Der alte Mann und das Phone Teil 4 von 4

Seit die Beiden in Rente waren, hatten sie so ein gemütliches Morgenbeisammensein entwickelt. So, wie sie es jetzt handhabten, war es nicht von ihnen bewusst geplant worden, es hatte sich mit der Zeit so ergeben, dass Astrid nach Aufwachen sich noch eine Weile in Winfrieds Arme legteZwei Monate gingen nach dem Erwerb des blauen Smartphones ins Land, bis diese Zeit unmerklich immer kürzer wurde, da Winfried „gerade mal den Wetterbericht“ sehen wollte. Mittlerweile lag Astrid einfach noch fünf Minuten, während Winfried schon in sein Telefon vertieft war. Aber was soll’s, ist doch schön, wenn er so viel Spaß daran hat. Wenn der Reiz des Neuen erst einmal verflogen ist, wird sich das alles normalisieren.

Jedes Mal, wenn Winfried zum ersten Mal zu ungewohnten Zeiten oder an ungewöhnlichen Orten Facebook-Beiträge anschaute und mit „Gefällt mir“ markierte oder Zeitung las usw., versuchte Astrid darauf aufmerksam zu machen, dass dies doch ihre Zweisamkeit erheblich stören würde. Seine Antwort war stets muffelig, auch wenn er das Telefon dann zur Seite legte. Das wiederholte er drei- oder vier Mal, dann hatte Astrid keine Lust mehr, überhaupt noch zu widersprechen. Beim Frühstück, beim Fernsehen, vor dem Einschlafen, nach dem Aufwachen, im Café, überall hatte Winfried sich mit seiner Leselust durchgesetzt. Gelegentlich sprach er noch mit seiner Frau, wenn nämlich etwas am Smartphone nicht klappte oder eine App nicht so funktionierte, wie sie sollte.

Ihre gemeinsamen Einkäufe und das Abendessen waren die letzten Bastionen des gemeinsamen Gesprächs, denn selbst im Kino war das Smartphone interessanter als der Film. Hatte das Kino kostenloses WLAN, so schaute sich Winfried einige Szenen bei YouTube nochmals an. Beschwerte Astrid sich, so hörte sie immer öfter: „Du wolltest doch, dass ich mich dafür interessiere!“. Ihr Mann, der früher gern zum Erzählen aufgelegt war, verstummte immer mehr oder berichtete, was er gerade gelesen hatte. Gelegentlich gingen sie mit Freunden essen, das Smartphone lag stets neben Winfrieds Teller und seine Beiträge zum Gespräch hatte er garantiert gerade in einer Suchmaschine aufgepickt.

Als Winfried auch noch das gemeinsame Abendessen mit Smartphone-Scrollen durchsetzte, weinte Astrid. Winfried bemerkte es nicht. Sie zitterte am ganzen Körper, sie legte den Kopf auf die verschränkten Arme und weinte, wie sie lange nicht mehr geweint hatte, Winfried murmelte: „Was hast du gesagt? Ich höre hier gerade ein spannendes Interview!“, während er das Telefon ans Ohr presste. Sie wusste, dass sie das nicht mehr lange aushalten konnte, wenn sie nicht seelisch zugrunde gehen wollte. Sie liebte Winfried immer noch, aber sie konnte gleichzeitig nicht mehr bei ihm bleiben, sie würde so verkümmern. So fasste sie einen Plan.

Der gemeinsame Tatort war angesagt. Winfried hatte alles wie immer vorbereitet, er hatte ein Glas Himbeerlimonade für seine Frau bereitgestellt, die Kissen aufgeschüttelt, sodass sie gemütlich sitzen konnte. In dieser Zeit räumte Astrid die Küche auf. Wenn sie in diesen Tagen das Fernsehzimmer betrat, schaute ihr Mann nicht einmal hoch, nickte ihr nur zu.

So ging sie auch heute zum Sofa. Unter dem Arm trug sie eine große Wollpuppe, die sie aus Wollresten zusammengebastelt hatte. Wo das Gesicht der Puppe sein sollte, hatte sie ein Foto von sich geklebt. Sie setzte die Puppe aufs Sofa, dicht neben Winfried und wartete. Er schaltete auf das erste Programm, schaute nicht hoch vom Telefon, wo er gerade die Inhaltsangabe des nächsten Tatorts studierte: „Schön, dass du hier bist Astrid.“

Astrid verließ leise das Zimmer. An der Garderobe zog sie ihren Mantel an, sie überprüfte nochmals ihr Portemonnaie und ging zur Haustür. Sie zauderte, war das wirklich die richtige Entscheidung? Sie wusste gar nicht so recht, wie ihr Leben in Zukunft denn aussehen würde, wenn sie jetzt diese Schwelle überschreiten würde. „Nein“, dachte sie, „ich übertreibe, ich gehe zurück und stelle Winfried zur Rede.“ Sie stellte die Reisetasche wieder hin und ging ins Wohnzimmer. Sie hatte die Türe geöffnet, blieb dort stehen, weil sie erst nicht glauben wollte, was sie sah. Sie schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen, biss sich in das Handgelenk, um nicht vor seelischem Schmerz laut zu schreien. Es gab kein Zurück, sie lief zur Haustür, sie ließ den Haustürschlüssel am Schlüsselbrett hängen, griff ihre Reisetasche und stürmte in die wolkenlose Nacht hinaus.

Winfried saß auf dem Sofa, in einer Hand das Smartphone, im Arm die Puppe, die er zärtlich an sich drückte. „Es ist so schön, Astrid, dass du jetzt erkannt hast, wie schön unser Leben sein kann, wenn du nicht ständig Theater machst.“ Er schaute sogar vom Smartphone hoch und drückte seiner Astrid einen liebevollen Kuss auf die Wange.

*** ENDE ***

Der alte Mann und das Phone Teil 3 von 4

Es dauerte ein paar Tage, bis Winfried merkte, dass Videos besser für WLAN geeignet sind als für den mobilen Datenverkehr. Seine Flatrate von 4 Gigabyte war nämlich nach zwei Wochen fast aufgebraucht, während Astrid ihre 5 Gigabyte kaum zur Hälfte schaffte, obwohl sie mit ihren Spielen und den anderen Dingen das Smartphone häufig beanspruchte. Winfried war völlig begeistert von der neuen Technologie und Astrid freute sich über diese Begeisterung. Geduldig erklärte sie ihm, was er wissen musste, zeigte ihm manche Dinge mehrmals.

Wenn Astrid in einem Geschäft nach Kleidung stöberte, trippelte Winfried nicht mehr nervös von einem Fuß auf den anderen, er stand da, zog sein Smartphone aus der Tasche und las seine Lieblingszeitung. Wenn Astrid gerade mal hinter einem bestimmten Pokémon herjagen musste und daher einen Umweg nahm, war Winfried völlig entspannt: Er suchte Zuflucht unter dem Dach einer Bushaltestelle und sah sich die neuesten Facebook-Kommentare an. Astrid dachte immer, wie viel entspannter das Leben jetzt war, denn ihr Mann war von Natur aus eher nervös und ungeduldig. Hätte sie das gewusst, sie hätte ihm doch das Smartphone viel eher „aufgedrängt“.

Erschöpft von einer Einkaufstour nach den Feiertagen saßen sie im Café Blumenberg. Astrid holte Kuchen und Getränke, stellte sie auf den Tisch und ging gleich zur Toilette. Das kalte Wetter forderte seinen Tribut! Als sie zurückkam, war Winfried in sein Smartphone vertieft. Astrid setzte sich ihm gegenüber, nahm ihren Kuchen und ihren Kaffee vom Tablett und stellte sie vor sich. Sie wartete. Winfried sagte gedankenverloren „Guten Appetit“ und scrollte über den Bildschirm, mit der anderen Hand rupfte er große Stücke aus seinem Schokobrötchen und stopfte sie sich in den Mund. Astrid räusperte sich, Winfried schaute hoch. „Ich finde das ein bisschen schade, wenn wir nicht zusammen essen, sondern du Zeitung liest.“ Winfried schob das Smartphone mit einem vorwurfsvollen Seufzer zur Seite. Ein Gespräch wollte nicht wie sonst in Gang kommen. „Vermutlich habe ich ihn gerade bei einer interessanten Reportage gestört, das war blöde“, dachte Astrid. Als die Teller leer waren, nahm auch sie sich ihr Smartphone und schaute Winfried aufmunternd an. So saßen sie noch eine halbe Stunde in der üblichen traulichen Zweisamkeit.

Am nächsten Tag sagte Astrid nichts mehr. Winfried war doch nicht dement, er würde sich vermutlich daran erinnern, dass es ihr nicht gefiel, wenn er für die Außenwelt kein Auge mehr hätte. So war es dann auch, Winfried las seine Zeitung, bis Astrid mit dem Tablett kam, dann aß er hastig. Während sie noch genussvoll an der zweiten Hälfte ihres Hefehörnchens knabberte, war Winfried bereits fertig. „Stört es dich, wenn ich schon mal weiterlese?“ „Nein, nein, mach ruhig.“ Sie war zwar ein bisschen enttäuscht, aber andererseits freute sie sich ja auch, dass ihr Mann so schnell eine starke Bindung an sein Smartphone geknüpft hatte. Bald war es ganz normal, dass Winfried auch beim Cafébesuch das Telefon bediente. Astrid kaufte sich Kopfhörer, so konnte sie wenigstens ihre WhatsApp-Kontakte pflegen, während Winfried seine Zeitungen las oder in Instagram stöberte.

Im Bett hatten sie früher vor dem Einschlafen gelesen, jetzt war diese Lektüre dem Smartphone gewichen. Winfried las und scrollte, hörte auch schon mal Songs auf YouTube, Astrid spielte Tetris.

Winfried fand das Smartphone auch beim Fernsehen sehr bequem, er konnte schnell den Lebenslauf einiger Schauspieler checken und andere Infos lesen, ohne aufzustehen und alles am PC machen zu müssen.

Astrid ging häufig abends noch allein spazieren, spielte Pokémon Go und stieg dann auf Draconius Go um. Dank WhatsApp musste sie jetzt nicht umständlich erst Winfried anrufen, wenn es einmal später wurde. Da Winfried unter leichter Altersschwerhörigkeit litt und sein mobiles Festnetztelefon immer außer Reichweite liegen hatte, derweil sein Handy ausgeschaltet war („Ich muss ja niemanden erreichen“), musste Astrid schon mal den einen oder anderen Spaziergang verkürzen, denn Winfried sollte sich keine Sorgen machen.

Der alte Mann und das Phone Teil 2 von 4

Am nächsten Tag nahm Astrid wieder ihre normale Routine auf, Frühstück mit Brot und Brötchen, frisch aus der Bäckerei, mit Orangensaft und Marmelade. Mittags gab es Brot mit Salat, darauf legte sie großen Wert. Abends wieder etwas Warmes. Winfried scherzte „Etwas Warmes braucht der Mensch…“ Astrid backte am Wochenende gern Kuchen, den sie dann über die Woche als Nachtisch verzehrten. Gleichzeitig war sie vom Smartphone-Fieber gepackt. Mit ihrer Kusine tauschte sie WhatsApp-Nachrichten aus, überhaupt boten die verschiedenen Dienste so viele tolle Möglichkeiten zur Kommunikation! Von ihrer Kusine wurde sie auch in Pokémon Go eingeführt, das sie viele Monate spielte, bis es ihr langweilig wurde. Winfried nahm Anteil, er wusste immer genau, in welchem Level sie war, fieberte mit ihr monatelang, bis sie endlich das letzte Level erreicht hatte. Häufig fragte sie ihn: „Willst du nicht auch so ein Smartphone? Ich bin sicher, du würdest auch viel Freude daran haben!“ Aber Winfried ließ sich nicht so gern auf Neues ein und brummelte: „Ja, ja, demnächst, aber im Moment bin ich mit meinem alten Telefon noch zufrieden.“

Astrid gab nicht locker. Winfried nahm auf Spaziergänge immer ein Navigationsgerät, seine Kamera und sein Telefon mit. „Das ist doch Blödsinn, Winfried, wirklich! Mit so einem neuen Telefon hast du das alles in einem Gerät!“ Eines Tages wusste er, dass Widerstand keinen Sinn mehr machte, wie er sagte. Andererseits fand er langsam auch Gefallen an der Idee, so ein modernes Gerät zu haben. Er mochte nicht gern zum alten Eisen gerechnet werden und mit so einem neuen Smartphone in der Hand… da wäre das sicher anders.

Er sollte dasselbe Modell bekommen wie Astrid, dann konnte sie ihm am besten alles einrichten und erklären. Sie hatte die schlichte schwarze Ausführung. Winfried wollte gern das Himmelblaue. Astrid bestellte es online bei dem Provider, von dem sie auch ihr eigenes Telefon hatte. Ihr Gesprächspartner fand es sehr merkwürdig, dass sie wirklich für ihren Mann dieses teeniefarbene Telefon haben wollte. „Er hat sich dies ausgesucht!“ Schnippisch meinte der Verkäufer schließlich: „Na, gut, wie Sie meinen – aber ich würde mir das Telefon nicht in dieser Farbe kaufen!“ Astrid erzählte Winfried davon und sie lachten beide darüber, während sie in ihrem Lieblingscafé saßen. Winfried nahm immer dasselbe: einen großen Latte macchiato, dazu ein Schokobrötchen. Astrid liebte die Abwechslung, mal war es Cappuccino mit Hefehörnchen, dann Café Crema mit Himbeertorte. Manchmal tranken sie auch nur etwas. Sie hatten vor Ort vier Cafés zur Auswahl, Café Blumenberg war ihr Favorit, es war eigentlich eine Bäckerei mit angeschlossener Sitzmöglichkeit und Selbstbedienung. Dann saßen sie da, tranken ihren Kaffee, genossen ihr Stück Kuchen. Sie waren beliebt, weil sie immer freundlich waren, stets ein nettes Wort für die Verkäuferinnen hatten und auch ein kleines Trinkgeld zurückließen. Sie unterhielten sich miteinander über die Ereignisse des Lebens, die neuesten Nachrichten, was es in der Familie gab, wie sie den Film beurteilten, den sie am Vortag im Kino gesehen hatten. Winfried erzählte von all dem, was er im Fernsehen gesehen hatte, Astrid berichtete von ihrer Lektüre. Es war ein reger fast täglicher Austausch, den sie sehr genossen. Das war anders als bei den Mahlzeiten zu Hause, wo sie eher still waren.
Schon am Tag nachdem das Telefon bestellt war, kam das Päckchen an. Winfried war erst nur mäßig interessiert, es konnte ja noch nichts. Optisch fiel es ihm ausgezeichnet, besonders freute er sich auch über die Schutzhülle, die Astrid dazu bestellt hatte: eine Kunststoffhülle, die alle Bedienelemente freiließ und die gleiche Farbe hatte wie das Telefon selbst. Astrid brauchte zwei Stunden, bis das Gröbste eingerichtet war. Die längste Zeit brauchte es, bis Winfried endlich seine ganzen Passwörter gefunden hatte, die er sich auf verschiedene Zettel notiert hatte, die alle irgendwo in seinem Schreibtisch lagen. „Wichtig ist, dass du dieses Telefon auch anlässt! Bitte nicht wie bei deinem alten nur einschalten, wenn du jemand anrufen willst!“ Schritt für Schritt führte sie Winfried in die neue Welt der Smartphones ein. Er war begeistert von allem, was er lernte. Instagram war für ihn als begeisterter Fotograf genau das richtige Medium, um seine Bilder aller Welt zu zeigen. Facebook konnte er jetzt unterwegs genauso gut benutzen wie Emails und Internet. Auf dem Weg ein Autokennzeichen nachschlagen, einfach sensationell. Für Pokémon mochte er sich allerdings nicht begeistern. Mehr sein Ding waren Zeitschriften und ihre Online-Ausgaben. Unentwegt schaute er YouTube-Videos seiner Lieblingssänger und -Bands.

 

Der alte Mann und das Phone Teil 1 von 4

Der alte Mann und das Phone (nicht das Meer)

Winfried und Astrid waren schon viele Jahre verheiratet. Letztes Jahr im Juli hatten sie Goldene Hochzeit gefeiert. Die Ehe war kinderlos geblieben und als Winfried fristgerecht in Rente gegangen war, hatte Astrid drei Jahre vor der Zeit Frührente beantragt, sie wollten die verbliebenen Jahre gemeinsam genießen. Die Ehe war nicht immer nur Friede, Freude, Eierkuchen gewesen – welche ist das schon? Es hatte Turbulenzen bis zur Entfremdung gegeben, aber es hatte sich immer wieder eingerenkt. Im Gegensatz zu vielen Paaren, die sich mit Eintritt der Rente gegenseitig auf den Geist gehen, war das bei Winfried und Astrid anders. Für sie hatte die schönste Zeit des Beisammenseins begonnen.

Astrid kochte, wischte Staub und putzte die Fenster, Winfried machte Badezimmer und Küche sauber, Dinge, die Astrid hasste. Für die Teppichböden griff immer gerade der zum Staubsauger, der am besten Zeit dazu hatte. Astrid kochte lecker und gerne, Winfried aß gerne, ihre Küchenwunder (wie er sie nannte) besonders. Sie hatte in den Jahren vor der Rente viel darüber gelesen, wie eine gute Ernährung für Senioren aussieht und so gab es viel Quark, öligen Fisch, Nüsse, Obst und Gemüse bei den Mahlzeiten. Astrid achtete auch darauf, dass sie genug tranken, was Winfried schon mal vergaß. Vor sieben Jahren war bei Winfried der Blinddarm entfernt worden. Da die Entzündung lange unbemerkt geblieben war, stand nach einem Durchbruch des Blinddarms Winfrieds Leben einige Tage auf dem Spiel. Aber es war alles gut gegangen. Sein Blutdruck war nicht zum Besten, er hatte einen leichten Diabetes. Für beide Erkrankungen brauchte er noch keine Medikamente, Astrid achtete darauf, dass es dazu auch gar nicht erst kam. Was gelegentlich zu kleinem Geplänkel führte, wenn Winfried außer Haus mal „ein ordentliches Stück Kuchen“ essen wollte.

Sie hatten Gemeinsamkeiten wie die täglichen Spaziergänge, die einmal wöchentlichen Kinobesuche, das sonntägliche gemeinsame Tatort-Schauen und ihre Vorliebe für Café-Besuche. Andere Dinge machten sie lieber getrennt, wie Fernsehen, Sudoko lösen oder Rockmusik der 80er Jahre hören (Winfried) und Lesen, sich in den sozialen Medien tummeln oder neue Technik im Haus erproben (Astrid). Winfried hatte schon früh in ihrem Zusammensein bemerkt, dass Astrid die Technikbegeisterte im Haushalt war. Für diese Generation war eine solche weibliche Begeisterung eher ungewöhnlich, aber er genoss das. Seinem Hang zur Bequemlichkeit kam das sehr entgegen, dass Astrid früher die Videorekorder, dann den DVD-Player und schließlich auch die neuen Aufzeichnungsgeräte erlernte. Ihm vermittelte sie dann in Kurzform das, was er für die Nutzung wissen musste. Eine prima Aufteilung, fand Winfried, der gerne betonte, dass er das natürlich auch könnte, aber Astrid das ja nur zu gerne übernähme. Astrid lächelte dazu.

Im Frühjahr vor zwei Jahren hatte Astrid entschieden, sich von ihrem alten Handy zu trennen. Sie konnte damit zwar ins Internet, aber nur sehr mühsam. Das Lesen von Emails war keine große Freude, das Verschicken schon gar nicht. Dann entschied sie sich, so ein neues Smartphone zu kaufen. Das war Liebe auf den ersten Blick: Das Gerät war kaum eingetroffen, da hatte Astrid die wichtigsten Funktionen verstanden und ihre Vorlieben eingestellt. Abends waren bereits alle wichtigen Apps installiert. Winfried freute sich mit ihr und verzichtete daher gern auf seine geliebte Hühnerbrust mit Curryreis, die ihm für diesen Abend versprochen waren. Er strich Astrid liebevoll übers Haar, als sie begeistert und mit aufgeregter Stimme von den ganzen Neuerungen sprach. Er konnte sich wirklich mit ihr freuen. Auch das Putzen übernahm Winfried an dem Tag allein, das dankbare Lächeln von Astrid war ihm Freude genug.

Deutscher Buchpreis 2018 Teil 3 von 3

Zurück zu Witzel, der in den Reigen passt: richtiges Alter, intellektueller Werdegang, und jetzt zum Inhalt seines preisgekrönten Buches, das selbstverständlich auch nicht in einem publikumsfreundlichen Verlag wie Goldmann oder Heyne erschienen ist:

Gudrun Ensslin eine Indianersquaw aus braunem Plastik und Andreas Baader ein Ritter in schwarzglänzender Rüstung – die Welt des kindlichen Erzählers, der den Kosmos der alten BRD wiederauferstehen lässt, ist nicht minder real als die politischen Ereignisse, die jene Jahre in Atem halten und auf die sich der 13-Jährige seinen ganz eigenen Reim macht. Erinnerungen an das Nachkriegsdeutschland, Ahnungen vom Deutschen Herbst und Betrachtungen der aktuellen Gegenwart entrücken ihn dabei immer weiter seiner Umwelt. Es entsteht ein Kaleidoskop aus Stimmungen einer Welt, die ebenso wie die DDR 1989 Geschichte wurde.

Will ich das lesen? Nee. Die Jury begründet ihre Wahl wie folgt:

Frank Witzels Werk ist ein im besten Sinne maßloses Romankonstrukt. Erzählt wird die Geschichte eines Jungen aus der hessischen Provinz, der sich im Alter von dreizehneinhalb auf der Schwelle zum Erwachsenwerden befindet. In diese Geschichte eingewoben ist das politische Erwachen der alten Bundesrepublik, die beginnt, sich vom Muff der unmittelbaren Nachkriegszeit zu befreien. Diese Ära des Umbruchs wird heraufbeschworen in disparaten Episoden, die unterschiedlichste literarische Formen durchspielen, vom inneren Monolog über die Action-Szene oder das Gesprächsprotokoll bis zum philosophischen Traktat. Der Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ ist in seiner Mischung aus Wahn und Witz, formalem Wagemut und zeitgeschichtlicher Panoramatik einzigartig in der deutschsprachigen Literatur. Frank Witzel begibt sich auf das ungesicherte Terrain eines spekulativen Realismus. Mit dem Deutschen Buchpreis wird ein genialisches Sprachkunstwerk ausgezeichnet, das ein großer Steinbruch ist, ein hybrides Kompendium aus Pop, Politik und Paranoia.

Man lasse sich einmal die letzte attributiale Fügung (heißt das so?) auf der Zunge zergehen. Ein „hybrides Kompendium aus Pop, Politik und Paranoia“. Nein, so etwas kann ich natürlich nicht bieten. Ich bin eher so der Klaus-Havenstein-Typ: „Sport, Spiel, Spannung“ – aber ohne den Sport.

Was tue ich hier? Ich mache Autoren herunter, oder versuche es, die ich nicht einmal kenne. Ich mache mich über Bücher lustig, bei denen ich nicht mehr als den Waschzettel gelesen habe. Kein guter Stil, ein eigentlich primitives populistisches Vorgehen. Eigentlich passe ich mich da an einige der Figuren meiner Geschichten an, die sind auch fies. Das gefällt mir, fies sein.

Falls ich also doch für den Deutschen Buchpreis 2018 oder 2019 nominiert werde, auf diverse Short-Lists und Long-Lists komme … halt, Unterbrechung: Warum, wenn es sich doch um einen deutschen Buchpreis handelt, heißen die nicht Kurzliste und Langliste? Ende Unterbrechung – also, falls ich doch diesen Preis gewinne, kann ich gleich Inhaltsangabe und Begründung im Voraus verfassen. Ich erspare damit den Juroren viel Arbeit und kann vielleicht doch noch meine Chance auf den Preis erhöhen? Wobei ich jetzt erst einmal herausfinden muss, worin der Preis eigentlich besteht. Wenn’s kein Geld gibt, brauche ich mich damit nicht zu beschäftigen. Ich hätte das tun sollen, bevor ich diesen Essay verfasse! Das ist übrigens gut: Ich habe Kurzgeschichten geschrieben, schon eine Dokumentation, quasi ein Roman ist in Arbeit und jetzt noch ein Essay. Ich bin vollwertig im Sinne des Schriftstellertums!

Gerade habe ich nachgeschaut: Der Preisträger erhält 25.000 Euro. Das klingt gut.

Ich, Ute-Marion Wilkesmann, nehme diesen Preis 2018 oder 2019 in Empfang und erhalte 25.000 Euro. Titel des Buchs: Eine Hand wachst die andere.

Inhaltsangabe:

Ann-Kathrin eröffnet den Reigen der jeweils eigenständigen Geschichten als Sprechstundenhilfe. Die Welt des distanzierten Erzählers, in diesem Falle eine Erzählerin, lässt die Grausamkeit der Welt, aber auch ihre freundlichen Facetten anhand einer lose verbundenen Reihe von Lebensausschnitten diverser Figuren entstehen, die sich alle nacheinander begegnen. Ann-Kathrin ist auch die Figur, die wie ein Verbindungsglied den Kosmos der Erzählung / des Romans absteckt. Die Leser werden in Atem gehalten, Atempausen gibt es immer wieder, wenn eine neue Figur den Erzählungsraum betritt. Ahnungen von grausigen Geschehen und Betrachtungen der realen Lebenssituation des Deutschen aus dem deutschen Bürgertum entrücken den Leser dabei immer weiter in sein eigenes Leben. Es entsteht ein Kaleidoskop von Lebenskettengliedern, wobei das Wort Leid nicht zufällig Teil des Wortes Kaleidoskops ist.

Begründung der Jury:

„Ute-Marion Wilkesmann erzählt von Menschen, die nicht unbedingt ein Ziel, nicht unbedingt eine Richtung, aber unbedingt ein Erlebnis haben – ihr Zusammentreffen. Es treibt sie die Liebe, der Hass, die Suche nach Abenteuer im Alltag. Sie setzen sich mit elementaren Themen des Lebens auseinander: Missbrauch, Vergewaltigung, Tod, Liebe, Geburt nur selten, Karriere, Niedergang, Spaß, Spiel, Spannung. Wilkesmann gelingt es, in einem dichten Erzählgeflecht die großen Motive ihrer literarischen Pläne auf nicht allzu kleinem Raum auszuhandeln. Gleichzeitig spiegelt sie die gesellschaftliche Gegenwart in realistischen, esoterischen und phantastischen Nuancen wider. Wilkesmanns „Eine Hand wachst die andere“ ist eine Zusammenstellung vierschichtiger Texte, die auf überlegene Weise existentielle Fragen des Alltags und des Sonntags miteinander verwebt und den Leser dabei freundlich von einem Mosaiksteinchen zum anderen führt und manchmal auch ins offene Messer laufen lässt.“