Erfindungen 3/3

Michael platzte fast vor Stolz. „Hast du schon bemerkt, dass die Tischplatte und dein Sitz etwas wärmer sind als noch vor zehn Minuten?“

Für wahr, er hatte Recht – ich hatte nur gedacht, ich hätte mich von den kalten Außentemperaturen im warmen Restaurant aufgewärmt. Der Sitz war richtig schön muckelig, die Tischplatte leitete die Temperatur an das Besteck und den Teller weiter, sodass meine Kartoffeln trotz des spannenden Gesprächs nicht kälter wurden.

„Ich habe eine Methode entwickelt, wie sich Sitze und Tischplatten allmählich erwärmen lassen, wobei gleichzeitig auch die Teller abgekühlt werden können. Und das unsichtbar für den Gast.“

Mein verständnisloser Blick machte ihm offenbar klar, dass ich zu diesen primitiven Menschen gehören, die die Größe von Erfindungen nicht auf Anhieb verstehen.

„In einem Nobelrestaurant wird die Temperatur nach etwa 65 Minuten unerträglich, der Wirt von nebenan, der seinen Umsatz höherschrauben will als der noble Nachbar, nimmt einen anderen Faktor, weshalb es bei ihm die Gäste nach 55 Minuten nicht mehr auf dem Stuhl aushalten und nach der Rechnung rufen. Der nächste Gast kann Platz nehmen.“

Michael rechnete mir nun anhand weiterer Formeln vor, wie genau und in welcher Höhe sich Umsatz so steigern oder auch senken ließe. „Denn“, so vertraute er mir an, „zu hoher Umsatz kann die Steuern hochschnellen lassen.“ Das verstand ich, denn wer will schon viele Steuern zahlen?

„Der Clou meiner Erfindung kommt aber noch.“ Michael machte eine Kunstpause, um meine volle Aufmerksamkeit zu erhalten.

„Für Billigrestaurants habe ich die Schnellvariante entwickelt. In die Tische sind Drähte eingezogen, die mit den Stühlen verbunden sind. Bleibt der Gast länger als zehn Minuten, bekommt er einen leichten Elektroschock. Diese Schocks verstärken sich im Minutentakt. Wobei sich dieser Takt herauf- oder herabsetzen lässt.“

Mein Freund lehnte sich selbstzufrieden nach hinten. Ich war beeindruckt. Plötzlich rief er hektisch nach dem Kellner: „Zahlen bitte!“. Er zahlte hastig und wir verließen das Restaurant.

„Was war das denn? Es war doch noch gemütlich warm!“.

Michael war etwas blass. „Es gibt ein paar Modelle, da habe ich am Anfang nicht gemerkt, dass ich mich verkalkuliert habe, die Formel war noch in der Erprobungsphase. Ich habe sie als Anfängermodelle preiswert an interessierte Restaurants verkauft.“

Mein Blick musste fehlendes Verständnis ausgedrückt haben.

„Öhm, ja, also, da kommt dann eine kleine Stoßwelle mit drei Impulsen…“

Stimmte, das hatte ich am Tisch auch gemerkt. „Ja, und?“

„Drei Minuten nach dieser Stoßwelle gibt es einen, ähm, ziemlich starken Totschlag, äh, Stromschlag.“

„Wie stark???“

Michael guckte betreten auf seine Schuhe. „Nun…. du weißt doch, in einigen Ländern gibt es noch die Todesstrafe.“ Er musste wohl bemerkt haben, dass ich mehr als geschockt war.

„Nein, nein, keine Sorge, in den späteren Modellen, die ich an diverse Burgerketten verkauft habe, geht es über starken Schmerz und blaue Flecken nicht hinaus. Nur eben in den Prototypen…“.

Ich fand es immer schon sehr lecker, in der heimischen Küche zu essen. Dann dachte ich an meine Freundin Birgit, die sich selbst als meine Freundin sah, was ich nicht bestätigen wollte, aber sie besuchte mich schon mal gern, wenn es mir gar nicht passte. Und wenn sie einmal saß, dann saß sie!

Daher meine Frage an Michael: „Hast du das eigentlich auch schon für Einzelsitzplätze im Privathaushalt weiterentwickelt?“

Mit Dank an Eric, der mir die Idee für die Elektrostöße gegeben hat.

 

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