Laut Lea (4/4)

Er würde nächstes Wochenende wiederkommen, dann würde er aber wirklich ein ernstes Wort mit seinen Eltern reden. Irgendwas war mit seiner Schwester ganz, ganz falsch, das war mit Elternliebe nicht mehr zu retten. Ja, er würde sich diesmal gegen seine Eltern durchsetzen und darauf dringen, dass sie mit Nele einen Arzt aufsuchten.

In der Woche hörte er nichts von seinen Eltern, aber das war manchmal so. Nick war so im Prüfungsstress, dass er das nicht wahrnahm. Ein paar Mal hatte er angerufen, da nie jemand ans Telefon ging, hinterließ er auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht, dass er Samstagabend käme. Er schaffte es aber mit ein bisschen Glück, noch einen Nachmittagszug zu erwischen, da ein Kommilitone ihn im Auto zur nächsten Großstadt mitgenommen und sogar an den Bahnhof gebracht hatte.

Als er daheim ankam, war das Haus in friedliches Sonnenlicht gebadet. Die Vögel zwitscherten, es war Zeit, dass der Garten einmal gerichtet werde. Merkwürdig, sein Vater ließ es sich sonst im Sommer nie nehmen, den Rasen häufiger zu mähen, als von Fachleuten empfohlen war. Er schloss die Haustür auf und hörte eine Stimme, sie kam aus der Küche. Er zog die Luft ein. Es roch irgendwie … unangenehm. So wie es letztlich in der Mensa gerochen hatte, als altes Gammelfleisch zu lange im Kühlraum gelegen hatte, zum Glück war der Skandal in letzter Minute aufgedeckt worden. Er ging vorsichtig zur Küche, was war hier los? Die Küchentür stand einen Spalt offen und er erkannte die Stimme seiner Schwester.

Sie saß am Tisch, hatte sich Zwieback in eine Flüssigkeit gebröckelt, Milch oder Obstbrei. Sie aß davon, Löffel für Löffel und dann führte sie den Löffel zum Mund ihrer Puppe. Deren Gesicht war völlig mit altem und frischem Essen verschmiert. „Du musst essen, das ist wichtig, laut Lea kann kein Mensch ohne Essen leben.“ Nick zog die Luft ein, sein Instinkt sagte ihm – Lauf weg, hör nicht zu! Aber gleichzeitig ließ ihn das Grauen auf der Stelle stehen bleiben. Er sah Neles Profil. Ein perfektes Profil, das kein Bildhauer hätte ebenmäßiger formen können, gleichzeitig hart und unnahbar wie immer. Ab und an verzog sie den Mund mechanisch zu einem kalten Lächeln. „Meine Liebe, meine Süße, laut Lea, das habe ich dir jetzt schon mehrmals erklärt, ist es nicht gut, wenn Eltern ihren erwachsenen Kindern widersprechen wollen.“ Sie rührte mit dem Löffel im Suppenteller. Neben ihr stand ein Stapel von fünf oder sechs Suppentellern, unordentlich aufeinandergestapelt, da die Löffel jeweils noch darin lagen. „Laut Lea darf ich mich wehren, wenn eine Katze mich ärgert.“ Sie rührte und starrte in die Ferne. „Laut Lea muss ich kleine Jungs und Mädchen bestrafen, die auf der Straße böse Sachen hinter mir herrufen.“ Sie hob den Teller zum Mund und zog den Rest mit einem lauten schlürfenden Geräusch in den Mund. Nick versuchte vergeblich, im Halbdunkel etwas zu erkennen. Seine Schwester brabbelte weiter, manches unverständlich. Er wollte sich gerade vorsichtig auf den Rückzug begeben, als sie wieder gut verständlich war: „Laut Lea war es wichtig, dass ich meinen Eltern endgültig klarmache, dass sie Nick nicht länger verteidigen dürfen, sie wollten einfach nicht einsehen, dass Nick ein Soziopath ist.“ Sie klopfte einen Rhythmus mit dem Löffel auf den Tisch. „Laut Lea musste ich sie bestrafen, und laut Lea ist es ganz wichtig, dass ich gleich hinter der Eingangstür stehe, wenn Nick vom Bahnhof kommt, und seine Strafe unweigerlich vollziehe. Laut Lea ist das schon lange fällig.“ Mit diesen Worten umklammerte sie ein großes Messer, das auf dem Küchentisch neben ihr lag und dessen Klinge mit einer braungetrockneten Masse verschmiert war.

 

Laut Lea (3/4)

Nick sprang auf, tippte sich an die Stirn, „Das ist doch nicht mehr normal!“, und stürmte aus dem Zimmer. Die Mutter rief hinterher: „Nick, nicht doch, du musst verstehen …“ Aber Nick wollte Nele nicht mehr verstehen. Die Mutter umarmte Nele, aber diese wurde wieder stocksteif und versuchte wegzurücken.

An diesem Punkt hätten die Eltern sich Hilfe von außen holen sollen. Aber irgendwie glaubten sie immer noch, das würde sich auswachsen, das würden sie schon hinbekommen, es sei nicht so schlimm. Wann immer in der Nachbarschaft etwas Ungewöhnliches passierte, gab Nick sofort seiner Schwester die Schuld. „Sie hat die Katze von Frau Köttensieper die ganze letzte Woche schon so schief angeguckt, und heut liegt die arme Katze mit verdrehtem Hals vor Frau Köttensiepers Haustür. Na, da sehe ich aber einen Zusammenhang!“ Ihre Mutter konnte sich das nicht vorstellen. „Ach, Nick, warum musst du immer nur das Schlechte in Nele sehen?“ Er sagte nichts, stürmte aus dem Haus und lief zu seinen Freunden, um Fußball zu spielen. Die Mutter klagte bei ihrem Mann, dass sie sich überhaupt nicht vorstellen könne, dass Nele so etwas Furchtbares tun würde, okay, sie ist ein bisschen still, manchmal schaut sie finster, „aber unser Kind ist doch nicht grausam!“ Ihr Mann stimmte ihr nickend zu, auch wenn er manchmal dachte, Nick hätte vielleicht gar nicht so Unrecht.

Neles Schulleistungen waren stabil und gut. Sie war mit Ernsthaftigkeit bei der Sache. Bei ihren Mitschülern war sie nicht mehr beliebt. Sie wurde gemieden, ihr machte das anscheinend nichts aus. Als die Klassenlehrerin beim Elternsprechtag mit den Eltern das Gespräch darüber suchte, blockte Neles Mutter das ab. „Das ist nur eine schwierige Phase, das geht bald vorbei.“

Katzen und Hunde verschwanden. Einmal, Nele war so etwa siebzehn, verschwand ein kleiner Junge mehrere Tage. Als man ihn drei Tage später im Wald wiederfand, konnte er nichts darüber sagen, wer ihn dort hingebracht hatte. Er murmelte etwas von einer Lea, und dass er ständig gefroren habe und geschlagen worden sei. Wer das war? Er wusste es nicht, es war dunkel gewesen. Auch sonst machte er einen verstörten Eindruck. Neles Mutter tröstete die Eltern von Kevin: „Unsere Nele hatte auch mal so eine Zeit, ist schon einige Jahre her, wo eine Lea für alles herhalten musste. Das wird sich bei ihrem Kevin sicher auch auswachsen“, dabei lächelte sie Kevins Mutter freundlich an. Kevins Mutter dachte: „Um Himmels willen, wenn eine Lea-Phase aus einem netten kleinen Mädchen so eine unsympathische Gestalt machen kann … nein, danke!“

Nele sprach abends immer noch mit ihrer Puppe im Bett. Nick, der nur noch selten nach Hause kam, versuchte mit seinen Eltern darüber zu sprechen, dass es für eine Achtzehnjährige keineswegs normal ist, Puppen zu haben. Aber seine Mutter beschwichtigte ihn: „Jedes Kind hat das Recht auf seine eigene Zeit, um groß zu werden!“ Nele zog sich immer zurück, wenn Nick nach Hause kam. Wenn sie ihm begegnete, starrte sie ihn aus ihren großen dunklen Augen an, ohne seinem Blick auszuweichen. Er fand das unheimlich, obwohl er schon erwachsen war. Er hatte ursprünglich geplant, übers Wochenende zu bleiben, denn er hing an seinen Eltern. Aber diese Blindheit seiner Schwester gegenüber konnte er nicht ertragen. Wie sie ihre Eltern auf ihre dunkle Weise herumkommandierte, machte ihn zornig und traurig zugleich.

Laut Lea (2/4)

Der Übergang war fließend. Abends im Bett nach der Gute-Nacht-Geschichte von Papa und dem Gute-Nacht-Kuss von Mama wartete sie, bis sie allein war, keine Schritte oder Stimmen mehr zu hören waren. Dann unterhielt sie sich mit Lea. Lea gab ihr bereitwillig Auskunft bei allen Problemen ihres jungen Lebens. „Lea, ich kann mir noch immer nicht die Schuhe allein binden und bin schon in der zweiten Klasse, was soll ich tun?“ Lea erklärte ihr Schritt für Schritt, wie es geht. Wichtig war, dass man zuerst die Bänder über Kreuz legt. Als ihre Mutter sich ein paar Tage später darüber mokierte, wie ihre Tochter ihre Schuhe verschnürte, meinte Nele nur: „Laut Lea ist das die optimalste Methode, um die Schnürsenkel festzumachen.“ Ihre Mutter seufzte, Nele war noch zu klein, um sich einen Vortrag darüber anzuhören, dass optimal bereits optimal und nicht steigerbar ist. So ging die Lea eher unter. So war das häufig bei Gelegenheiten, wenn laut Lea dies oder jenes falsch oder richtig war, immer gab es andere Dinge, die der Familie auffielen. Lea war bald eine Konstante. Ihre Mutter freute sich, dass ihre kleine Nele offenbar Freundschaft mit einer jungen Lehrerin geschlossen hatte. Ein bisschen schoss sie mit ihrer Lea-Verehrung über das Ziel hinaus, aber das würde sich schon wieder einrenken.

Wie Lea Neles Leben stärker und stärker beherrschte, sahen die Eltern nicht. Wie sie erwartet hatten, wurde das „laut Lea“ seltener. Sie hörten nicht, wenn Nele nachts unter der Bettdecke ihrer Puppe den Hintern versohlte und ihr erklärte, dass dies laut Lea leider nötig sei, weil sie sich nicht gut benommen hatte. Der Übergang von der fröhlichen Nele zu einem eher stillen, nahezu verstockten kleinen Mädchen war fast unmerklich. Abends saßen die Eltern zusammen und sprachen über die Veränderung. „Was war denn der Auslöser?“ „Ich weiß es nicht, hier ist doch gar nichts Besonderes passiert. Auch in der Schule, ich habe die Lehrerin gefragt, war nichts.“ Noch machten sie sich keine Sorgen, diese Wesensveränderung würde sich bestimmt genauso geben wie das „Laut Lea“-Gehabe.

Unmerklich wurde ihnen ihre Tochter immer fremder. Wenn ihre Mutter sie abends in den Arm nahm und ihr einen Gute-Nacht-Kuss aufs Haar drücken wollte, wurde Nele starr und zog sich zurück. Als das zum ersten Mal passierte, weinte ihre Mutter sich nachts in den Schlaf. Was war denn los? Wenn ein Elternteil ihr etwas sagte, legte Nele den Kopf schräg, so als wenn sie einer Stimme zuhörte, um dann meist mit einem „Nein, das mache ich nicht“ zu antworten. An diesem Punkt angekommen, konnte sie keiner mehr umstimmen, weder durch gutes Zureden noch durch Schelte oder Strafmaßnahmen.

Das Leben mit Nele wurde bedrückend. Der fünf Jahre ältere Nick war komplett genervt von dem Getue um seine Schwester. Er war ein bisschen altklug und als Nele mit ihrer Antihaltung wieder einmal dabei war, die Stimmung beim Sonntagskaffee zu verderben, rief er ihr über den Tisch zu „Du bist doch nur eine Soziopathin!“ Nicht etwa, dass er genau wusste, was ein Soziopath ist, aber es klang unangenehm und widerlich. Nele sah ihn mit ihren großen dunklen Augen an, legte den Kopf schräg. Sie dreht sich zu ihrer Mutter: „Laut Lea sollten wir den Wellensittich zum Tierarzt bringen und ihm den Hals umdrehen lassen.“ Es war totenstill im Zimmer, selbst der Wellensittich krakelte nicht. Dann lächelte Nele, es war ein kaltes Lächeln ohne Herz, sie drehte sich zu ihrem Bruder und sagte: „So etwas würde eine Soziopathin sagen.“ Was stumm blieb, war die Einleitung „Laut Lea, sage ich dir: So etwas …“.

Laut Lea (1/4)

Laut Lea

Prolog

Wenn ich meine normale Runde zu Pokémon-Arenen gehe, komme ich an einer Einbahn-Straße entlang, die gesäumt ist von Reihenhäusern auf der einen und Doppelhäusern auf der anderen Seite. Sie macht eine Biegung und in der Biegung und noch ein Stück weiter sind parallel zur Straße hintereinander Parkbuchten angelegt. Als ich gestern vorbeikam, stand ein grauer Kombi mit hochgeklappter Heckklappe dort, ein Mann so Mitte Dreißig packte Verschiedenes ins Heck. Aus dem offenen Wagen war die Stimme eines kleinen Mädchens zu hören, sie schluchzte wie eine Heulboje. Der Vater sagte etwas zu ihr, sie heulte, er sagte noch etwas, da jammerte sie laut: „Jetzt lass mich mal ausreden!“

Ich habe laut (nicht zu laut) gelacht, es war so herrlich, wie ein kleines Kind (weit unter Grundschulalter, das war an der Stimme zu erkennen) einen solch gediegenen Satz von sich gibt. Wahrscheinlich hört sie ihn des Öfteren von ihren Eltern, wenn sie diese ständig mit ihrem Bojen-Gejammer unterbricht.

Laut Lea

Nele saß am Esstisch, sie ließ die Beine den Stuhl hinunter baumeln. Ihr Bruder Nick saß ihr gegenüber und kippelte mit dem Stuhl. Ihre Mutter sah Nick vorwurfsvoll an: „Würdest du bitte damit aufhören? Du weißt doch, dass uns das alle nervös macht.“ Nele guckte unschuldig von ihrer Mutter zu Nick und zu ihrem Vater. Ihr Vater schaute von der Zeitung hoch, strich sich den Kaffeeschaum von der Oberlippe und stimmte seiner Frau nickend zu. „Das geht wirklich so nicht, Nick. Stell dir vor, du arbeitest wie ich später in einer Anwaltskanzlei und wibbelst dauernd mit dem Stuhl. Da wirst du deinen Job nicht lange haben. Bezüglich deines Benehmens musst du an dir arbeiten.“

„Bezüglich“ war so ein Wort, das ihr Vater häufiger gebrauchte als andere Menschen. Als sie ihre Mutter danach gefragt hatte, hatte diese gelacht, ihr über den Kopf gestrichen und geantwortet: „Das macht der Beruf, das färbt ab. Wir können schon froh sein, dass Papa nicht ständig so gestelzt redet.“ Und dann hatten sie zusammen gelacht.

Was Nele auch sehr beeindruckt hatte, war das Wort „laut“. Sie kannte es sonst nur in dem Zusammenhang, dass sie zu laut war. „Sei doch nicht so laut, Nele, den Nachbarn fallen sonst die Ohren ab!“, hörte sie oft genug. Aber nein, das andere laut war so ein schickes Wort. „Laut Frau Köttensieper“, so sagte einmal ihre Mutter über ihre Nachbarin, „muss man Kakteen im Winter kalt und trocken stellen, das ist für sie am besten.“ Auf der großen Wohnzimmerfensterbank stand eine Sammlung exotischster Kakteen. Nele hatte in keiner anderen Wohnung so viele stachelige Pflanzen gesehen wie bei sich zu Hause.

Als ihre Mutter dann eines Abends wieder rummeckerte, weil sie ihre Spielkiste noch nicht ordentlich eingeräumt hatte, erprobe sie es zum ersten Mal. „Laut Lea ist es nicht gut für den Schlaf, wenn man noch so viel aufräumt.“ Ihre Mutter schaute erstaunt hoch. Das Wort laut war ihr gar nicht aufgefallen, nur von Lea hatte sie noch nie gehört. „Wer ist denn Lea?“ Nele war ein Kind mit Phantasie und antwortete prompt „Lea ist eine Aushilfslehrerin und meine Freundin.“ Da wollte die Mutter nicht widersprechen, schmunzelte und ließ es für diesen Abend gut sein. Man soll den besten Freundinnen seiner Töchter nicht widersprechen, wenn man in der Gunst der Töchter bleiben möchte.

„Laut Lea“ wurde eine Lieblingsformulierung von Nele. „Laut Lea sind Kakteen die besten Zimmerpflanzen überhaupt.“ Alle nickten nur. Sie merkte schnell, dass sie es nicht übertreiben durfte. Sie war ein helles Köpfchen, Nick ordentlich nerven war okay, aber die Eltern nicht.

Konrad (3/3)

Natürlich mochte sie. Sie bereitete eine meisterliche Rede vor, gespickt mit spitzbübischen kleinen Anmerkungen und Anspielungen an seine Streiche, vor denen er auch im Ruderclub nicht halt gemacht hatte, voller Hochachtung für ihren Konrad. Statt „nur mit Konrads Kraft“ hatte sie sich die schöne Formulierung „kraft Konrad“ überlegt. Er war so ein kluger junger Mann, er würde die Schönheit ihrer Formulierungen erkennen. Seine aus Bescheidenheit gesenkten langen blonden Wimpern über seinen blauen Augen würden sich voller Bewunderung heben, wenn sie diese Worte benutzte. Sie putzte sich fein heraus für diesen Tag, ging extra zum Friseur und ließ sich einen flotten Kurzhaarschnitt aus ihrer Pagenfrisur schneiden. Sie blieb auf dem Teppich natürlich, aber die Gedanken sind frei, und solange man mit beiden Füßen auf dem Boden steht, kann nichts passieren.

So stand sie an dem kleinen Rednerpult in der Aula des städtischen Gymnasiums. Sie war ein bisschen aufgeregt, ihre Wangen waren rosig. Es war so abgemacht, dass sie ein Zeichen geben sollte, wann Konrad zu ihr kommt. So war es mit dem Vorsitzenden vereinbart. Das Glas mit Wasser von links nach rechts schieben, das wurde bei den Feiern immer so vereinbart. Zum Proben war keine Zeit mehr gewesen, es war auch wirklich einfach genug. Sie hatte sich die Passage „kraft Konrad“ zum Höhepunkt gesetzt, dann wollte sie das Zeichen geben. Ihr Blick glitt über die Menge, sie hatte Konrad noch nicht gesehen. Rechts saß eine Traube junger Menschen, diese üblichen etwas ungepflegten, groben Gestalten, die ordinären jungen Mädchen. Sie rückte die Brille zurecht. Ihre Stimme bebte leicht, als sie fortfuhr: „Und ich kenne Konrad schon viele Jahre und freue mich, dass ich ihm heute diese Ehrung überreichen darf. Der Verein weiß“ (und dabei schob sie das Glas von links nach rechts), „dass nur kraft Konrads“, und jetzt guckte sie erwartungsvoll hoch über ihren Brillenrand, weil sie ihn sehen wollte, bevor sie weitersprach.

Sie rückte ihre Brille mit einem Ruck ein Stück höher auf der Nase, näher an die Augen, weil sie nicht glauben wollte, was sie sah. Sie hörte auf zu sprechen und schaute nur auf diese hagere Gestalt, die in diesen schrecklichen Sportklamotten auf die Bühne zugeschlurft kam. Seine Augen schienen ihr keinen Glanz zu haben, seine Gesichtsfarbe war nicht rosig. Am schlimmsten aber war, dass sie ihn kaum erkannt hatte: Er hatte die Haare komplett abrasiert, die goldenen Locken der Ewigkeit übergeben, sein Kopf sah aus wie ein ballrunder Totenschädel. Konrad schaute sie erwartungsvoll an, die Zuschauer ebenso. Es war still, sie sagte kein Wort. Sie räusperte sich. Er stand ihr gegenüber und sah sie an, mit einem kühlen Blick. Darin war keine Besonderheit.

Nein, das wollte sie nicht ertragen. Sie nahm das Glas Wasser und schüttete es ihm ins Gesicht, sie schlug ihm das Manuskript über den kahlen Kopf, den er versuchte, mit den Händen zu schützen. Es gab kein Halten mehr für sie, sechs Mann mussten sie festhalten und fast raustragen. Sie schrie und weinte, bis der Notarzt kam und ihr eine Beruhigungsspritze gab. Der Vorsitzende wagte es nicht, seine Frau anzuschauen. Sie hatte gleich gesagt: „Diese Frau Brockenroth, mit der ist irgendetwas nicht in Ordnung, das kann alles recht peinlich werden!“ Aber er hatte es besser zu wissen gemeint. Nun hatte er das Theater. Frau Brockenroth wurde auf eine Liege gelegt und mit einer Thermodecke zugedeckt. Und von der Liege aus, schon halb eingeschlafen, sah sie das Schlimmste: Die falsche Kopie von ihrem Konrad trocknete sich die Haare mit einem Tuch ab, neben ihm stand so eine Schlampe mit rückenlangen blonden Kraushaaren in einem kurzen Rock und einer Lederjacke, die ihn tröstend umarmte. Sie lehnte sich zurück. Das würde ein Nachspiel haben!