesten Tönen, der ihn anzusprechen wagte.

Sein Leben hat seinen Halt verloren. Er wurde aus der Wohnung geklagt, das Auto hatte er schon für die letzte Miete versetzt. Er war betrunken, er war mit Drogen vollgepumpt. Seine Eltern hatten gehofft, der schreckliche Tod seines besten Freundes würde ihn so schockieren, dass er zu einem normalen Leben zurückkehrte. Das Gegenteil war der Fall. Johnny hatte kein Vorbild mehr, dem er nacheifern und mit dem er wetteifern konnte. Niemand mehr, der über die gleichen Scherze lachte, niemand mehr, der ihm die besten Ideen gab.

Johnny war drogenabhängig, die ganze Familie wusste es mittlerweile. Irgendwie hielt er sich über Wasser, er achtete auf sein Äußeres, weil er wusste, dass er mit seinem Aussehen die Frauen beeindruckte. Er spezialisierte sich auf ältere Frauen, die bereit waren, ihm immer wieder einen Hunderter oder mehr zuzustecken, was alles für Drogen draufging. Es machte alles keinen Spaß. Bis er Elke traf, die anders war als alle Frauen, die er bisher gekannt hatte. Nicht, dass er sich geändert hätte, aber mit Elke machten die Exzesse Spaß. Obwohl er sich nach manchen gemeinsamen Unternehmungen nicht mehr sicher war, ob er das ohne Drogeneinfluss auch mitgemacht hätte. Er hatte sich deshalb schon Unterlagen von einer Drogenberatung geholt, etwas, das er bisher immer strikt abgelehnt hätte. Elke liebte Exzesse noch mehr als Johnny, nur von den Drogen ließ sie die Finger. Nach dem Motto „Wenn’s am schönsten ist, soll man aufhören“, sorgte sie dafür, dass er sich keine Sorgen mehr um seine Zukunft machen musste. Was an anderer Stelle detaillierter beschrieben ist.

 

Plus Paul (1/2)

Plus Paul

Warum die Eltern ihm den Namen Johannes gegeben hatten, wussten sie später selbst nicht mehr. Sie nannten ihn schon nach wenigen Wochen Hannes, aber das fanden sie genauso altmodisch wie Johannes. Dann hatten sie so einen tollen Film gesehen, und daraufhin hieß ihr Johannes überall nur noch Johnny. Damit war Johnny zufrieden, auch als er älter wurde, selbst als er in das Alter kam, in dem Jugendliche eigentlich immer mit ihrem Vornamen unzufrieden sind. Johnny ist cool, fand Johnny.

Johnny war kein aggressives Kind, aber er wehrte sich seiner Haut. Er war schlagkräftig und fix, daher wurde er in Kindergarten oder Schule nur selten in Schlägereien verwickelt. Nur Paul, der das alles nicht wusste, als er neu in Johnnys Schule kam, versuchte Johnny kleinzukriegen. Was er dann aufgab, als er sich von ihm eine blutige Nase und zwei blutende Schienbeine eingehandelt hatte. Von diesem Zeitpunkt an hatte er große Hochachtung vor Johnny. Johnny wiederum bewunderte Paul von dem Tag an, an dem er ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Das Wort cool musste für Paul erfunden worden sein! Nicht nur hatte er immer schicke Klamotten an, die in der Saison angesagt waren, er war der erste mit Handy, gab in der Schule den Lehrern kräftig Widerworte und wusste unheimlich viel über die Dinge, die man als Junge wissen muss. Bei seinen Mitschülern war er deshalb absolut anerkannt, allerdings nicht so sehr bei den Eltern der Kinder. „Der ist zu frech, der wird mal abrutschen, da möchte ich nicht, dass er unseren Kevin (… David … Michael oder wie sie alle heißen mögen) herunterzieht“. Mütter von Mädchen sahen ihn ebenfalls kritisch, „Der ist mir zu frühreif!“, war eines der Argumente.

Frühreif war Paul in der Tat, und auch dafür wurde er von einigen bewundert. Nach der großen Schlägerei kamen Paul und Johnny prima miteinander aus, das ist aus der Literatur von Jungenfreundschaften wohlbekannt. Sie mochten sich, sie respektierten gegenseitig ihre Fähigkeiten. Zusammen waren sie ein geiles Team, wie sie selbst sagten.

Paul war zwei Jahre älter als Johnny, was aber nie auffiel, weil Paul relativ klein und Johnny relativ groß für sein Alter war. Mit dreizehn Jahren begann Paul sich für Mädchen zu interessieren, da musste Johnny mithalten, auch wenn es ihm eigentlich egal war. Das erste Mädchen, sie war siebzehn, an dem Paul seine Männlichkeit erprobte, musste anschließend für Johnny herhalten. Paul drückte ihr zehn Euro in die Hand: „Mach’s mit ihm auch, ich gucke zu, und dann kannst du dir was Hübsches kaufen.“

Johnny fand das cool. Deshalb ergänzte er die Liste für Geburtstagseinladungen, die seine Mutter ihm als Vorschlag präsentierte und auf der sie durchaus nicht ohne Grund Paul ausgelassen hatte, immer mit einem „Plus Paul!!!“. Mit drei Ausrufezeichen. Die Mutter seufzte, wenn es dann sein Herzenswunsch war …

Wenn Paul Johnny etwas zeigte, übernahm Johnny das mit Begeisterung. Meist trieb er es dann noch eine Stufe weiter, was Paul wiederum megatoll fand. Wenn Paul im Laden eine Dose Energiedrink mitgehen ließ, so als Mutprobe, nahm sich Johnny gleich drei Stück. Wenn Paul sich ein Mädchen schnappte, dann trieb Johnny es später mit ihr und zwei anderen gleichzeitig. Johnnys Eltern waren machtlos gegen Pauls Einfluss. Sie hatten gedacht, sie könnten einmal mit Pauls Eltern sprechen. Als sie seine Eltern bei einer Schulfeier sahen, guckten sie sich an und wussten – kein Wunder, dass Paul so geworden ist. Aber Johnny, er kam doch aus einem ordentlichen, geregelten, liebevollen Elternhaus? Sie gehörten zu der Generation, die fest davon überzeugt war, dass Erziehung einen Menschen ausmacht.

Ohne Olga (2/2)

Jeder brachte etwas zu essen mit, Kleinigkeiten, um den Gaumen zu reizen. Stets versuchte Olga, alle zu übertrumpfen. Besonders auf Marlene hatte sie es abgesehen. Hatte diese sich extra Mühe gegeben und komplizierteste Petit Fours gebacken, konnte sie sicher sein, dass Olga beim nächsten Treffen die perfekten Petit Fours mitbrächte. Marlene wusste nicht, ob sie früher einfach nicht gemerkt hatte, wie hinterlistig und zersetzend Olga war oder ob sie gleichzeitig empfindlicher geworden war. Die anderen schienen jedoch nichts zu merken. Ohne Olga wäre alles so fröhlich! Sie traute sich aber nichts zu sagen aus Furcht, ihre Freundinnen würden sich gemeinsam gegen sie wenden. Etwas, dass die zartbesaitete Marlene nicht ertragen konnte, der Harmonie über alles, oder sagen wir besser: fast über alles ging.

Sie merkte selbst, wie sie langsam von dem Gedanken besessen war, Olga loszuwerden, Olga mit der perfekten Frisur, der perfekt-eleganten Kleidung, den perfekten Kindern und Enkelkindern. Marlene hatte zwei Kinder und drei Enkel, herzallerliebste Engelchen, die drei. Sie waren drall und rotbackig, kletterten über Zäune und Abdeckungen, lutschten am Daumen, stahlen Äpfel, waren fast wie aus einem Bilderbuch entsprungen. Olgas Enkel fand sie schon von den Erzählungen her extrem unangenehm, vorlaut und altklug.

Selbst Henriette, mit der Marlene am längsten befreundet war, wollte ihrer Freundin gedanklich nicht folgen. „Marlene, so schlimm ist sie wirklich nicht. Sie ist halt stolz, wer kann es ihr verdenken? Sie kommt aus einer Arbeiterfamilie und ihre Kinder und Enkel haben es so weit gebracht!“ Und ähnliche Dinge mehr. Marlene lachte hässlich, ja, ja, Arbeiterfamilie. So kann man den asozialen Unterbau auch nennen.

Ihr wurde immer klarer, dass sie Olga loswerden musste. Es war dringlich für die fröhliche Stimmung. Ohne Olga wären sie ein echtes lustiges Kaffeekränzchen voller Harmonie und Spaß.

Marlene war ihr Leben lang ihren Weg konsequent gegangen. Als ihr Mann nicht mehr bereit war, ihre Vorstellungen von Erziehung mitzutragen, hatte sie sich von einem auf den anderen Tag von ihm getrennt. Ihre Kinder hatte sie bewusst gelegentlich geohrfeigt, einfach einem höheren Ziel zuliebe. Nein, Spaß hatte ihr das nicht gemacht, sie schlug nicht gerne, schon gar nicht ihre eigenen Kinder. Aber wer sich Kinder zulegt, trägt Verantwortung für deren Gelingen. Und da sie sich als Gründerin der Runde sah, war sie verantwortlich dafür, Fehler in Ordnung zu bringen.

Wie es sein musste, hatte Olga mit den Wechseljahren eine schwere Haselnussallergie entwickelt. Da passte es, dass sie sowieso Fruchteis am liebsten aß. Weil sie, Marlene, leider etwas vergesslich war – ein Bild, das sie geschickt von sich aufbaute –, würde niemand auf die Idee kommen, dass es irgendetwas anderes als Vergesslichkeit hatte sein können, Haselnüsse in das Fruchteis einzubauen. Marlene war stolz auf ihr Erdbeereis und bereitete ihren Freundinnen davon gerne und reichlich zu.

Sie verteilte das Eis in der Küche in die Gläser und trug die Portionen auf einem Tablett in das Wohnzimmer und setzte sie vor ihre Gäste. Jede bekam noch einen Klecks geschlagene Sahne obendrauf und noch ein bis zwei Esslöffel von ihrer allseits beliebten Karamellsoße. Sie selbst setzte sich an den Tisch, aß brav und langsam ihre Portion und beobachtete ihre Freundinnen, die heute auffallend heiter schienen. Ab und zu nippte sie vom Aperitif. Ahnten sie schon, dass es bald wieder gemütlich werden würde, so ohne Olga?

Olga hatte drei Löffel von dem Eis gegessen, biss in einen Keks und fing an zu husten. Waren das die ersten Zeichen der schweren Allergie? Marlene frohlockte leise, lächelte schon fast und fiel seitwärts vom Stuhl.

Die anderen schauten sich an, Olga hatte sich von ihrem Hustenanfall erholt. Sie warteten drei Minuten, dann fühlte Henriette Marlenes Puls. Da war nichts mehr. Als verdaddelte alte Damen alarmierten sie nach einer Weile den Notarzt, natürlich leider viel, viel zu spät. Dann würden sie alle ein wenig weinen und dem Notarzt kleine nette Anekdoten von Marlene erzählen. Olga gab Anweisungen: „Henriette, du spülst die Flasche und füllst sie mit neuem Zitronensprudel auf. Ingelore, wir beide setzen uns ins ehemalige Kinderzimmer und spielen Maumau. Senioren werden irgendwann ein wenig kindisch.“ Alle taten, was abgesprochen war. Es war so viel einfacher ohne Marlene, die alles immer so negativ gestaltete.

 

Ohne Olga (1/2)

Ohne Olga

Sie trafen sich einmal in der Woche, und das schon seit über dreißig Jahren. Marlene und Henriette kannten sich einige Jahre länger, sie hatten zusammen die höhere Handelsschule besucht. Marlene überlegte, ob es diese Einrichtung heute wohl noch gäbe. Schreibmaschine schreiben hatten sie gelernt auf mechanischen Maschinen, die Handgelenke litten. Stenografie gehörte damals ebenso ins Programm. Sie trugen Trevira-Faltenröcke und Pullis mit eingelegten falschen Kragen. Sie waren so um die zwanzig Jahre alt, eine Mischung aus verrückt und ehrgeizig. Die beiden hatten damals schon angefangen, sich jede Woche mindestens einmal auch abends zu treffen. Tagsüber hockten sie sowieso gemeinsam an den Pulten.

Einige Jahre später schlug Marlene vor, zwei ihrer Kolleginnen aus dem Büro mitzubringen. „Die passen gut zu uns, wir könnten dann Skat oder Rommee oder sowas spielen.“ Ingelore und Annegret passten wirklich gut in die kleine Runde. An Henriette nagte es etwas, dass beide Neuzugänge von Marlene kamen. Nach wenigen Wochen schlug sie daher vor, dass sie auch jemand Nettes kennen würde, der prima zu ihnen passte. Skat zu fünft ist natürlich nicht möglich, aber Mensch ärgere dich nicht oder Stadt-Land-Fluss? Und so kam Olga ebenfalls in die muntere Runde.

Sie gingen gemeinsam durch die Jahrzehnte, lernten Männer kennen, heirateten, hatten Kinder, Enkel, waren vielleicht auch wieder allein. Marlene hatte nah am Wasser gebaut und begleitete viele Erzählungen mit ihren Tränen, Henriette versuchte stets, den Sinn hinter allem zu sehen. Ingelore lachte über alles, Annegret war sich unschlüssig, wie sie etwas einschätzen sollte, und Olga kommentierte alles in ihrem bissigen Sarkasmus, der bei den anderen häufig Gelächter auslöste. Ihr Mann war früh gestorben, nach einer zweiten Beziehung stand ihr nicht der Sinn und so brachte sie ihre beiden Kinder in einer Zeit alleine durch, als es den Ausdruck „alleinerziehende Mütter“ noch gar nicht gab. Was nicht heißt, dass es damals einfacher war, im Gegenteil. Sie war stolz darauf, dass es ihre Kinder zu etwas gebracht hatten. Der Sohn war Zahnarzt mit einer gut gehenden Praxis in der Kreisstadt, ihre Tochter hatte ein florierendes Steuerberatungsbüro. Auch ihre Enkel hatten mittlerweile alle Abitur und studierten teilweise schon. Olga war sehr großzügig dabei, die anderen an ihrem Glück teilhaben zu lassen.

Die anderen Damen hatten auch wohlgeratene Kinder, fanden sie schon. Aber was ist ein Blumenladen, ein Friseurgeschäft, eine Pommes Bude, eine Dachdeckerei, ein kleiner Installateursbetrieb, der Job als Verkäuferin in einer Boutique verglichen mit diesen erfolgreichen Menschen? Mit den Jahren entwickelten die Vier eine gewisse Antipathie gegen Olga, die nie mit Fotos und Anekdoten sparte. Erzählte eine der anderen Frauen stolz von Kindern, Mann oder Enkeln, wusste Olga das stets ein wenig farbloser zu machen. Dies war der feinsinnigen Marlene immer aufgefallen, und sie bemerkte, wie sich dieser Trend verstärkte.

Manchmal fragte sich Marlene, warum sie sich überhaupt noch trafen. Die Atmosphäre war mit den Jahren immer unschöner geworden, die giftigen Bemerkungen nahmen überhand. Wenn sie versuchte mit Henriette, Ingelore oder Annegret darüber zu sprechen, zeigten diese – zumindest nach außen hin – kein Verständnis. „Aber Marlene, es ist doch alles prima, wir haben so viel Spaß!“

Marlene hatte nicht mehr viel Spaß. Wann immer sie etwas erzählte, wusste sie schon, dass Olga ihre Geschichte mit einer beißenden Bemerkung erniedrigen würde. Warum tat sie das? Und warum hatte Henriette diese Giftviole überhaupt in ehemals so heitere Truppe mitgebracht? Das musste Henriette doch damals schon gemerkt haben.

Marlene malte sich aus, wie die Treffen ohne Olga wären. Friedlich, lustig, unverbissen, einfach locker und fröhlich. Sie versuchte, die Termine so zu drehen, dass Olga verhindert war, die sich wiederum sehr viel Mühe gab wegen der alt bewährten Freundschaft doch auch die schwierigsten Termine zu halten.