Die richtige Putzhilfe (2/4)

Adelheid rechnete und rechnete, eigene Renten, Witwenrenten, Geld aus Lebensversicherungen, Sparbücher. Sie spitzte ihren Bleistift mehrere Male und schrieb viele Zahlenkolonnen auf den Block mit dem karierten Papier. Mit dem Ergebnis war sie zufrieden. Wenn sie nur noch alle vier Wochen zum Friseur gingen und vielleicht die Grundnahrungsmittel im Discounter kaufen würden statt im Supermarkt, sollte das kein Problem sein. Sie waren sich auch einig, dass sie einen guten Stundenlohn bezahlen wollten. Adelheid hatte viele Jahre als Verkäuferin in einem Feinkostladen gearbeitet, Marlies als Köchin in einer Großküche. Sie wussten, wie schäbig man sich fühlt, wenn man schlecht bezahlt wird.

In fünf Jahren hatten sie reiche Erfahrungen mit Putzhilfen sammeln können. In der Canasta-Runde, bei Familienbesuchen oder wo immer es sich anbot, berichteten sie von den Erlebnissen. Es war doch wie verhext, die Arbeit war einfach, gut bezahlt, sie sagten von Anfang an, was sie erwarteten – und trotzdem waren sie in den vergangenen Jahren immer wieder auf die Nase gefallen. „Wir haben offensichtlich keine gute Menschenkenntnis, sonst würden wir nicht ständig die falschen Personen einstellen!“

In knapp fünf Jahren acht Putzhilfen ist wirklich eine beeindruckende Zahl. Irgendwie klappte es nie: Es fing immer gut an, dann wurden die Damen nachlässig, eine hatte sie sogar bestohlen, bei zweien hatten sie den Verdacht auf Diebstahl, konnten es aber nicht beweisen. Obwohl Adelheid beim Einstellungsgespräch mehrmals darauf hinwies, dass die Putzhilfe während ihrer Arbeit unbedingt ein Haarnetz tragen müsse, weil ihre Schwester und sie keine fremden Haare finden wollten, kam es auch da immer wieder zu Problemen.

Vor zwei Monaten hatten sie eine neue Annonce aufgeben müssen: „Wir suchen saubere, ordentliche weibl. Putzhilfe, gutes Deutsch, für 4 Std./Woche, 50 Euro + Fahrtkostenzusch.“ Ihr erster Text war noch viel länger gewesen, aber auch da hatten sie dazugelernt. Sie erinnerten sich noch an die fröhliche Vanessa, eine quirlige Portugiesin. Leider verstand sie praktisch kein Deutsch, was die Zusammenarbeit erschwerte. Lobelia, eine deutsche Mitfünzigerin, hatte sich ebenfalls als Flop erwiesen. Der gute Stundenlohn lockte eben auch Frauen an, die eigentlich nicht gern saubermachten. Bei den ersten Anzeigen hatten sich noch viele Männer gemeldet, aber das kam für die Schwestern nicht in Frage. Das wäre ein Eingriff in die Privatsphäre, wie sie ihn nur bei ihren Ehegatten geduldet hatten. Man stelle sich nur vor, da liegt noch ein Stapel gefaltete Unterwäsche auf der Kommode, nicht auszudenken. Anfangs hatten sie auch gedacht, zwei Stunden würden für ihre Wohnung reichen, aber nachdem zwei Damen ständig außer Atem waren – oder eben nicht alles erledigten -, waren sie auf vier Stunden hochgegangen. Niemand sollte sich bei ihnen abhetzen!

Für sie war es selbstverständlich, dass sie ihre Hilfen ordentlich anmeldeten. Auch wenn die Formulare der entsprechenden Ämter und Stellen eine echte Herausforderung darstellten. Was die alles wissen wollten, und dann noch eine Ausdrucksweise benutzten, dass niemand sie versteht! Dann wurde die Benutzung eines Computers Pflicht, da war es den beiden endgültig zu viel. Zum Glück war die Nachbarin von gegenüber, Jessica Rodenbach, gelernte Buchhalterin, die bei einem Steuerbüro arbeitete. Sie hatte sich spontan bereit erklärt, die Meldungen für die Schwestern vorzunehmen. Ein wunderbares Arrangement, Jessica bekam regelmäßig Pralinenschachteln und eingeschweißte Kuchen von den Schwestern geschenkt, da sie sich geweigert hatte, sich für ihre kleinen Dienste bezahlen zu lassen. Jessica hatte nicht das Herz, den Damen zu offenbaren, dass sie seit ihrem dritten Lebensjahr an Diabetes erkrankt war. „Tropfen in Nuss“ aß Marlies selbst sehr gern und hielt es daher auch für ein gutes Geschenk. Jessica dachte manchmal, dass sie einen Tropfen-in-Nuss-Laden aufmachen könnte, denn sie hatte niemandem im Freundes- oder Verwandtenkreis, der diese altmodische Süßigkeit mochte.

Marita Gonzalez war nun zwei Monate bei ihnen. Sie kam aus Spanien, irgendwo von der Westküste. Sie machte einen fleißigen und ehrlichen Eindruck, beim Vorstellungsgespräch hatten sich die beiden Schwestern zugenickt. Ihr Deutsch war nicht so glatt, wie sich Marlies das gewünscht hatte, aber Adelheid meinte, es reicht, sie soll ja keine Briefe für uns schreiben. Die recht kugelige Spanierin bürstete ihr schwarzes Haar straff nach hinten und zog das Netz über, was soll’s, was diese Damen da für eine Marotte haben, dachte sie in fließendem Spanisch. Sie waren so freundlich und nett, steckten ihr auch schon mal kleine Süßigkeiten für ihre Kinder zu, da macht das nichts.

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