Finanzberatung Teil 5 von 5

Der Sympathikus

Wer denkt, das ist jetzt der Hinweis auf einen besonders sympathischen Berater, liegt falsch. Der Sympathikus ist ein wesentlicher Nerv im menschlichen Körper. Denn Frau Musterplan versicherte mir mehrmals, dass alle Berater sympathisch waren, auch wenn sie bei ihren Schilderungen bei mir vielleicht anders ankamen. Wir bleiben also besser bei den Nerven.

Der Anfang war alles andere als beschaulich. Herr und Frau Musterplan hatten die Zeit reichlich kalkuliert und waren fünfzehn Minuten vor Termin vor Ort. Treffen sollten sie Frau Quirlemann, ihre Kontobetreuerin, und Herrn Sympathikus, den Finanzberater. Freundlich wurden sie von der Empfangsdame in den Besprechungsraum gebracht. Und so saßen die beiden und unterhielten sich. Kurz vor vierzehn Uhr packten sie ihre Smartphones ein, es war ja irgendwie doof, wenn jemand hereinkommt und sähe die beiden ergrauten Schöpfe über Telefone gebeugt. Sie hatten ihre Lektion gelernt: Als Senioren (was man ja heute schon ab fünfzig ist) kauft man Kartoffeln, Kohl und Klopapier. Die Zeit verstrich. Es war vierzehn Uhr fünf, fünf Minuten über die Zeit. Frau Musterplan zog die linke Augenbraue hoch, ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie leicht verärgert ist. Weitere fünf Minuten später zog Herr Musterplan eine Augenbraue hoch und Frau Musterplan hatte einen leichten Schaumkranz vorm Mund. Sie guckten sich an und nickten, sie verstanden sich ohne Worte: Fünfzehn Minuten würden sie warten und keine Sekunde länger. Zwei Minuten vor Termin kam ein älterer Herr beflissentlich ins Büro gestürzt, „Wollen Sie eine Tasse Kaffee, Frau Quirlemann hat noch ein Kundengespräch.“ Frau Musterplan lief zur Hochform auf, ihre Augen blitzten gefährlich – der beflissentliche Herr hielt sich vor dem Lichtblitz schützend die Hände vors Gesicht -, ihre Gesichtsfarbe war ein Zwischending zwischen Kalkweiß und Tomatenrot. Mit schneidender Stimme, nicht laut, aber sicherlich auch in den Nachbarbüros hörbar, verkündete sie: „Wir warten hier bis exakt vierzehn Uhr fünfzehn, dann gehen wir.“ An ihrer Entschlossenheit bestand keinerlei Zweifel, weder für Herrn Musterplan, der noch auf seine Tasse wartete, noch für die Wände des Büros. Der von ihr intern als Lakai bezeichnete Herr verließ auf flinken Sohlen den Raum und rettete sein Leben. Frau Musterplan schnaubte wie ein Rappe nach dreitägigem Ausritt ohne Pause. „Ein Kundengespräch, kann man wohl nicht unterbrechen und auf einen bestehenden Termin hinweisen?“

Herr Musterplan war da ganz bei seiner Gattin. Wenige Sekunde vor Fristablauf zogen sie sich Schal, Mäntel und Hut an (Frau Musterplan trägt nie Hüte, aber sie bestand darauf, dass es hier steht, weil sie es erzählerisch besser findet). Sie standen noch an ihren Sesseln, bereit zum gemeinsamen Abmarsch, da kamen die erwarteten Personen herein. Frau Quirlemann versuchte nochmals zu erklären „Kundengespräch… kann ich doch nicht einfach abbrechen…“. Sie hatte jedoch nicht mit Frau Musterplan gerechnet, die ungern ein Blatt vor den Mund nahm, und ihr nun erklärte, wie man in so einem Fall vorgehen sollte und dass sie in wenigen Sekunden weg gewesen wären. Hinfort. Für immer. Herr Sympathikus sagte erst einmal nicht so viel. Man ließ sich nieder, Herr Musterplan nahm freudig seinen Kaffee entgegen. Den Sessel hatte er bereits getestet – der rückenfreundlichste von allen. Was aber nicht der Grund dafür war, dass das Ehepaar sich hier noch zweimal beraten ließ. Auch der Kaffee war nicht besser. Es sei am Rande vermerkt, dass bei den nächsten beiden Treffen die Berater ebenso pünktlich waren wie die Musterplans.

Die Beratung im ersten Teil war grundsätzlich eine Erfassung des Finanzstatus, der Risikobereitschaft (das kannten die Beiden schon und konnten es daher flott beantworten) und allgemeiner Erläuterungen. Herr Sympathikus machte sofort einen neuen Termin aus, zwei Wochen später, zu dem er Angebote vorlegen wollte. Was er dann auch tat, erneut in Begleitung von Frau Quirlemann. Diesmal gab es keinen schlechten Stern, unter den sich das Gespräch hätte stellen können. Auch hier – ich vergaß es bisher zu erwähnen – gab es Mappen mit Material. Liest das eigentlich jemand? Herr Musterplan gab sich (daheim!) gar nicht erst den Anschein, als wolle er das alles lesen. Frau Musterplan mühte sich, aber weiter als bis zu Seite 2 kam sie nicht. Das fand sie weiter nicht tragisch, denn sie konnte ja fragen. Keiner, der ihr was verkaufen wollte, würde sagen: „Aber haben Sie denn die Unterlagen nicht gelesen?“

Frau Musterplan ließ alles gut in sich versinken, Herr Musterplan fand das Thema Finanzen nach wie vor sterbenslangweilig. Nach einigen Tagen hatte Frau Musterplan doch noch ein paar Fragen an Herrn Sympathikus, man vereinbarte einen dritten Termin.

Alle waren pünktlich, bis auf Frau Quirlemann, die nun nicht mehr anwesend war. Niemand wusste, ob sie vielleicht während eines Kundengesprächs in den Telefonhörer gesaugt worden war. Herr Sympathikus beantwortete alle Fragen ausgiebig, kommentierte auch die Konkurrenzangebote – wie Musterplans fanden, fair.

„Uns geht’s nicht schlecht“, erklärte Frau Mustermann. „Wir brauchen die hunderttausend nicht fürs tägliche Leben, mein Mann wird neben seiner normalen Rente noch eine kleine Betriebsrente bekommen und ich war bis auf kurze Fehlzeiten immer berufstätig als Erzieherin.“ Herr Sympathikus nickte, da gab er der Kundin recht. Zehn Minuten später kam das Gespräch noch einmal auf die Absicherung. „Wir sind gut abgesichert mit unseren gemeinsamen Renteneinkünften von etwa dreitausend Euro“, erläuterte Frau Musterplan. Ihr Gatte nickte und ergänzte: „Man könnte uns als wohlhabend bezeichnen, die Wohnung ist auch abbezahlt.“ Die beiden schauten sich an und lächelten. Herr Sympathikus sprang vom Stuhl auf: „Sie sind reich, Frau Musterplan, reich!“

„Nun, eine Rente von etwa dreitausend Euro ist sicher gut, aber unter reich verstehe ich persönlich doch etwas anderes…“ Herr Sympathikus machte mit der rechten Hand eine weit ausladende Bewegung und redete sich in Begeisterung: „Sie sind reich! Sie haben finanziell ausgesorgt, eine bezahlte Immobilie. Und Sie haben einen netten Mann!“ Mit diesen wichtigen Worten ließ er sich in seinen Sessel zurückfallen. Herr Musterplan, nicht ohne Humor, beugte sich nach vorn: „Äh, und wo kann ich unterschreiben?“

Frau Musterplan meinte hinterher zu ihrem Mann, dass sie das auch, genau wie er, einen eigenartigen Ausspruch gefunden habe. Der Sympathikus könne doch gar nicht wissen, wie Herr Musterplan wirklich sei, vielleicht schlüge er sie ja daheim? Da plusterte sich Herr Musterplan aber doch mächtig auf. Das könne man doch sehen, dass er so ein Typ nicht sei, er schüttelte den Kopf. Er sei eben sympathisch, würde kleine Witzchen und gute Fragen beitragen – obwohl er den Spruch nach wie vor auch eigenartig fand.

Auf dem Rückweg waren sie ansonsten still und nachdenklich. Sie nickten sich zu, als sie an ihrem Lieblingscafé vorbeikamen, sie waren sich einig. Sie gingen zu ihrem Lieblingsplatz in der Ecke, der zum Glück nicht besetzt war. Sie setzten sich hin, Frau Musterplan bestellte Apfelstrudel mit Sahne und eine Tasse Earl Grey, Herr Musterplan ein Stück Herrentorte und ein Kännchen Kaffee. Schweigsam aßen sie den Kuchen, Frau Musterplan schaute ihren Mann an. „Das war insgesamt sehr informativ.“ Er nickte und fügte hinzu: „Ja, es ist wirklich schwer, sich jetzt zu entscheiden.“ Frau Musterplan rührte den Zucker in ihren Tee, ihr Mann goss sich Kaffeesahne in seine Tasse.

Dann sahen sie sich an und lächelten. Er sprach es aus: „Wir könnten natürlich auch die Hälfte an die Kinder verteilen, die können es gut gebrauchen. Und vom Rest gönnen wir uns eine sechswöchige Kreuzfahrt auf einem Traumschiff, da sparen wir dann an nichts! Und wenn du willst, mache ich vorher noch den Tanzkurs mit dir.“ Frau Musterplan rief die Bedienung herbei: „Bitte noch zwei Stücke Frankfurter Kranz!“ Den gab es nur an großen Feiertagen.

 

2 Gedanken zu “Finanzberatung Teil 5 von 5

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