Die richtige Putzhilfe (1/4)

Adelheid und Marlies – Das Kreuz mit der richtigen Putzhilfe

Nachdem die jeweiligen Ehegatten verstorben waren und die Kinder sich in alle Welt verstreut hatten, kamen die Schwestern Adelheid und Marlies auf die Idee, dass es doch sehr günstig wäre, wenn sie eine gemeinsame Wohnung beziehen würden. Das spart Kosten, ist geselliger und im Falle von Krankheit auch hilfreich. Adelheid war vier Jahre älter als Marlies, ein Altersunterschied, der sich mit den Jahren nivelliert hatte. Ob man zwei und sechs oder zehn und vierzehn Jahre alt ist, macht viel aus in Denken, Fühlen, Auftreten. Die Lebensjahre zweiundachtzig und sechsundachtzig klingen hingegen gleichalt.

Da sie sich früher nicht so gut verstanden hatten, war es als Experiment angesetzt. Sie suchten sich eine gemeinsame Wohnung und behielten erst einmal ihre eigenen Wohnungen. Es zeigte sich aber schon nach wenigen Wochen, dass sie sich bestens verstanden, Distanz hielten, wo es nötig war, und Gemeinsamkeiten pflegten, wo sie vorhanden waren. Und das waren recht viele.

Beide waren eher ein bisschen elegant als sportlich, Marlies hatte eine Weile, Adelheid nie Hosen getragen. Ihr Geschmack war auch eher recht altertümlich nach heutigen Gesichtspunkten, Marlies hatte ihre Zeit der Experimente mit Design-Möbeln schon lange hinter sich gebracht. Sie spielten beide mit Begeisterung Canasta, sahen im Fernsehen gern Reisedokumentationen und das „Traumschiff“. Bei den Nachrichten waren sie auf die Tagesschau eingeschworen. Sie hatten eine Sonntagszeitung bestellt, die sie genussvoll bei einem ausgiebigen Frühstück lasen, während der Woche war die erste Mahlzeit des Tages eher bescheiden: eine Scheibe Toast mit Butter und Erdbeerkonfitüre, das reichte.

Acht Jahre lebten sie nun so schon in herrlicher Eintracht. Bei den Nachbarn waren die beiden friedlichen Damen beliebt, im Supermarkt waren sie bekannt und gern gesehene Kundinnen, denn sie waren immer freundlich, geduldig, so gut wie nie hatten sie etwas zu beanstanden. Sie kontrollierten allerdings die Kassenzettel sehr genau, Reklamationen hatten sie nur wenige, aber wenn sie nachfragten, hatten sie meist einen Fehler aufgedeckt. Sie reagierten aber stets so verständnisvoll, dass dies zu keinen Missstimmungen führte. Jeden Tag gingen sie einkaufen, den Einkaufstrolley zogen sie abwechselnd hinter sich her: Adelheid am Montag, Mittwoch und Freitag, Marlies am Dienstag, Donnerstag und Samstag. Mineralwasser und Limonade ließen sie sich vom Getränkeshop gegen einen kleinen Aufpreis bringen, die Fahrer freuten sich stets über ein schönes Trinkgeld. Ja, großzügig waren die Geschwister.

Adelheid, die früher, wenn sie Marlies besuchte, stets festgestellt hatte, dass ihre jüngere Schwester einen gewissen Hang zur Unordnung hatte, war beruhigt. Marlies war genauso ordentlich geworden, wie sie selbst es immer schon gewesen war. Sie hatten anfangs einen Putzplan, einen Spülplan und einen Tischdeckplan schriftlich festgehalten und an den Kühlschrank gehängt, aber mittlerweile wussten sie ihn beide auswendig, nichts hing mehr herum, was auch dem Ordnungssinn der beiden Schwestern entsprach. An ihrem siebenundsiebzigsten Geburtstag offenbarte Marlies ihrer Schwester ihren größten Wunsch: „Wie wäre es, wenn wir eine Putzhilfe einstellen? Ich bin das Putzen leid, das Bücken fällt mir schwer, meine Haut leidet unter dem häufigen Kontakt mit Wasser. Es strengt mich sehr an, ich bin anschließend immer sehr, sehr müde und muss mich erst einmal mehrere Stunden hinlegen.“ Adelheid wollte es schon unwirsch abwehren, aber dann dachte sie nach. Ihre Schwester war weniger robust als sie selbst, und wie lange sie selbst noch Freude am Wischen hatte, wer weiß das schon? Die ersten Rheumazeichen machten auch vor ihr nicht halt.

„Marlies, ich verstehe deinen Wunsch und ich heiße ihn gut.“ Marlies hatte einen Streit mit der älteren Schwester befürchtet und atmete sichtlich auf. „Aber ich muss das erst mit dem spitzen Stift nachrechnen. Unsere Renten reichen für uns, weil wir nicht mit dem Geld um uns werfen, wir können uns den einen oder anderen kleinen Luxus durchaus leisten. Auf unsere kleinen alltäglichen Freuden möchte ich ungern verzichten.“ Marlies nickte, ja, da hatte die ältere Schwester wieder einmal recht. Jeden dritten Sonntag im Monat fuhren sie zum Beispiel mit dem Zug zum nächsten Zoo, wo sie viel Spaß am Betrachten und Beobachten der Tiere hatten. Dazu gehörte auch ein kleiner Besuch im Restaurant gegenüber vom Zoo, wo sie die beiden Seniorenteller mit wechselnden Menüs bestellten. Daran hatten sie sehr viel Freude, da müsste man schon rechnen.

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