Der verlorene Sohn (2/6)

Den Einwand seiner Eltern, dass er doch noch nichts gelernt habe, wischte er vom Tisch. „Ihr wisst doch, dass ich schnell lerne, wenn mich etwas interessiert.“ Das, so war auch den Eltern klar, wussten vor allem viele Mädchen vor Ort. Nachdem er lange genug gebettelt und gezetert hatte, entschlossen sie sich schweren Herzens, ihm seinen Wunsch zu erfüllen. Harald musste dafür eine Hypothek auf ihr Haus aufnehmen und noch weitere Schulden machen. Niklas zuckte nur mit den Schultern, sein einziger Kommentar war: „Lasst ihn gehen, wenn er will. Haltet aber bitte notariell fest, dass er nichts, aber gar nichts mehr bekommt, wenn er einmal zurückkommt.“

Lukas störte die Klausel nicht, er zählte sich zu den Glückskindern, war er nicht an einem Sonntag geboren worden? „Klar, macht das, wenn Niklas‘ Seelenheil daran hängt!“.

Da er nun all das Seine verzehrt hatte, ward eine große Teuerung durch dasselbe ganze Land, und er fing an zu darben. Und ging hin und hängte sich an einen Bürger des Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. Und er begehrte seinen Bauch zu füllen mit Trebern, die die Säue aßen; und niemand gab sie ihm.

Lukas machte als Erstes eine Reise um die Welt. Dabei ließ er es sich gut gehen, und dazu zählten für ihn teure Kleidung, schicke Autos und hübsche Mädchen. Mit so einem Vorgehen schrumpft auch ein ansehnlicher Geldberg rasch. Da er sich für den Erfolg gemacht hielt, sah er kein Problem. Er musste nur mit dem restlichen Geld etwas auf die Beine stellen, dann würde das Geld wie von allein auf sein Konto rieseln. So gründete er schließlich zusammen mit einem Freund, den er auf seinen Reisen kennengelernt hatte, eine Surfschule der Luxusklasse auf Hawaii. Er steuerte das Geld bei, der Freund sein Know-How. Der Freund verschwand nach einem Vierteljahr, mit ihm der kleine Restbetrag, der noch auf dem Konto war. Lukas verkaufte die Schule mit Verlust und lebte mit dem Restgeld in den Tag hinein. Er war doch ein Glückskind, da würde sich ihm doch sicher eine Möglichkeit zeigen! Die zeigte sich aber nicht. Er versuchte nun, einen Job auf Hawaii zu bekommen, denn Klima und auch ansonsten gefiel es ihm dort gut. Er arbeitete mehr schlecht als recht in einer anderen Surfschule, wurde aber nach kurzem gefeuert, weil er sich zu intensiv um die Damen kümmerte, was nicht allen Ehemännern gut gefiel. Barsteher, Rausschmeißer, er machte alles. Über eine Freundin erhielt er die Möglichkeit, bei einem amerikanischen Autohändler für Luxusmodelle als Verkäufer einzusteigen. Bei ihm selbst reichte es aber gerade mal nur für ein Fahrrad.

Da schlug er in sich und sprach: Wie viel Tagelöhner hat mein Vater, die Brot die Fülle haben, und ich verderbe im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir und bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner! Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Da er aber noch ferne von dannen war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn, lief und fiel ihm um seinen Hals und küßte ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße.

„Meine Güte“, dachte er sich dann und wann, „da hatte ich zu Hause alles, was ich jetzt bei einem anderen bewundern darf. Als mieser kleiner Autoverkäufer friste ich mein Dasein mit einem mickrigen Gehalt, zu Hause steht ein großes Geschäft, da könnte ich deutlich gemütlicher mein Geld verdienen. Verkaufen kann ich gut, keine Frage – aber warum in die Tasche eines Fremden?“

Ihm war schon klar, dass er nicht so einfach mir nichts, dir nichts bei seiner Familie aufkreuzen konnte. Hatte er doch nie angerufen, nie eine Karte geschickt, sich gar nicht gekümmert. Vielleicht gab es das Geschäft ja gar nicht mehr? Im Internetcafé googelte er Autohaus Harmsdorf, Gott-sei-Dank, das stand noch und schien gut zu laufen? Vor kurzem musste wohl auch ein Ausbau erfolgt sein. „Aha, also haben Vater und Niklas es geschafft, die Hypothek zu bezahlen und weiter zu investieren, sehr gut!“

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