Der verlorene Sohn (1/6)

Das Märchen vom verlorenen Sohn

Dies ist zu unterscheiden vom Gleichnis vom verlorenen Sohn. Ein Gleichnis[1] will uns etwas beibringen, etwas über das Leben lehren. Im Gegensatz zum Märchen, das uns nur etwas beibringen, uns etwas über das Leben lehren will. Das Gleichnis ist meist etwas kürzer.

Und er [Jesus] sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne. Und der jüngste unter ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Teil der Güter, das mir gehört. Und er teilte ihnen das Gut. Und nicht lange darnach sammelte der jüngste Sohn alles zusammen und zog ferne über Land; und daselbst brachte er sein Gut um mit Prassen.

Harald Harmsdorf war seit fast dreißig Jahren glücklich mit Sophie Schmidt-Harmsdorf verheiratet. Er hatte einen gut florierenden Autohandel im Zentrum einer deutschen Großstadt. Das Ehepaar hatte drei Kinder: eine Tochter, Nicole, und zwei Söhne. Der ältere Sohn hieß Niklas, der jüngere Lukas. Nicole heiratete mit achtzehn, wanderte nach Kanada aus und meldete sich nur noch zu Weihnachten mit einer kleinen Karte, nur selten rief sie an. Niklas und Lukas, so hatte Harald das geplant, sollten eines Tages das Geschäft gemeinsam übernehmen, es würde sicher auch zwei Familien ernähren. Niklas war langsam, aber dafür gründlich. Schon als kleines Kind lernte er z.B. erst spät Radfahren. Lange schaute er den anderen Kindern nur zu. Ruhig und unerschütterlich. Wenn seine Eltern ihn fragten: „Willst du denn nicht auch einmal auf dem Rad fahren, das wir dir zum Geburtstag geschenkt haben und über das du dich so gefreut hast? Es steht schon ein halbes Jahr im Keller.“

Niklas schüttelte den Kopf und sagte nichts. Zwei Monate später holte er das Fahrrad aus dem Keller, setzte sich darauf und fuhr davon. Fuhr er mit anderen Kindern zusammen, war er nicht der Schnellste, aber durchaus im vorderen Feld. So ging das mit vielen Dingen. In der Grundschule war die Lehrerin besorgt, dass er vielleicht zurückgeblieben sei. Sophie erklärte ihr, dass Niklas einfach seine eigene Art des Lernens haben. Die Lehrerin zweifelte, aber wartete ab. Sophie sollte Recht behalten: Nachdem Niklas einmal gesehen hatte, wie „es“ läuft, schrieb und las er gut, so als hätte er nie länger gebraucht als die anderen. Niklas war schon als Kind ruhig und besonnen, selten in heftigen Streit verwickelt, wenn es um ihn selbst ging. Sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn ließ ihn aber deutlich einschreiten, wenn er überzeugt war, da wurde jemandem Unrecht getan. Ein kleiner Junge wurde von drei Größeren gehänselt? Da dauerte es nicht lange, bis die Drei vor Niklas Reißaus nahmen. Er war nicht sehr groß, aber kräftig gebaut. Wer sich einmal mit Niklas angelegt hatte, tat es so schnell nicht wieder.

Lukas, der Nachkömmling, war anders. Nicht klüger als Niklas, aber deutlich schneller. Er war schon sehr früh wortgewandt und charmant, was vor allem bei älteren Tanten und den Großeltern gut ankam. Er bekam sein Fahrrad genau wie Niklas, nahm es noch am Geburtstag nach draußen, fuhr sofort los und stürzte an der nächsten Ecke. Egal, weiter ging’s. Während Niklas‘ Fahrrad auch nach zwei Jahren fast noch aussah wie neu, war das Blech von Lukas‘ Rad mehrfach verbeult, voller Schrammen und die Ablage hing schräg. Dazu kamen diverse Narben an des Jungen Knie und Ellbogen. In der Schule begriff er schnell, aber um wirklich sehr gut zu sein, war er nicht gründlich genug. Husch, husch, war seine Methode. Zuhören oder lesen, schnell verstehen und das musste reichen. Er war nicht auf Streit aus, aber wenn ihn jemand provozierte, konnte er richtig wütend, ja fast jähzornig werden und dann kämpfte er bis „zur Vernichtung“ des Gegners.

Die Schule war ein Flug für ihn, keine Arbeit. Seine Eltern sorgten sich gelegentlich, denn Kinder, die in der Schule keine Schwierigkeiten haben, scheitern als Erwachsene dann häufig, wenn es auf einmal darum geht, Beständigkeit und Fleiß zu zeigen. Andererseits, so dachten sie, ergänzten sich die Brüder hervorragend. Lukas mit seinem flotten Mundwerk war quasi der geborene Verkäufer, charmant und gutaussehend. Niklas hingegen, so sahen sie das, konnte für die solide Basis sorgen, das reibungslose Funktionieren der Firma usw.

Nach dem Abitur studierte Niklas nach einer Banklehre Betriebswirtschaftslehre. Lukas wollte nach dem Abitur erst einmal die weite Welt sehen. Seine Eltern fanden das eine gute Idee, warum nicht? Sie wollten ihm durchaus ein halbes Jahr Reisen finanzieren. Aber Lukas war da anderer Meinung: „Der kleine Ort hier zwängt mich ein, ich will nicht in die Firma, ich kann Autos nicht mehr sehen. Kurz gesagt: Zahlt mir mein Erbe aus, dann bin ich weg und mache anderswo mein Glück. Vorher seht Ihr mich nicht wieder.“

[1] Zitiert nach http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912/lukas/15/ (abgerufen am 26.2.2018)

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