Erfindungen (1/3)

Mein Freund der Erfinder

Michael ist Erfinder und ein Freund aus Kindertagen. In den ersten Grundschulmonaten wohnte meine Familie in Delmenhorst, einer mittelgroßen Stadt in Norddeutschland. Michael ging in dieselbe Klasse wie ich und wir waren uns sympathisch, er hat mich morgens am Gartenzaun abgeholt und wir sind gemeinsam zur Schule gegangen. Nach dem Umzug hatte ich ihn mehrere Jahre aus den Augen verloren. Auf einer Party während meiner Studienzeit in Köln saß ich mit mehreren Leuten zusammen, einer der Studenten erzählte, dass er aus Delmenhorst komme. Da horche ich immer auf. Ich weiß nicht mehr, welche philosophische Überlegung er damit belegen wollte, aber für irgendeine These brachte er ein Beispiel aus seiner Kinderzeit, dass er dort im ersten Halbschuljahr immer eine Klassenkameradin am Gartentor abgeholt habe. Na, was für ein Zufall! (Falls es Zufälle gibt.) Wir kamen ins Gespräch, die alte Sympathie war wieder da und wir versprachen, dass wir uns nicht mehr aus den Augen verlieren wollten. Über Jahre zog sich ein lockerer Kontakt, ab und an trafen wir uns und tranken einen Kaffee.

Ich dachte immer, er ist so ein richtig reicher Mann, da er immer mit der Zahl seiner Patente angab. Seine schäbige Kleidung hielt ich für die Nachlässigkeit eines Wissenschaftlers. Vor zwei Wochen waren es noch vierhundertdreiundfünfzig Patente. Wer sich je einmal mit Patentschriften auch nur oberflächlichst beschäftigt hat, weiß, dass das allein eine patentwürdige Leistung ist.

Beispiele für seine Erfindungen sind: Automatikregenschirme für Schildkröten; digitale Bilderrahmen, deren Slideshow sich an das Gesicht der Vorbeigehenden anpasst; Überwachungskameras, die nur auf Vierfüßler reagieren; wasserdichte Badehosen; lichtundurchlässiger Nagellack und und und. Er hat selbst nie so recht verstanden, warum ihm der große Durchbruch verwehrt war. „Wenn die Fachwelt mich schon totschweigt, so hatte ich doch gehofft, dass ich Produzenten für meine Ideen finde – Ideen, die förmlich nach Umsatz riechen.“ Ein Satz, der ihn sofort faszinierte, weil er ein Riechmodul entwickeln wollte, mit dem sich schneller als mit entsprechenden Einwurfmaschinen Geld zählen lässt.

Gestern traf ich ihn und was soll ich sagen? Ein gemachter Mann! Das Selbstbewusstsein, mit dem er mich anstrahlte, übertraf noch die Qualität seines offensichtlich maßgeschneiderten Anzugs. Das scheußliche Ding an seinem Handgelenk entpuppte sich als Rolex. Nun, ich habe einfach keine Ahnung, was sich in der Welt der Reichen so abspielt. Michael erklärte mir viel vom Verhaltenskodex unter reichen Menschen. „Du musst es ja wissen mit deinem geliehenen Anzug!“, dachte ich.

Oh, welches Unrecht ich ihm getan hatte! Er lud mich in das teuerste Restaurant vor Ort zu einem kleinen Imbiss ein. Es war ein wirklich winziger Imbiss, denn das mathematische Produkt: Preis x Menge muss immer konstant bleiben: je kleiner der Preis, umso größer die Menge. Dies scheint ein ehernes Gesetz in der Gastronomie. Er erklärte es mir an einem kleinen Beispiel: Wenn du für eine Portion Pommes Frites an einer Pommesbude drei Euro bezahlst und die Portion zweihundert Gramm wiegt, ergibt das fragliche Produkt drei mal zweihundert, in Zahlen: 3 x 200 = 600. Logisch?“ Ich stimmte zu, fand aber gleichzeitig das Beispiel nicht so gelungen, wo gibt es heute noch Pommesbuden? Ein Begriff aus alten Zeiten.

„Nun gehst du in ein Nobelrestaurant“, erklärte mir Michael. „Dort gibt es Beilagen, Fleisch und Gemüse getrennt berechnet.“

„Aber Michael, das habe ich wirklich noch nie erlebt!“

„Dann“, so schmunzelte Michael, warst du wohl noch nie in einem richtig noblen Schickimicki-Restaurant?“

Ich verstummte, denn er hatte Recht.

„Also, im Nobelrestaurant ist alles teurer, von der Einrichtung über den Koch bis zur Miete. Die müssen also höhere Preise nehmen.“

Das leuchtete mir ein, weshalb ich vehement nickte. Ambiente will bezahlt werden.

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