Aus dem Leben einer Privatpatientin 1/3

Es geht die Geschichte um vom privilegierten Privatpatienten und der Zweiklassen-Medizin. Ich bin Privatpatientin und berichte gern von meinen Erfahrungen: aus meinem Leben und anderer Privatpatienten, die ich kenne. Sie sind ganz persönlich, fußen auf keiner Bevölkerungsstatistik.

  • Da gibt es zum Beispiel das Gerücht, dass Privatpatienten bevorzugt Termine bekommen. Die meisten Ärzte bzw. Helferinnen haben mich vor der Terminvergabe (wenn ich zum ersten Mal dort anrufe) nicht nach meiner Kassenzugehörigkeit gefragt – und ohne zu wissen, dass ich Privatpatientin bin, kann mich niemand bevorzugen.
    Ich hatte vor drei Jahren ein Problem mit den Augen, das keinen langen Aufschub duldete. Die nächste Augenarztpraxis – sie hatte nach dem Patientenstatus gefragt – hatte einen Termin in drei Monaten für mich.
  • Nicht zu vergessen, dass die Privatpatienten nicht so lange in der Praxis warten müssen. Schön wär’s 🙂 Ich habe in den letzten drei Jahren ausgiebig Ärzte- und Wartezimmererfahrungen mit einem Freund sammeln dürfen. Nicht ein einziges Mal kam er schneller dran als die anderen Wartenden. Einmal sogar war es wirklich ärgerlich, da war der Freund frisch zurück von einer schweren OP, ich hatte extra für ihn bei der Praxis gefragt, wie die Wartezeiten sind und auf die Erkrankung hingewiesen. Fünfzehn Minuten maximal, war die Antwort. Er hat über vierzig Minuten gewartet. In einer anderen Allgemeinpraxis musste er auf eine reine Blutabnahme manchmal mehr als eine Stunde warten. In beiden Praxen war bekannt, dass er Privatpatient ist.
  • Nicht zu vergessen die Zwei-Klassen-Medizin. Worin besteht die? Ich greife ein Beispiel heraus: Bei einem Privatrezept kann der Arzt das Originalpräparat aufschreiben, dann muss die Apotheke das aushändigen. Die Apotheker fragen übrigens regelmäßig, wenn es preiswertere Generika gibt, ob man die wolle? Auch die private Krankenkasse meldet sich freundlich und bittet darum, den Arzt anzuhalten, doch das preiswertere Generikum aufzuschreiben.

Es gibt Unterschiede, stimmt. Auf einem privaten Rezept für Physiotherapie darf der Arzt zehn Anwendungen verordnen, beim Kassenpatienten sind es nur sechs. Dafür darf der Privatpatient häufig einen Teil der physiotherapeutischen Anwendungen aus der eigenen Tasche bezahlen, weil sie mysteriöser Weise nicht im Heilungsplan der privaten Krankenkasse aufgeführt sind.

Nicht zu vergessen, haben Privatpatienten noch das große Privileg, dass sie erst einmal alle Rechnungen (bis auf Krankenhauskosten) aus eigener Tasche bezahlen dürfen. Das kann auch schon mal in die drei- bis vierstelligen Summen gehen. Auch haben sie einen Selbstbehalt. Zwar müssen die Kassenpatienten eine Gebühr pro Rezept bezahlen, wenn man aber als Privatpatient nicht völlig unter den monatlichen Kosten zusammenbrechen möchte, wählt man einen hohen Selbstbehalt. Der beträgt bei mir zum Beispiel 3500 Euro pro Jahr. Wenn ich also zum Arzt gehe, muss ich schon richtig etwas „Fettes“ haben, um diese 3500 Euro zu erreichen. Wer als Privatpatient krank wird, muss nicht nur die Beiträge bezahlen, sondern auch jedes Jahr wieder erst einmal den Selbstbehalt bezahlen (nicht vorstrecken!), bevor die Kasse tätig wird. Als privat versicherter Rentner mit guter Krankenversicherung können so ab Mitte 60 durchaus Jahresbeiträge von 4500 Euro zusammenkommen. Dazu kommt dann der Selbstbehalt, nehme ich das Beispiel von 3500 Euro. Das sind im Monat etwas mehr als 650 Euro.

Der Privatpatient hat den Vorteil, dass er direkt zum Facharzt gehen kann, das stimmt. Der Privatpatient kann, wenn er sich entsprechend versichert, ein Einbettzimmer und Chefarztbehandlung erhalten. Das kann der Kassenpatient mit einer Zusatzversicherung auch. Wobei mir die Chefarztbehandlung nicht wichtig ist, aber die Vorstellung, gerade wenn ich krank bin, nicht allein liegen zu können, war für mich immer so bedrückend, dass ich schon eine private Krankenversicherung abgeschlossen habe, als ich noch sehr wenig Geld verdient habe.

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