Die richtige Putzhilfe (3/4)

Der erste Arbeitstag bestand aus einer langen Latte kleiner Empfehlungen. Adelheid und Marlies gingen mit Marita durch die Wohnung und erklärten Marita, worauf es ankam. Marita wollte es ihren Arbeitgeberinnen natürlich gern rechtmachen, aber hin und wieder schweiften ihre Gedanken zu ihren Kindern, ob die jetzt ohne sie zurechtkämen, ob der Älteste zum ersten Mal hatte allein zur Schule gehen können. Auch war es sehr anstrengend, vier Stunden lang deutschen Anweisungen zu folgen, vor allem, wenn diese noch verklausuliert waren, da die beiden Schwestern ungern Befehle gaben. Das ist grob und eine Putzhilfe ist ein Mensch wie jeder andere. Für eine einfache Ansage wie: „Das Spülbecken brauchen sie nur alle drei Wochen zu reinigen, das machen wir selbst zwischendurch“ brauchten sie zehn Minuten und viele Hintergrunderklärungen. Die letzte Frage an ihrem ersten Arbeitstag verstand Marita zum Glück: „Sie wissen jetzt, worauf Sie achten müssen?“ Marita nickte mit Enthusiasmus. Natürlich, denn Ordnung und Sauberkeit entsprachen ihrem Naturell, der Rest würde sich schon geben.

Zu ersten Problemen kam es, als Adelheid entdeckte, dass die zehn kleinen Zinnsoldaten, die sie noch von ihrem Mann geerbt hatte, im Bücherregal nicht in der richtigen Reihenfolge standen. Sie waren nach Mützenfarbe sortiert, immer eine blaue Mütze neben einer roten usw. Sie hatte das Marita ganz ruhig erklärt und gezeigt, Marita hatte breit gelächelt und ihre wunderbaren Zähne gezeigt. Adelheid interpretierte das als Zeichen des Verstehens.

Zwei Wochen hatte es funktioniert, dann musste sie Marita leider wieder ermahnen. Sie sprach mit Marlies darüber, die mit dem Kopf nickte: „Ich wollte es dir ja nicht sagen, um dich nicht zu beunruhigen, aber die Fotos von Nils und Annika auf meinem Nachttisch waren falsch angeordnet!“ Nils stand jetzt plötzlich rechts von Annika, was für Marlies nun gar nicht ging. Sie hatte Marita nicht nur gesagt, dass sie verkehrt herumstehen, sondern auch gezeigt, wie man es richtig hinbekommt: Man nehme je ein Bild in eine Hand, vorzugsweise das linke Bild in die linke Hand, das rechte Foto in die rechte Hand. So transportiert man sie an einen sicheren Ort, wischt Staub auf dem Nachtisch und stellt die Fotos genauso wieder zurück. „Das ist doch eigentlich ganz einfach, Marita.“ Marita lächelte breit und nickte, ganz einfach. Sollte sie morgen zum Elternsprechtag gehen? Ihr Ältester war in Deutsch ziemlich abgerutscht, die Jüngste lag mit hohem Fieber im Bett.

Marita sang fröhlich bei der Arbeit. Adelheid erklärte ihr, dass sie sich natürlich freuten, dass Marita sich bei ihnen so wohl fühle, aber sie doch ein ruhiger Haushalt wären, eben nicht so wie in Spanien, wo ständig laut gesungen und Remmidemmi gemacht wird. Marita nickte und sang nicht mehr, nur beim Saugen summte sie vor sich hin.

An der sauberen Arbeit von Marita war anfangs nichts zu bemängeln. Aber irgendwann kehrt wohl bei allen der Schlendrian ein? Nach acht Wochen fuhr Marlies mit dem Finger über den hohen Schrank im Garderobenzimmer, sie musste dafür extra die hohe Leiter nehmen, sonst kam sie gar nicht daran. Schon fast triumphierend streckte sie Adelheid den Zeigefinger mit der dünnen Staubspur entgegen: „Schau dir das an! Da hat sie ja wohl noch nie saubergemacht!“ Sie riefen Marita herbei, die gerade bis zu den Ellbogen im Wasser hing, weil sie den Backofen von innen reinigen wollte. Sie erklärten es ihr. Marita verstand es erst nicht, Marlies machte es in Zeichensprache klar. Marita sagte: „Habe ich doch gemacht vor drei Wochen!“ Adelheid mahnte: „Dann ist das eben nicht oft genug!“ Anschließend unterhielten sich die Schwestern darüber, wie gefährlich doch Feinstaubvergiftungen sind.

Über Weihnachten fuhr Marita mit ihrer Familie in die Heimat. Das war von vornherein so abgesprochen gewesen, die Schwestern wünschten ihr und der Familie eine gute Fahrt. Sie wussten von Jessica, dass einer ordentlich eingestellten Putzhilfe auch bezahlter Urlaub zustand. Zwar schüttelten sie den Kopf darüber, aber keinesfalls wollten sie gegen das Gesetz verstoßen. Marita zeigte ihr Zähne in vollster Schönheit und dankte beiden Schwestern sehr. Marlies erklärte ihr, dass sie nur das Gesetz befolgten. Zu Adelheid meinte sie später, „Das musste ich ihr sagen, stell dir vor, sie denkt, wir haben etwas zu verschenken!“

2 Gedanken zu “Die richtige Putzhilfe (3/4)

  1. Da möchte ich ja nun nicht putzen. Da würde ich irgendwann mit dem Putzlappen ausholen 😉
    „Macht euren Kram doch selbst!“ Also ehrlich…
    Bin auf die Fortsetzung gespannt.

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