Die richtige Putzhilfe (4/4)

Marita hatte es wirklich so lange ausgehalten, dass sie sogar ein Urlaubsrecht erarbeitet hatte. Marlies und Adelheid unterhielten sich öfter bei einer Tasse Tee mit Sahne und Kandis darüber, wie großzügig sie geworden waren, dass sie Marita trotz ihrer zahlreichen Fehlleistungen immer noch behalten hatten. „Wir sind ja keine Unmenschen“, war ihr Lieblingssatz in diesem Zusammenhang. Die beiden Schwestern waren hager, ein Fakt, der eher in der genetischen Anlage begründet war als in diszipliniertem Essverhalten. Marita war eher kugelig. Zwar hatten sie die fröhliche Spanierin trotzdem eingestellt, aber sie hatten sich schon vorgenommen, ihr etwas auf die gesundheitlichen Sprünge zu helfen. So hielten die Schwestern ihr, während sie im Wohnzimmer Staub wischte, sorgfältig darauf bedacht, die Spitzendeckchen genauso wieder auszurichten, wie sie vorher waren, kleine Vorträge über Ernährung. Nach einem halben Jahr hatten sie eigentlich erwartet, dass Marita deutlich abgenommen habe, aber das war nicht der Fall. Das war jetzt nicht unbedingt ein Grund zur Kündigung, aber schon bedenklich hinsichtlich der Zuverlässigkeit.

Nach Weihnachten kam die gutgelaunte Marita zurück und hatte den beiden jeweils eine große Packung spanisches Marzipan mitgebracht. Die Schwestern bedankten sich höflich, sie mochten kein Marzipan. Sie hatten aber die blendende Idee, Jessica damit zu beschenken. Die freute sich immer so sehr! Marita war eher noch kugliger geworden und Adelheid erkundigte sich, wie sie es denn so mit dem Essen halte. „Alles gut!“, war die einzige Antwort, die sie ihrer Hilfe entlocken konnte.

Erst war alles okay, aber dann fing der Schludrian wieder an: Marlies hatte unter ihrem Bett zwei Krümel gefunden, die dort definitiv nicht hingehörten. Adelheid hatte im Vorratsraum in der Ecke hinten links ein 5 x 5 cm großes Spinnennetz entdeckt. Das beobachtete sie drei Wochen lang, es war immer noch da! Es war recht schwierig, das zu beobachten, sie musste sich dafür auf den Boden legen und mit einer Taschenlampe leuchten, das Aufstehen fiel ihr doch zusehends schwerer mit dem stärker werdenden Rheuma. Sie schüttelte den Kopf, das war nicht zufriedenstellend.

Sechs Wochen nach Weihnachten kam Marita wie gewohnt zur Arbeit („Heute war sie wieder drei Minuten zu spät, ich trage das eben in unser Heft ein!“), sie war nicht so gut gelaunt und fröhlich wie sonst. Marlies erkundigte sich mitfühlend, was denn los sei? Marita brach in Tränen aus, ihrem Mann, Schichtarbeiter in einer Staubsaugerfabrik, war gekündigt worden, weil diese Zweigstelle der Firma aufgelöst würde. Das war alles ganz plötzlich gekommen und jetzt stand er da, mit siebenundvierzig Jahren ist es schwer, als ungelernter Hilfsarbeiter einen Job zu bekommen! Es dauerte ganze zehn Minuten, bis die Schwestern diesen Sachverhalt dem tränenreichen spanisch-deutschen Kauderwelsch entnommen hatten. Marlies nahm Marita in den Arm, „Das ist ja furchtbar! Wir werden mal mit der Hausverwaltung sprechen, ob vielleicht für den Garten jemand gesucht wird.“ Marita lächelte dankbar unter Tränen.

Als sie in der Woche darauf wiederkam, fragte sie sofort, ob es etwas von der Hausverwaltung gäbe. Adelheid guckte überrascht, was hatte Marita mit der Hausverwaltung zu tun? Auf eine entsprechende Frage antwortete Marita „Sie wollten Fragen. Wegen mein Mann.“ „Ach ja, richtig“, flocht Marlies ein, „wir haben sofort gefragt, aber da gibt es zurzeit gar keine Vakanzen.“

Marita war betrübt. Beim Tee mit Sahne und Kandis fragte Adelheid ihre Schwester, was die Hausverwaltung denn genau gesagt habe. „Ich habe nicht gefragt, ich habe einfach nicht mehr daran gedacht, aber sicher hatten die nichts.“ Adelheid nickte „Die haben doch nie was, und wenn stellen sie nur freche junge Burschen ein. Wie diesen, wie hieß er doch noch gleich?“ Sie kamen nicht auf den Namen, aber egal.

Drei Wochen später mussten sie Marita nun wirklich kündigen. Auf dem Waschbecken in der Gästetoilette standen eine Seifenschale, eine Flasche mit Waschlotion und eine kleine Engelsfigur, in dieser Reihenfolge. Und obwohl sie es ihr schon zweimal gesagt hatten, dass die Seifenschale nach links und die Waschlotion nach rechts kommt, hatte sie die beiden schon wieder falsch gestellt! Nein, das ging nun wirklich nicht.

Marlies sagte dann später noch zu ihrer älteren Schwester: „Weißt du, es hat mir schon leidgetan, jetzt wo ihr Mann arbeitslos ist. Aber das wusste sie ja, da hätte sie wirklich ein wenig sorgsamer bei der Arbeit sein können!“

Adelheid nickte: „Ja, so ein bisschen Undankbarkeit ist da schon bei.“ Pause. „Auch hat mich immer gestört, dass sie das Haarnetz ausgezogen hat, bevor sie ihren Mantel anzog. Da konnten Haare fliegen!“

Marlies ergänzte eifrig: „Und von der Seife hat sie auch zu viel genommen, ich habe den Seifenspender gestern gewogen, bevor sie kam, und als sie ging, waren es 17,5 Gramm weniger!“

Adelheid nickte wieder: „Und hast du die Papiertüten vom Markt gesehen, die wir ordentlich gefaltet und nach Größe sortiert in die Besenkammer gelegt hatten? Da waren mindestens drei falsch einsortiert.“

Beide schüttelten traurig den Kopf, sie waren enttäuscht. Adelheid griff zum Telefonhörer, um die nächste Annonce aufzugeben.

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