Werbemails (3/4)

„Unser Gespräch wird auf Video aufgenommen.“, Mandy blickte hoch zu der dekorativen Deckenleuchte, an der alle jetzt die Kamera entdeckten, „Das ist zu rein wissenschaftlichen Zwecken und ich hoffe, Sie haben nichts dagegen?“ Die Besucher sahen sich an, waren offensichtlich unschlüssig. Werner antwortete als Erster: „Nee, das ist schon okay“. Da nickten auch die anderen.

„Sie wissen, dass Sie alle nicht existieren?“

Erica stutzte. „Wollen Sie uns veräppeln, was meinen Sie? Ist das jetzt so ein Psychospiel?“

„Nein, das ist kein Spiel. Ich möchte nur sichergehen, dass Sie wissen, dass Sie nicht wirklich existieren.“

Die sechs sahen sich unsicher an, dann lachte Yvette laut. „Ach ja, ich existiere nicht? Dann möchte ich wissen, warum Fred und Werner ständig versuchen, mir in den nicht existenten Ausschnitt zu schielen. Das ist lächerlich, Mandy!“ Die anderen nickten, ein Gemurmel füllte den Raum. Mandy saß ruhig da und beobachtete sie. Niklas war verunsichert, er schob den Arm seines Poloshirts hoch und kniff sich in den Arm.

„Da sehen Sie es, ich kann mich kneifen und es tut mir weh!“ Die anderen kniffen sich ebenfalls und reagierten mit verärgerten Bemerkungen. „Was soll das jetzt?“ „Wer sich kneift, träumt nicht und ist real!“

Mandy goss sich einen Schluck Orangensaft in ein Glas, stellte die Flasche vorsichtig auf einen Glasuntersetzer und nahm einen kleinen Schluck. „Bitte schauen Sie einmal auf den Bildschirm am Ende des Raums.“

Die Besucher drehten die Köpfe, ein leises Surren war das einzige Geräusch, das die Freigabe eines wandfüllenden Bildschirms begleitete. Zu sehen war ein E-Mail-Programm mit den üblichen Ordnern: Eingang, Ausgang, Gelöscht, Versendet, Spam. Mandy nahm einen Laserpointer, der zuvor in der Mappe gesteckt hatte, und klickte auf den Spamordner. Sie öffnete verschiedene E-Mails mit Werbung für Hochregale, Werkzeugkästen, Werkzeugwagen und heiße Nächte. Die Mails waren jeweils mit dem Namen einer der anwesenden Personen unterzeichnet. Die Besucher verstummten. Yvette zog ein Kaugummi aus der Tasche ihrer Jeansjacke, packte es gedankenverloren aus und steckte es in den Mund. Werners fröhlicher Gesichtsausdruck war einer eher abweisenden Haltung gewichen. „Was wollen Sie uns eigentlich sagen, Frau Kurz?“ „Wir waren doch beim Vornamen, lieber Werner!“ „Jetzt nicht mehr“, brummelte Werner. „Bei solchen Unterstellungen ist mir der Vorname zu nah!“

„Wie Sie wollen, Herr Kesselmann. Wie ist das mit den anderen Damen und Herren?“ Die anderen nickten, Karl ergriff das Wort: „Ich glaube, im Namen aller sprechen zu können, wenn ich darauf bestehe, dass Sie uns förmlicher ansprechen.“

Mandy zuckte die Schultern. „Sie sind die erste Gruppe, das muss ich doch einmal sagen, die den Tatsachen einfach nicht ins Auge sehen will.“

„Welche Tatsachen, Frau Kurz?“, ereiferte sich Fred. „Sie stellen hier die lächerlichsten Behauptungen auf, ich denke doch auch, das ist ein Psychospiel, warum sonst sollten Sie unser Verhalten filmen? Wir sind doch nicht blöde!“ Die anderen fünf raunten Zustimmung.

Werbemails (2/4)

Die Uhr über der Tür war groß, schlicht mit weißem Hintergrund und klaren schwarzen Ziffern, die roten Zeiger bewegten sich geräuschlos. Die sechs Personen musterten sich gegenseitig unauffällig. Werner ergriff das Wort: „Warten wir alle auf dieselbe Person?“ Fred antworte ihm: „Keine Ahnung, ich wurde von einer Frau Mandy Kurz eingeladen“. Die anderen nickten und bestätigten das, ja, sie waren alle von Frau Kurz für zehn Uhr eingeladen worden. „Geht es bei Ihnen auch um berufliches Fortkommen?“, fragte Niklas in die Runde. Alle nickten. Zögerlich begannen sie, sich miteinander zu unterhalten. Das Gespräch stockte immer wieder, wie das unter Fremden so ist. Pünktlich um zehn Uhr öffnete sich die Tür, eine schlanke Mittdreißigerin, die schwarzen Haare straff am Hinterkopf zusammengefasst, kam herein. Sie trug einen knielangen schmalen schwarzen Rock und eine weiße Bluse mit welligem Kragen. Sie war sorgfältig geschminkt, ihre Fingernägel gepflegt und rot lackiert. In der Hand hielt sie eine Mappe. Sie lächelte in die Runde. „Guten Tag, meine Damen und Herren. Mein Name ist Mandy Kurz, ich bin die Leiterin dieser Arbeitsvermittlung und würde gern mit Ihnen allen über Ihre Zukunft sprechen. Bitte folgen Sie mir.“ Die sechs Wartenden sahen sich an, zogen die Augenbrauen hoch oder zuckten mit der Schulter und folgten Mandy. Sie hätten statt ihrer schlanken Figur auch dem dezenten Rosengeruch folgen können, der offenbar von Mandy ausging.

Sie gingen den Flur entlang, bis zum Ende des Ganges, wo eine Tür aufstand. Mandy betrat den Raum, ihre Besucher folgten ihr. Der Raum war luftig mit einer großen Fensterfläche im Hintergrund. Davor stand ein schlichter runder Tisch mit einem Durchmesser von ungefähr einem Meter zwanzig. Um den Tisch waren sieben Stühle auf, sechs mit schwarzem Bezug und silbernen Stuhlbeinen, ähnlich wie im Warteraum. Der siebte Stuhl hatte das gleiche Design, war aber mit tiefrotem Kunstleder bezogen. Mandy setzte sich auf den roten Stuhl und lud ihre Besucher mit einer Handbewegung ein, sich hinzusetzen.

Mandy lächelte in die Runde. „Vielen Dank, dass Sie heute gekommen sind. Sie können mich gern Mandy nennen. Damit Sie sich gegenseitig kennenlernen können, stelle ich Sie kurz vor.“ Sie nickte mit dem Kopf zu Fred: „Hallo Fred, hallo Werner, Sie beide preisen Hochregale an, nicht wahr?“ Fred und Werner nickten. „Karl und Erica sind zuständig für Werkzeugwagen, Niklas für Werkzeugkästen, Yvette versüßt den Herren ihre Freizeit.“

Die vier Männer und zwei Frauen starrten Mandy erwartungsvoll an. „Bitte bedienen Sie sich doch!“ Dabei zeigte sie auf ein Rondell in der Mitte des Tisches, in dem kleine Saftflaschen standen. Daneben waren sechs Gläser aufgereiht. Niklas griff zu einer Flasche Kirschsaft, drehte den Verschluss, bis es knackte, und goss sich den Inhalt der Flasche in eines der Gläser. Die anderen warteten noch.

Werbemails (1/4)

Fred Hoffmann kam als Erster. Er sah sich in dem Raum um. Acht Stühle, eine Garderobe, ein kleines Fenster zum Hof. Dennoch war es hell, weil mindestens vier lange Neonröhren unter der Decke hingen. Die Stühle waren mit schwarzem Kunstleder bezogen, die Stuhlbeine verchromt. Fred schaute auf die Uhr: Viertel vor zehn, er war wie immer etwas zu früh. Er hing seine Jacke an einen Haken und setzte sich auf einen Stuhl an der Seite des Raums. Wie es seine Gewohnheit war, vermied er es, zwischen Fenster und Tür zu sitzen, denn dann war Durchzug unvermeidbar. Er wollte nicht schon wieder eine Erkältung riskieren. Auf dem schwarzen Tisch, ebenfalls mit Chrombeinen, lagen ordentlich aufgereiht Namensschilder. Er suchte seinen Namen heraus und heftete sich das Schild mit einer Klammer an sein Hemd.

Wenige Minuten später kamen ein Mann und eine Frau in den Raum. Sie nickten Fred zu: „Guten Tag“. So, wie sie sich verhielten, schienen sie dennoch nicht zusammenzugehören. Der Mann war schätzungsweise Mitte vierzig, untersetzt, sein Haupthaar war zu einem Kranz am Hinterkopf zusammengeschrumpft. Er trug ein dickes Wolljacket, viel zu warm für diese Jahreszeit. Er sah die Schilder auf dem Tisch und griff zu „Karl Gerke“. Er nahm gegenüber von Fred Platz. Die Frau hatte mittlerweile ihren Regenmantel an die Garderobe gehängt. Sie war groß für eine Frau, bestimmt ein Meter fünfundachtzig, knochig. Ihr Gesichtsausdruck ließ auf ein hartes Leben oder Unzufriedenheit schließen. Ihre blondierten Haare erreichten das Kinn, wo sie sich leicht nach innen drehten. Eine typische Frisur für eine Endvierzigerin, war Fred überzeugt. Ihre Augen lagen klein und tief hinter einer dicken Brille. Sie ging zum Tisch und griff zum Schild mit dem Namen „Erica Feist“. Fred lächelte sie ermunternd an, aber sie reagierte nicht. Sechs Personen waren offenbar eingeladen worden. Die drei anderen trafen ebenfalls pünktlich ein: Niklas Ostermann, Ende zwanzig, für sein Alter recht picklig und mit einem Spitzbart, lässig gekleidet. Seine welligen Haare erreichten sein dunkelblaues Sweatshirt, wo sie einen leichten Schuppenregen hinterlassen hatten. Werner Kesselmann war der Älteste von allen, schätzungsweise so um die sechzig. Er war klein und rund, seine braunen Augen lachten genauso wie sein kleiner runder Mund. Er nickte fröhlich in die Runde, steckte sich sein Schild an den Kragen seiner Sweatstoffjacke, die in Kontrast stand zu seiner grauen Stoffhose. Yvette Strauch war im gleichen Alter wie Niklas, vielleicht ein wenig jünger. Sie war eine üppige Brünette, ihr pinkes T-Shirt gab Einblick in ihr Dekolleté, die blassblaue Jeansjacke stand offen und würde sich garantiert auch nie über ihrem Busen schließen lassen. Ihre Haare hingen glatt bis über die Schultern, ihre Wimpern waren genauso wenig echt wie ihre Fingernägel, die in dem grellen Rosaton das Pink ihres Tops ergänzten.

Eine Seite

Wie fülle ich eine Seite?

Zurzeit teste ich ein Programm mit Namen Papyrus, Version 9, zum Schreiben von Büchern, Artikeln, was es eben alles so Schriftliches gibt. Ich habe mir eine Testversion heruntergeladen, „downgeloaded“ wie es in Denglisch heißt. Sie ist im Großen und Ganzen identisch mit dem Originalprogramm, hat aber nur ein paar Einschränkungen. Eine dieser Einschränkungen ist, dass ich bestimmte Funktionen nur im Umfang einer Seite testen kann.

Jetzt frage ich mich: Wie bekomme ich eine Seite voll? Eine Möglichkeit wäre es, mir eine Seite aus einem bestehenden Dokument zu kopieren. Das hat aber den Nachteil, dass ich dann eine Seite perfekt bearbeiten kann, die anderen aber bleiben, wie sie sind. Wenn ich fleißig wäre, könnte ich Seite für Seite in das Programm laden. Was für eine elende Arbeit! Abgesehen davon, dass ich dann gewisse Dinge, die sich über eine komplette Geschichte erstrecken, nicht austesten kann. Okay, die Rechtschreibung mit Dudenkorrektur kann ich für das ganze Dokument vornehmen, aber wie sieht das mit der Zeitlinie (neudeutsch: Timeline) aus?

Die Zeitlinie ist mir im Moment gar nicht so wichtig. Was ich aber gerne einmal austesten würde, ist die Stilüberprüfung: Füllwörter werden hier markiert, Alternativen vorgeschlagen. Heißa, das klingt hervorragend! Aber genau dies funktioniert nur eine Seite lang. Wenn ich eine Seite aus einem bestehenden Text nehme, ergibt das eine Schieflage. Manches ist vielleicht ein Stilmittel über den ganzen Text, das kann ich dann nicht so recht überschauen.

Eine Möglichkeit wäre es, eine Geschichte zu verfassen, die genau eine Seite lang ist. Ich habe solche Aufgaben früher schon erfüllt: Geschichten mit drei oder zehn Wörtern, die vorgegeben waren. Oder eine Geschichte zu einem bestimmten Thema, die eine bestimmte Zeichenzahl genau erreichen muss oder aber nicht überschreiten darf. Theoretisch wäre das also möglich. Nur fällt mir natürlich heute gar keine Geschichte ein. Nein, heute kann ich nur an zehnbändige historische Romane denken, einen Science-Fiction, der sich über fünf Generationen in einem Raumschiff im Weltall erstreckt, oder eine Biographie meiner Familie von ihren ersten Anfängen im fünfzehnten oder sechzehnten Jahrhundert, vielleicht fängt sie auch noch früher an? Aber all das in eine Seite zu quetschen, ist selbst mit winziger Schrift unerquicklich. Es sei denn, ich nehme die römische Geschichte und einen ihrer Kaiser. Aber da gibt es bereits eine Kurzfassung: Er kam, sah und siegte.

Da ist das nächste Dilemma: Kurze Geschichten sind möglich, pointiert und witzig, hintertrieben und genial. Aber sie füllen dann keine ganze Seite. Sicher wird Papyrus diese ganzen Prüfungen auch an Texten vornehmen, die deutlich kürzer sind als die von mir angestrebte Seite. Dann wäre ich aber „knatschig“, denn ich will so viel austesten wie möglich, auch wenn eine Zeitlinie in diesem kleinen Umfang nicht möglich ist.

Soweit bin ich im Kleinen durchaus schon zufrieden mit dem Programm: Es korrigiert vernünftig, schon während ich tippe. Und so gesehen dürften jetzt nicht mehr allzu viele Rechtschreibfehler im Text sein. Es dauert nur noch wenige Wörter und ich werde es sehen: Habe ich eine Seite stilistisch hinbekommen oder wird gemeckert?

Nachtrag: Es wurde einiges angemeckert, ich habe etliche Füllwörter entfernt!

P.S. Das war genau eine DIN A4-Seite in Arial 12 Punkt.

 

Nature or Nurture (3/3)

Szene 3

Bernd und der etwa sechzehnjährige Leon sitzen am Tisch. Bernd liest Zeitung, Leon spielt mit einem Smartphone, er ist relativ groß und kräftig für sein Alter. Lea steht im Hintergrund an einem Herd und rührt in einem Topf. Neben dem Herd ist ein Ofen, in dem sich ein offener Bräter mit Fleisch befindet.

                Lea füllt Kartoffeln aus dem Topf in eine Schüssel und stellt sie auf den Tisch. Dann holt sie den Bräter aus dem Ofen und stellt ihn ebenfalls auf den Tisch. Man erkennt ein überdimensioniertes Hühnchen. Sie tranchiert das Hühnchen und gibt Leon die Hälfte, Bernd eine halbe Brust und ein Bein, sie nimmt einen Flügel.

Bernd:  Wieso kriegt der Bengel mehr Fleisch als ich? Wer verdient denn hier das Geld? Und jetzt schau mal, wie der sich darüber stürzt, mit den bloßen Händen!

Lea:       Der Junge wächst noch, da braucht man Protein.

Leon schaut hoch und zieht die Oberlippe hoch.

Lea:       Leon, es wäre natürlich schon nett, wenn du wartest, bis wir auch soweit sind.

Leon:    Ah so.

Bernd nimmt sich Kartoffeln und guckt auf seinen Teller:

Bernd:  Das Fleisch schwimmt in so einer blutigen Wasserbrühe. Wieso kannst du denn kein Hähnchen so braten, dass es gar ist! Igitt, das mag ich nicht!

Leon schaut hoch, zieht die Oberlippe hoch und zieht den Teller des Vaters zu sich.

Leon:    Schmeckt mir.

Bernd:  Das heißt: „Mir schmeckt das so“ oder „Mir schmeckt es.“ Sätze haben mehr als zwei Wörter.

Lea:       Jetzt gebt doch mal Frieden. Wir wollen doch in guter Stimmung zusammen essen. Anschließend habe ich Pudding gemacht.

Leon:    Mag nicht.

Lea:       Kein Problem, Leon, das weiß ich doch, aber ich wollte deinem Vater eine Freude machen. Der isst so gern Pudding.

Lea lächelt Bernd schüchtern an, der das völlig ignoriert.

Leon:    Ah so.

Bernd sitzt mit verschränkten Armen und isst nichts mehr. Lea isst ein paar Kartoffeln und Leon zurrt mit den Zähnen an den halbgaren Fleischbrocken.

Leon:    Lecker!

Lea:       Das freut mich, Junge, dass es dir schmeckt!

Lea räumt den Tisch ab und setzt die Puddingschüssel auf den Tisch.

Leon:    Hunger!

Bernd:  Wenn du auch mal ein paar Kartoffeln zum Fleisch essen würdest, wärst du auch von normalen Portionen satt!

Leon zieht die Oberlippe hoch.

Leon:    Habe Hunger!

Lea:       Alles gut, mein Junge, ich habe noch etwas Roastbeef, da schneide ich dir ein Stück ab.

Bernd:  Das Roastbeef für Sonntag? Das gibt’s doch wohl nicht! Sollen wir hier alle immer nur noch Gemüse essen, weil der gnädige Herr Sohn nicht satt wird, weil er außer Fleisch nichts anrührt? Das hat er nicht von mir!

Lea:       Schschscht! Fang nicht wieder davon an!

Bernd:  Warum nicht? Zu Leon: Ich glaube nicht, dass du wirklich mein Sohn bist. Sowas habe ich nicht gezeugt!

Leon zieht die Oberlippe hoch. Lea weint.

Leon:    Habe Hunger! Gib mir mehr!

Bernd:  Jetzt rede mal vernünftig mit deiner Mutter, siehst du denn nicht, dass sie schon weint? Kennst du nicht das kleine Wörtchen „Bitte“?

Leon rutscht unruhig auf dem Stuhl hin und her. Lea legt ihre Hand auf seinen Arm.

Lea:       Beruhige dich doch, nicht aufregen, es wird alles gut, du wirst sehen, Papa meint es nicht so!

Bernd haut mit der Faust auf den Tisch, springt auf und schreit:

Bernd:  Ich meine es sehr wohl so, ich kann deine Visage einfach nicht mehr sehen, du mit deinem dämlichen Hochziehen der Oberlippe. Wie sieht das denn aus? Du bist ein Wechselbalg, kein Kind, ich hab’s gleich gewusst, ich hätte dich damals im Zoo an die Löwen verfüttern sollen.

Lea:       Vergeh dich nicht an dem Kind, wie kannst du so etwas sagen? Sieh doch, er zittert schon, weil du so schreckliche Dinge sagst!

Leon springt auf, fletscht wieder einmal die Zähne und reißt sich das T-Shirt vom Oberkörper, der mit rotblondem Flaum bedeckt ist.

Leon:    Ich habe Hunger! Fleisch! Fleisch!

Bernd greift zum Fleischhammer, der hinter ihm auf einer Anrichte liegt und will ihn auf Leon werfen. Lea fällt ihm schreiend in den Arm, dadurch gerät Bernd ins Schleudern, der Hammer rutscht ihm aus der Hand und fällt auf eine Tischlampe. Das Licht geht aus. Türen knallen.

Das Zimmer liegt im Dunklen. Eine Tür geht knarrend auf. Man sieht die gebeugte Silhouette eines Menschen hereinkommen. Er setzt sich auf einen Stuhl und schaltet eine Lampe an. Auf den Stühlen liegen die Kleidungsstücke von Lea und Bernd, über den Boden und den Tisch verteilt weiße Knochen. Der Mann ist Leon, er sitzt mit dem Rücken zum Publikum.

Leon:    Hunger! Hunger!

Es schellt an der Tür.

Leon:    Wer da?

Eine Stimme: Ich bin die Nachbarin. Frau Galinski.

Leon:    Mutter nicht hier.

Stimme: Und dein Vater?

Leon:    Nicht hier.

Leon erhebt sich langsam, schlurft zur Tür.

Stimme: Leon?

Leon:    Ja.

Stimme: Ist was mit euch? Ich sehe zwar Licht, aber deine Eltern habe ich schon ein paar Wochen nicht gesehen. Alles okay?

Leon:    Alles okay.

Leon steht mittlerweile hinter der Tür.

Stimme: Brauchst du Hilfe?

Leon:    Nein. Fleisch.

Stimme, etwas unsicher: Lässt du mich mal rein?

Leon öffnet die Tür ganz langsam, hebt seine Arme und man sieht, dass er riesige Krallen und Tatzen statt Händen hat.

Licht aus.