Finanzberatung Teil 3 von 5

Die ganz Raffinierten

Das nächste Gespräch fand in der kleinen Zweigstelle eines sehr großen deutschen Geldinstituts statt. Der Filialleiter, oh sorry: der Filialdirektor persönlich kümmerte sich um ihr Anliegen. Frau Musterplan war eine Woche zuvor kurz dort gewesen, um die Eckdaten schon einmal vorzugeben. Zufällig, oh welch Glück, würde eine Dame aus der Wertpapierabteilung just an dem Tag in der Filiale sein, an dem sie gerade den Termin festgemacht hatten. Welche Freude.

Ehepaar Musterplan kam pünktlich. Sie waren ausgesucht pünktlich, immer nach dem Motto: Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige. So gesehen, dachte Frau Musterplan immer, müssten sie eigentlich Königsplan heißen.

Kaffee? Frau Musterplan verneinte, es war kalt, eine Tasse Kaffee und sie würde zur Dröppelminna, zumindest vom Gefühl her. Herr Musterplan legte sich im tiefen Besucherstuhl zurück. Genussvoll trank er viele Tassen Kaffee, wie bereits beschrieben. Herr Makellos und Frau Wertpapier saßen ihnen gegenüber. Der übliche Smalltalk fand statt, wobei das wirklich interessant ist, fand Frau Musterplan. Sie hörte sich gerne das Schicksal anderer Menschen an und fand es daher sehr interessant, dass Herr Makellos einen Traum hatte: ein Häuschen mit genau einem Baum. Und diesen Traum hatte er sich vor fünf Jahren wahrgemacht. Alle freuten sich.

Nach der vierten Tasse Kaffee musste Herr Musterplan seine Blase entleeren. Ein menschliches Bedürfnis, das er inmitten einer großen Serveranlage verrichten durfte, die hinter drei Stahltüren mit dicken Sicherheitsschlössern verborgen war. Natürlich in einem abgetrennten Kubus, damit hier nicht ein falscher Eindruck entsteht! Er kam sich nun selbst wie ein Wertpapier vor.

Nun ging es auch hier an die Fakten. Herr Makellos fragte detailliert Frau Musterplan nach ihrer Risikobereitschaft aus. Alles, was er tippte, konnten die Besucher am Bildschirm mitverfolgen, der wegen gewünschter Transparenz immer zu den Besuchern gedreht war, die dann auch entsprechend beeindruckt waren. Und dann kam das Superangebot: Der Goldbrief! Was ist der Goldbrief? Unterm Strich, vermerkte Frau Musterplan, nichts anderes als eine Lebensversicherung mit Verrentungsmöglichkeit. Da kam Frau Wertpapier endlich auch zum Zug und konnte ihre phantastischen Produkte präsentieren. Zum Beispiel könnte Frau Musterplan 80.000 Euro in den Goldbrief geben, den Rest in Fonds. Weltweite Fonds mit großer Sicherheit, die natürlich nie garantiert ist. Aber die 80.000 Euro werden niemals weniger! Mal abgesehen von dem kleinen Prozentsatz der bei Kauf fällig ist und bei jeder Entnahme gibt es auch Kosten. Frau Musterplan zog ein langes Gesicht. „Ja“, ergänzte Herr Makellos, „eigentlich sind es 5 %, aber für Sie nur 3,8 %!“

Aber tun wir Herrn Makellos und Frau Wertpapier kein Unrecht, sie nahmen sich die Zeit und waren nett, sie vermittelten viel Wissen und beantworteten alle Fragen ausführlich. Nach zwei Stunden zeigten sich bei allen Ermüdungserscheinungen und Herr Makellos merkte an, dass es jetzt doch Zeit für etwas Essbares sein und er holte aus seiner Aktentasche eine Tafel Schokolade hervor, wirklich eine gute Sorte. Frau Musterplan schüttelte den Kopf, sie mochte keine Schokolade und hätte lieber eine gefüllte Aubergine angeboten bekommen. Herrn Musterplans Augen leuchteten. Er stopfte das Smartphone mit den neusten Fußballergebnissen in die Jackentasche und konzentrierte sich auf die Schokolade.

Das Gespräch ging weiter. Da sprang Herr Makellos wieder auf: „Frau Musterplan, wenn Sie keine Schokolade wollen, habe ich für Sie auch noch ein besonderes Bonbon!“ und ging zum halbhohen Schrank an der Wand, auf der eine mehrstufige Ablage stand. Frau Musterplan überlegte, ob sie nun wohl einen Kalender erhalten würde, obwohl das im März ein bisschen spät wäre. Aber egal, wenn die Bilder schön sind. Oder gar einen wertvollen Kugelschreiber? Sie konnte Kugelschreiber nämlich immer gut gebrauchen. Oder Salzstangen? Nein, viel besser, der Filialdirektor hielt ihr ein gelbes Blatt unter die Nase: Bis Juni gibt es bei Abschluss der Fonds eine Prämie von bis zu 5000 Euro! Was für eine Prämie? Nun ja, auf den Einstandspreis. Ach so. Frau Musterplan war zu höflich, um Herrn Makellos zu sagen, dass dies kein besonderes Bonbon sei, sondern einfach eine Aktion, die für alle Kunden gilt. Sie lächelte diplomatisch. Ja, auch Frau Musterplan war der Lächellüge fähig.

Man verabschiedete sich herzlich. Ehepaar Musterplan war beeindruckt von der detaillierten Beratung. Bei Frau Musterplan begann allerdings nach zwei Stunden etwas zu nagen. Das merkwürdige Rentenangebot, das falsche Bonbon… An anderer Stelle erfuhr sie dann, dass der Abschluss von Lebens-/Rentenversicherungen die größten Provisionen bringt. Da kann man sich schon eine Tafel Schokolade aus der Aktentasche reißen.

Wie versprochen erhielten Musterplans die schriftlichen Unterlagen per Email als PDF-Datei. Einhundertvierundvierzig geschmeidige Seiten. „Die sollten Sie lesen!“ hatte Ihnen Filialdirektor Makellos noch mit auf den Weg gegeben.

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