Erfindungen 3/3

Michael platzte fast vor Stolz. „Hast du schon bemerkt, dass die Tischplatte und dein Sitz etwas wärmer sind als noch vor zehn Minuten?“

Für wahr, er hatte Recht – ich hatte nur gedacht, ich hätte mich von den kalten Außentemperaturen im warmen Restaurant aufgewärmt. Der Sitz war richtig schön muckelig, die Tischplatte leitete die Temperatur an das Besteck und den Teller weiter, sodass meine Kartoffeln trotz des spannenden Gesprächs nicht kälter wurden.

„Ich habe eine Methode entwickelt, wie sich Sitze und Tischplatten allmählich erwärmen lassen, wobei gleichzeitig auch die Teller abgekühlt werden können. Und das unsichtbar für den Gast.“

Mein verständnisloser Blick machte ihm offenbar klar, dass ich zu diesen primitiven Menschen gehören, die die Größe von Erfindungen nicht auf Anhieb verstehen.

„In einem Nobelrestaurant wird die Temperatur nach etwa 65 Minuten unerträglich, der Wirt von nebenan, der seinen Umsatz höherschrauben will als der noble Nachbar, nimmt einen anderen Faktor, weshalb es bei ihm die Gäste nach 55 Minuten nicht mehr auf dem Stuhl aushalten und nach der Rechnung rufen. Der nächste Gast kann Platz nehmen.“

Michael rechnete mir nun anhand weiterer Formeln vor, wie genau und in welcher Höhe sich Umsatz so steigern oder auch senken ließe. „Denn“, so vertraute er mir an, „zu hoher Umsatz kann die Steuern hochschnellen lassen.“ Das verstand ich, denn wer will schon viele Steuern zahlen?

„Der Clou meiner Erfindung kommt aber noch.“ Michael machte eine Kunstpause, um meine volle Aufmerksamkeit zu erhalten.

„Für Billigrestaurants habe ich die Schnellvariante entwickelt. In die Tische sind Drähte eingezogen, die mit den Stühlen verbunden sind. Bleibt der Gast länger als zehn Minuten, bekommt er einen leichten Elektroschock. Diese Schocks verstärken sich im Minutentakt. Wobei sich dieser Takt herauf- oder herabsetzen lässt.“

Mein Freund lehnte sich selbstzufrieden nach hinten. Ich war beeindruckt. Plötzlich rief er hektisch nach dem Kellner: „Zahlen bitte!“. Er zahlte hastig und wir verließen das Restaurant.

„Was war das denn? Es war doch noch gemütlich warm!“.

Michael war etwas blass. „Es gibt ein paar Modelle, da habe ich am Anfang nicht gemerkt, dass ich mich verkalkuliert habe, die Formel war noch in der Erprobungsphase. Ich habe sie als Anfängermodelle preiswert an interessierte Restaurants verkauft.“

Mein Blick musste fehlendes Verständnis ausgedrückt haben.

„Öhm, ja, also, da kommt dann eine kleine Stoßwelle mit drei Impulsen…“

Stimmte, das hatte ich am Tisch auch gemerkt. „Ja, und?“

„Drei Minuten nach dieser Stoßwelle gibt es einen, ähm, ziemlich starken Totschlag, äh, Stromschlag.“

„Wie stark???“

Michael guckte betreten auf seine Schuhe. „Nun…. du weißt doch, in einigen Ländern gibt es noch die Todesstrafe.“ Er musste wohl bemerkt haben, dass ich mehr als geschockt war.

„Nein, nein, keine Sorge, in den späteren Modellen, die ich an diverse Burgerketten verkauft habe, geht es über starken Schmerz und blaue Flecken nicht hinaus. Nur eben in den Prototypen…“.

Ich fand es immer schon sehr lecker, in der heimischen Küche zu essen. Dann dachte ich an meine Freundin Birgit, die sich selbst als meine Freundin sah, was ich nicht bestätigen wollte, aber sie besuchte mich schon mal gern, wenn es mir gar nicht passte. Und wenn sie einmal saß, dann saß sie!

Daher meine Frage an Michael: „Hast du das eigentlich auch schon für Einzelsitzplätze im Privathaushalt weiterentwickelt?“

Mit Dank an Eric, der mir die Idee für die Elektrostöße gegeben hat.

 

Erfindungen (2/3)

„Ich habe das ausgerechnet, sie müssten für 200 g Pommes Frites das Dreifache nehmen, wenn wirklich alles nobel-nobel sein soll. Also 9 Euro für eine Portion Pommes Frites? Das zu bezahlen wären nicht einmal die Superreichen bereit“, wobei Michael vermeintlich heimlich auf seine goldene Uhr schaute.

„Unser Restaurantbesitzer rechnet also korrekt: Das Produkt Menge x Preis ist 600, das akzeptieren die Esser. Wenn ich jetzt 600 durch den gewünschten Preis von 9 dividiere, erhalte ich einen Preis, den jeder akzeptieren wird, der einmal für das Produkt ‚600 Einheiten‘ akzeptiert hat.“

Mir schwirrte langsam der Kopf, aber ich konnte noch folgen.

„600 geteilt durch 9 ist, korrekt gekürzt mit der Zahl 3, 200 durch 3, und das ergibt 66,67 Gramm als wünschenswertes Gewicht.“

Ich rechnete mit Hilfe des Taschenrechners nach, wirklich: 600 durch 9 ist 66,66666666 usw., also korrekt gerundet 66,67 (g).

„Du erhältst auf einem Teller aufgerundet 70 Grämmchen Pommes. Davon wirst du zwar magenbezüglich nicht satt, aber du hast das beruhigende Gefühl, dass der Wirt dich nicht betrügt, da er korrekt den Pommes-Buden-Faktor anwendet.“

Ich nickte. Ich finde zwar eine Portion von 70 g Kartoffeln wirklich unerheblich für eine auch nur annähernd befriedigende Sättigung, aber Michaels Logik konnte ich mich nicht verschließen.

„Gut, Michael, das alles sehe ich ein. Aber diese Formel scheint mir weltbekannt, denn es ist im Volksmund die Regel verbreitet: Je teurer das Restaurant, desto winziger die Portionen. Und 70 g Kartoffeln ist definitiv winzig. Nur: Was hat das mit dir zu tun, wieso konntest du durch diese Formel reich werden?“

Michael warf mir einen mitleidigen Blick zu. „Natürlich bin ich nicht mit dieser Formel reich geworden, ich habe einfach das Prinzip verinnerlicht. Das Prinzip nämlich, dass der Gastronom Umsatz machen muss. Und hier setzt die nächste Formel an: Je kleiner die Portion pro Preis, umso länger kann der Gast verweilen. Oder andersherum: Wer seine Kartoffeln sehr billig verkauft, muss dafür sorgen, dass der Gast schnell Platz für den nächsten Gast macht.“

Sehr einsichtig, das hatte ich vor Jahren mal über McDonalds gelesen, dass sie ihre Restaurants möglichst ungemütlich gestalten, sodass niemand dort am Stuhl klebt. Ob das stimmte, habe ich nie überprüft. Nun präsentierte mir mein Freund die Verweildauerformel, meine Güte, es wurde kompliziert:

„Die Grammangabe in der Preisberechnungsformel ist auch gleich der neue Faktor k für die Verweildauerformel. Sagen wir einmal, ein Gast in einem Restaurant isst eine 70-g-Portion Kartoffeln, aber der Wirt will seinen Konkurrenten unterbieten, indem er es darauf abzielt, die Gastverweildauer (GVWD) zu verkürzen. Er rechnet flink: Bleibt der Gast im Nobelrestaurant 100 Minuten für 70 g Kartoffeln – ich wähle die Zahl 100 hier nur, weil sie leichter in Berechnungen verwendet werden kann, nicht weil irgendein Gast 70 g Kartoffeln über mehr als anderthalb Stunden hinweg kaut“ (ich war Michael sehr dankbar für diese Erläuterung, hätte ich ihn sonst doch beim Kartoffelwort genommen), „so ergibt sich die Formel GVWK = k x P (P für Preis). Beim Konkurrenten sitzt der Gast 100 Minuten lang, um 70 g Kartoffeln für einen Preis von wie oben erläutert 9 Euro zu verzehren. Der gewitzte Wirt könnte aber seinen Umsatz verdoppeln, wenn er die GVWK halbiert, denn damit die Formel korrekt bleibt bei gleichem Umsatz, ist genau das vonnöten.“

Ich nickte, ohne wirklich zu verstehen, wohin die Rechnungen führten, dabei hatte ich mir immer eingebildet, mit dem Rechnen und der Mathematik auf du zu stehen.

„Und jetzt kommt meine Leistung“ (ich atmete auf), fuhr Michael fort: „Ich habe eine Methode patentieren lassen, wie man die GVWK verkürzen kann, ohne dass sich der Gast bei k und P betrogen fühlt.“

„Ich kann mich vor Neugier kaum halten, was ist es denn?“

Erfindungen (1/3)

Mein Freund der Erfinder

Michael ist Erfinder und ein Freund aus Kindertagen. In den ersten Grundschulmonaten wohnte meine Familie in Delmenhorst, einer mittelgroßen Stadt in Norddeutschland. Michael ging in dieselbe Klasse wie ich und wir waren uns sympathisch, er hat mich morgens am Gartenzaun abgeholt und wir sind gemeinsam zur Schule gegangen. Nach dem Umzug hatte ich ihn mehrere Jahre aus den Augen verloren. Auf einer Party während meiner Studienzeit in Köln saß ich mit mehreren Leuten zusammen, einer der Studenten erzählte, dass er aus Delmenhorst komme. Da horche ich immer auf. Ich weiß nicht mehr, welche philosophische Überlegung er damit belegen wollte, aber für irgendeine These brachte er ein Beispiel aus seiner Kinderzeit, dass er dort im ersten Halbschuljahr immer eine Klassenkameradin am Gartentor abgeholt habe. Na, was für ein Zufall! (Falls es Zufälle gibt.) Wir kamen ins Gespräch, die alte Sympathie war wieder da und wir versprachen, dass wir uns nicht mehr aus den Augen verlieren wollten. Über Jahre zog sich ein lockerer Kontakt, ab und an trafen wir uns und tranken einen Kaffee.

Ich dachte immer, er ist so ein richtig reicher Mann, da er immer mit der Zahl seiner Patente angab. Seine schäbige Kleidung hielt ich für die Nachlässigkeit eines Wissenschaftlers. Vor zwei Wochen waren es noch vierhundertdreiundfünfzig Patente. Wer sich je einmal mit Patentschriften auch nur oberflächlichst beschäftigt hat, weiß, dass das allein eine patentwürdige Leistung ist.

Beispiele für seine Erfindungen sind: Automatikregenschirme für Schildkröten; digitale Bilderrahmen, deren Slideshow sich an das Gesicht der Vorbeigehenden anpasst; Überwachungskameras, die nur auf Vierfüßler reagieren; wasserdichte Badehosen; lichtundurchlässiger Nagellack und und und. Er hat selbst nie so recht verstanden, warum ihm der große Durchbruch verwehrt war. „Wenn die Fachwelt mich schon totschweigt, so hatte ich doch gehofft, dass ich Produzenten für meine Ideen finde – Ideen, die förmlich nach Umsatz riechen.“ Ein Satz, der ihn sofort faszinierte, weil er ein Riechmodul entwickeln wollte, mit dem sich schneller als mit entsprechenden Einwurfmaschinen Geld zählen lässt.

Gestern traf ich ihn und was soll ich sagen? Ein gemachter Mann! Das Selbstbewusstsein, mit dem er mich anstrahlte, übertraf noch die Qualität seines offensichtlich maßgeschneiderten Anzugs. Das scheußliche Ding an seinem Handgelenk entpuppte sich als Rolex. Nun, ich habe einfach keine Ahnung, was sich in der Welt der Reichen so abspielt. Michael erklärte mir viel vom Verhaltenskodex unter reichen Menschen. „Du musst es ja wissen mit deinem geliehenen Anzug!“, dachte ich.

Oh, welches Unrecht ich ihm getan hatte! Er lud mich in das teuerste Restaurant vor Ort zu einem kleinen Imbiss ein. Es war ein wirklich winziger Imbiss, denn das mathematische Produkt: Preis x Menge muss immer konstant bleiben: je kleiner der Preis, umso größer die Menge. Dies scheint ein ehernes Gesetz in der Gastronomie. Er erklärte es mir an einem kleinen Beispiel: Wenn du für eine Portion Pommes Frites an einer Pommesbude drei Euro bezahlst und die Portion zweihundert Gramm wiegt, ergibt das fragliche Produkt drei mal zweihundert, in Zahlen: 3 x 200 = 600. Logisch?“ Ich stimmte zu, fand aber gleichzeitig das Beispiel nicht so gelungen, wo gibt es heute noch Pommesbuden? Ein Begriff aus alten Zeiten.

„Nun gehst du in ein Nobelrestaurant“, erklärte mir Michael. „Dort gibt es Beilagen, Fleisch und Gemüse getrennt berechnet.“

„Aber Michael, das habe ich wirklich noch nie erlebt!“

„Dann“, so schmunzelte Michael, warst du wohl noch nie in einem richtig noblen Schickimicki-Restaurant?“

Ich verstummte, denn er hatte Recht.

„Also, im Nobelrestaurant ist alles teurer, von der Einrichtung über den Koch bis zur Miete. Die müssen also höhere Preise nehmen.“

Das leuchtete mir ein, weshalb ich vehement nickte. Ambiente will bezahlt werden.

Aus dem Leben einer Privatpatientin (3/3)

Natürlich gibt es auch die Privatpatienten, die großes Trara um ihren Status anfachen, Ärzte terminlich einschüchtern (wenn die Ärzte das dulden), auf große Hose machen und bevorzugt werden. Genauso wie es in jeder Menschengruppe unangenehme Vertreter ihres Typus gibt. Was ich komplett unredlich finde, ist, dass gewisse politisch motivierte Seiten (um es einmal so auszudrücken) die Negativbeispiele vorzerren und als typische Vertreter anprangern.

Die Gleichmacher mögen sich auch einmal klarmachen, dass eine sogenannte „Bürgerversicherung“, bei der alle Menschen (bis auf sie selbst, die politische Clique) gleichgeschaltet werden, erst wirklich eine Zweiklassenmedizin erzeugt. Die Leute, mit dem richtig dicken Geld in der Tasche werden dann eben ihre gute Versorgung aus eigener Tasche zahlen. Mit „richtig dicke Geld in der Tasche“ meine ich nicht deine Nachbarn, die vielleicht mehr verdienen als du, sondern Menschen mit einem Einkommen, dass im Monat ein normales Gehalt um das Hundertfache übersteigt,

Wenn die privaten Krankenkassen abgeschafft werden, kann ich heute schon eins vorhersagen: Keiner der jetzigen Kassenpatienten wird besser behandelt. Nur die ehemaligen Privatpatienten werden die Privilegien, die sie sich wünschen (s. Einbettzimmer) teurer bezahlen als sonst. Das arme Mütterchen im schlohweißen Haar, das sich die Rezeptgebühr am Munde absparen muss, wird auch nach Gleichschaltung der Versicherungen keinesfalls weniger Rezeptgebühr bezahlen (allenfalls aus Augenwischerei für ein oder zwei Jahre, dann kommt die Gebühr in gleicher Höhe wieder).

In den letzten Jahren sind meine Krankenkassenbeiträge teils um mehr als zehn Prozent angestiegen. Das wird mir immer als „Anpassung der Beiträge“ verkauft, ein Ausdruck, über den ich mich regelmäßig aufrege. Wie stark sind die gesetzlichen Kassenbeiträge in dieser Zeit gestiegen?

Es mag Ärzte geben, die Privatpatienten bevorzugen. Natürlich – es gibt auch Ärzte, die ihr Fach nicht verstehen, die Kassen betrügen, an ihren Patienten nicht interessiert sind, allen nur das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Die gibt es alle. Aber sie sind in meiner Erfahrung wirklich nicht die Regel.

Manche Dinge sind für Privatpatienten einfacher und besser, das stimmt. Na und? Ein Privatpatient bekommt leichter eine Verlängerung der Reha, ein Kassenpatient bekommt je nach Krankheit drei Wochen und nur in Ausnahmefällen mehr. Soll ich euch sagen, was passieren wird, wenn die Privatkassen zerstört werden sollten? Dann bekommen alle drei Wochen und nur in Ausnahmefällen mehr.

Diese Bestrebungen gelten alle nur dem Ziel: Niemandem darf es bessergehen als mir, und nicht dem Ziel: Allen soll es bessergehen.

Außerdem werden alle Politiker, ich erwarte da keine Ausnahme, schon zusehen, dass sie weiter privilegiert werden. Weil sie ach so wichtig sind.

Wenn ich glauben könnte, dass mit einer Abschaffung der privaten Krankenkassen die Menschen am Ende des finanziellen Systems daraus einen dauerhaften Vorteil haben, würde ich sofort mit aller Vehemenz dafür eintreten.

Aus dem Leben einer Privatpatientin (2/3)

Ich habe noch keinen Arzt gesehen, der freundlicher oder gründlicher ist, weil ich Privatpatientin bin. Sie sind zu mir genauso unmöglich, unverschämt, oberflächlich, unmenschlich, freundlich, zuvorkommend, verständnisvoll wie bei anderen Patienten auch.

Das für mich Interessante ist noch eine andere Sache, nämlich: Wer behauptet all diese wunderbaren Dinge von den Privatpatienten? Es sind in meiner Erfahrung die Kassenpatienten. Ich habe noch keinen privat Versicherten gesprochen, der sagte: Ach, es ist so wunderbar, privat versichert zu sein – ich warte nie, alle Ärzte sind freundlich und ich bekomme Termine innerhalb von zwei Tagen.

Ich sehe da eine Parallele bei Smartphone- und Computer-Spielen. Pokemon Go und Draconius Go sind wie viele andere kleine oder große Spiele so angelegt, dass man sie ohne Geldeinsatz spielen kann. In beiden Spielen kann man aber gewisse Dinge für „Echtgeld“ erwerben. Sobald jemand in einem dieser Spiele kein Glück hat bei der Zufallsverteilung von guten Dingen, kreischt er im Forum: „Ha, die Leute, die Geld investieren, kriegen das eben öfter.“ Diese sogenannten Schätze sind also bei Bezahlern häufiger? Auch hier kann ich nur sagen: Schön wär’s. Ich gebe Geld für Draconius Go aus und warte auf gewisse Goodies oder gute Sachen genauso lange oder bei manchen Sachen länger als der Durchschnittsspieler. Aber die tosenden Gerüchte nehmen kein Ende.

Ich könnte es die Verschwörungstheorie der Nichtbezahler nennen. Was da von politischer Seite teils geschürt wird als Bürgerversicherung ist ein reines Herauskitzeln des Neidgefühls. Die privaten Versicherer, das ist auch kein Geheimnis, finanzieren einen Großteil des Gesundheitswesens dadurch, dass sie den Ärzten und Kliniken mehr Geld zahlen.

Dann gibt es noch die Zusatzversicherungen. Es gibt Menschen, ohne Zweifel, die sich eine solche Zusatzversicherung nicht leisten können. Es gibt aber auch viele, die keine Lust haben, ihr Geld für eine private Zusatzversicherung auszugeben. Sie kaufen sich lieber ein teures Auto, fahren zweimal im Jahr im Urlaub, kaufen sich alle zwei Jahre neue Möbel. Nichts dagegen – aber ich frage mich, wieso diese Meinung herrscht, „ich will auf nichts verzichten und alles haben“.

Für die Schwarzweißseher sind alle Privatpatienten Millionäre, die im Geld schwimmen und sich Gesundheit kaufen können. Nein, Privatpatienten sind keineswegs alle reich. Vor allem im Alter sind private Versicherungen sehr teuer, auch wenn die Privatversicherten vorher teils besser wegkommen, das stimmt wirklich. Um mal wieder von mir selbst zu sprechen: Ich habe viele Jahre weniger in die private Krankenkasse eingezahlt als angestellte Kassenpatienten mit vergleichbarem Bruttoeinkommen, das stimmt. Ich betone hier: Bruttoeinkommen. Und der Umsatz eines Selbstständigen ist keineswegs mit einem Bruttogehalt vergleichbar, denn mir zahlt keiner irgendeine Hälfte mit. Als kleiner Selbstständiger wirst du in der Regel nur dann nicht arbeiten, wenn etwas fast lebensbedrohlich ist. Denn Krankheitszeiten bezahlt dir niemand. Auch im Urlaub zahlen dir deine Kunden nicht weiter, weil sie gesetzlich verpflichtet sind, für dein Urlaubsrecht geradezustehen. Ich will damit nicht behaupten, dass alle Privatversicherten und Selbstständigen ehrbare Heilige sind, die mehr schuften und damit weniger verdienen als Angestellte. Und wenn ich einmal beim Arzt kürzer warten würde, ganz ehrlich, ich fände das gar nicht sooo ungerecht. Denn während ich beim Arzt sitze, tickt die Uhr, aber nicht mein Geld. Wer als Arbeiter oder Angestellter während der Arbeitszeit zum Arzt gehen muss (ich weiß, dass es nicht alle tun), muss dafür keinen unbezahlten Urlaub nehmen.

Aus dem Leben einer Privatpatientin 1/3

Es geht die Geschichte um vom privilegierten Privatpatienten und der Zweiklassen-Medizin. Ich bin Privatpatientin und berichte gern von meinen Erfahrungen: aus meinem Leben und anderer Privatpatienten, die ich kenne. Sie sind ganz persönlich, fußen auf keiner Bevölkerungsstatistik.

  • Da gibt es zum Beispiel das Gerücht, dass Privatpatienten bevorzugt Termine bekommen. Die meisten Ärzte bzw. Helferinnen haben mich vor der Terminvergabe (wenn ich zum ersten Mal dort anrufe) nicht nach meiner Kassenzugehörigkeit gefragt – und ohne zu wissen, dass ich Privatpatientin bin, kann mich niemand bevorzugen.
    Ich hatte vor drei Jahren ein Problem mit den Augen, das keinen langen Aufschub duldete. Die nächste Augenarztpraxis – sie hatte nach dem Patientenstatus gefragt – hatte einen Termin in drei Monaten für mich.
  • Nicht zu vergessen, dass die Privatpatienten nicht so lange in der Praxis warten müssen. Schön wär’s 🙂 Ich habe in den letzten drei Jahren ausgiebig Ärzte- und Wartezimmererfahrungen mit einem Freund sammeln dürfen. Nicht ein einziges Mal kam er schneller dran als die anderen Wartenden. Einmal sogar war es wirklich ärgerlich, da war der Freund frisch zurück von einer schweren OP, ich hatte extra für ihn bei der Praxis gefragt, wie die Wartezeiten sind und auf die Erkrankung hingewiesen. Fünfzehn Minuten maximal, war die Antwort. Er hat über vierzig Minuten gewartet. In einer anderen Allgemeinpraxis musste er auf eine reine Blutabnahme manchmal mehr als eine Stunde warten. In beiden Praxen war bekannt, dass er Privatpatient ist.
  • Nicht zu vergessen die Zwei-Klassen-Medizin. Worin besteht die? Ich greife ein Beispiel heraus: Bei einem Privatrezept kann der Arzt das Originalpräparat aufschreiben, dann muss die Apotheke das aushändigen. Die Apotheker fragen übrigens regelmäßig, wenn es preiswertere Generika gibt, ob man die wolle? Auch die private Krankenkasse meldet sich freundlich und bittet darum, den Arzt anzuhalten, doch das preiswertere Generikum aufzuschreiben.

Es gibt Unterschiede, stimmt. Auf einem privaten Rezept für Physiotherapie darf der Arzt zehn Anwendungen verordnen, beim Kassenpatienten sind es nur sechs. Dafür darf der Privatpatient häufig einen Teil der physiotherapeutischen Anwendungen aus der eigenen Tasche bezahlen, weil sie mysteriöser Weise nicht im Heilungsplan der privaten Krankenkasse aufgeführt sind.

Nicht zu vergessen, haben Privatpatienten noch das große Privileg, dass sie erst einmal alle Rechnungen (bis auf Krankenhauskosten) aus eigener Tasche bezahlen dürfen. Das kann auch schon mal in die drei- bis vierstelligen Summen gehen. Auch haben sie einen Selbstbehalt. Zwar müssen die Kassenpatienten eine Gebühr pro Rezept bezahlen, wenn man aber als Privatpatient nicht völlig unter den monatlichen Kosten zusammenbrechen möchte, wählt man einen hohen Selbstbehalt. Der beträgt bei mir zum Beispiel 3500 Euro pro Jahr. Wenn ich also zum Arzt gehe, muss ich schon richtig etwas „Fettes“ haben, um diese 3500 Euro zu erreichen. Wer als Privatpatient krank wird, muss nicht nur die Beiträge bezahlen, sondern auch jedes Jahr wieder erst einmal den Selbstbehalt bezahlen (nicht vorstrecken!), bevor die Kasse tätig wird. Als privat versicherter Rentner mit guter Krankenversicherung können so ab Mitte 60 durchaus Jahresbeiträge von 4500 Euro zusammenkommen. Dazu kommt dann der Selbstbehalt, nehme ich das Beispiel von 3500 Euro. Das sind im Monat etwas mehr als 650 Euro.

Der Privatpatient hat den Vorteil, dass er direkt zum Facharzt gehen kann, das stimmt. Der Privatpatient kann, wenn er sich entsprechend versichert, ein Einbettzimmer und Chefarztbehandlung erhalten. Das kann der Kassenpatient mit einer Zusatzversicherung auch. Wobei mir die Chefarztbehandlung nicht wichtig ist, aber die Vorstellung, gerade wenn ich krank bin, nicht allein liegen zu können, war für mich immer so bedrückend, dass ich schon eine private Krankenversicherung abgeschlossen habe, als ich noch sehr wenig Geld verdient habe.