Finanzberatung Teil 2 von 5

Die Gewitzten

Diese Besprechung fand in den Räumlichkeiten von Familie Musterplan statt. Frau Musterplan hatte die lieben Kleinen zu Freunden geschickt – auch wenn die lieben Kleinen schon studierten, teils sogar verheiratet waren, aber sie waren doch recht vorlaut und mussten auch nicht alles wissen. Sie hatte den Marmortisch im Wohnzimmer mit ihrem besten Geschirr, dem blauweißen Zwiebelmuster von Hutschenreuther, bestückt. Die Kaffeekanne aus demselben Service dampfte auf dem Stövchen. An der Existenz eines Stövchens im Haushalt kann man das Alter des Ehepaars abschätzen. Wer stellt sonst heute noch Stövchen auf einen Tisch? Drei Platten Essbares standen bereit: kleine Sandwiches, eine Platte mit Plätzchen, natürlich vier Sorten, und dann noch die in handliche Stücke geschnittenen Donauwellen.

Zwei Herren kamen mit ihren wichtigen Gesichtern und viel Fröhlichkeit zur Familie. Der eine war der Versicherungsvertreter, den sie schon kannten. Haare wild gegelt, eine gerissene Jeans, ein Tattoo am Hals, ein wenig Schmuck – all dies markierte bei dem leicht ergrauten Herrn, dass er sich der Jugend noch sehr verbunden fühlte. Der weitaus jüngere Herr trug Anzug und Krawatte. Man setzte sich um den Tisch und plauderte. Das gehört einfach dazu, dass man den Small Talk in Persönliches gleiten lässt. Das waren die Teile der Gespräche, die Herr Musterplan am meisten schätzte, während er sich großzügig an den Donauwellenstückchen bediente, die es im Hause Musterplan sonst nur sorgfältig abgezählt auf den Teller gab. Die strafenden Blicke seiner Gattin schien er nicht zu sehen. Live now!

Die Vier verstanden sich ausgezeichnet. Nachdem die Besucher ein Tässchen Kaffee getrunken und an den Keksen geknabbert hatten, derweil sich Herr Musterplan zu den Plätzchen durchgearbeitet hatte, ging es ans Eingemachte. Die Stimmung wurde ernst.

Die beiden Berater hatten sich schon auf das Gespräch vorbereitet und zwei Produkte dabei, die haargenau auf die Bedürfnisse von Frau Musterplan zugeschnitten waren. Man muss dazu wissen, dass Frau Musterplan sehr risikoarm orientiert ist. Sie suchte nach dem Produkt mit hohen Zinserträgen und Nullrisiko. Sie war nicht dumm genug, um zu glauben, dass es das gibt. Darüber lachten sie gemeinsam herzlich. Aber es gab ja diese tollen Produkte: An dem einen verdienten die Berater rein gar nichts, sie verzichteten auf ihre Provision. Natürlich nicht diese beiden Berater persönlich, es war ein Produkt, dass das Mutterhaus auf Betreiben aller Berater veröffentlicht hatte. Alle Berater verzichteten auf Provision, deshalb war es ja so günstig. Frau Musterplan zog ihr Spitzentaschentüchlein aus dem Ärmel und drückte es ans Auge, so ergriffen war sie. Das zweite Produkt war eine Art Tagesgeldkonto, dessen Zinssatz deutlich unter dem lag, den Frau Musterplan bei GeldsparkontoPlus bekam.

Die Berater rückten näher an den Tisch, mit dräuender Miene beugten sie sich über die Keksplatte. „Frau Musterplan, bedenken Sie die Inflation!“ Frau Musterplan entgegnete: „Aber die Inflation ist doch so niedrig wie nie!“

Ha, da wussten die Berater aber besser Bescheid. Da muss man sich mal den Warenkorb ansehen, aus dem die Inflation berechnet wird. Diese Warenkörbe sind für Durchschnittsbürger zusammengestellt, nicht für Senioren. Frau Musterplan stutzte. War sie eine Seniorin? Offensichtlich. Also, Senioren kaufen ja vorwiegend nur noch Lebensmittel und Güter des alltäglichen Lebens, und die sind im Preis deutlich gestiegen. Im Warenkorb sind aber Fernseher, DVD-Rekorder, Computer, Handys… „Schauen Sie sich nur einmal die Apfelpreise im Vergleich zum Vorjahr an!“ Frau Musterplan nickte, ja, die waren fast doppelt so teuer. Dabei schob sie ihr neues Smartphone fast unsichtbar unter die eine Keksplatte. Sie gab ihrem Mann einen Schubs, der auf  seinem noch neueren Smartphone gerade die Fußballergebnisse nachschaute. Er verstand den Wink und schob seines flugs in die Jackentasche.

Während die Inflation an unserem Geld nagt, frisst sie den Senioren das Geld unter den Händen weg, wenn diese nicht vernünftig anlegen. Und vernünftig heißt natürlich in die Produkte investieren, die unsere Berater mitgebracht hatten. Alle atmeten erleichtert auf. Frau Musterplan war auch klar, dass sie auch im nächsten Jahr noch Äpfel würde kaufen können.

Nun könnte es ja sein, dass sie auch mal Geld abholen möchten, was würde das denn kosten? Das hatten die beiden Herren gerade nicht parat, aber der Versicherungsvertreter wollte das nachliefern. Nach fast exakt einer Stunde verließen die beiden Berater die Wohnung Musterplan. Das Ehepaar saß da voll mit Infos. Die Berater wollten einen genauen Finanzierungsplan ausarbeiten.

Der individuell ausgearbeitete Finanzierungsplan kam zwei Stunden später per Email. Handliche Infos, bei denen man gute Seniorengymnastik betreiben konnte, da die Querformate hochformatig ins PDF eingebunden waren. Zahlen liebevoll eingegeben in ein Computerprogramm, das beeindruckt. Eigentlich eine Lebenskapitelversicherung mit Rentenoption. Leider neigt Frau Musterplan gelegentlich zum Nörgeln und fand das lieblos. Nach einer Woche fragte sie dann mal nach, wie das denn nun mit den Abhebungskosten aussieht? Ach ja, die Info bekam sie dann auch noch.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s