Der verlorene Sohn (3/6)

Es war Sonntag, Lukas lag am Strand, genoss einen Cocktail. Ja, es war eindeutig die beste Idee, wieder nach Hause zu fliegen. Er malte sich dramatische Szenen aus, seine Eltern mit Tränen der Freude in den Augen, sein Bruder, der ihn stumm in die Arme schloss. Irgendwie würde er dann schon wieder in die Familie hineinrutschen, er musste nur etwas Geduld mitbringen. Okay, er hatte schon ein wenig mit dem Geld rumgequast, das hätte er besser machen können. Am Anfang war er wirklich unvernünftig gewesen. Aber die Surfschule, das war doch eine Topidee! Was konnte er dafür, dass es bereits zwei Luxus-Surfschulen auf Hawaii gab und dass neue Konkurrenz niedergemacht würde? Razzien wegen Drogenbesitz, Hehlergut usw. Natürlich hatte sich alles als falsch erwiesen, aber der Makel saß. Es ist eben nicht einfach, in einen etablierten Markt zu stoßen. Vielleicht, ja, vielleicht hatte er sich das mit dem Business Plan etwas zu einfach gemacht. Und dass ihm ein Freund schließlich auch noch das letzte Bare nahm, damit war nicht zu rechnen, oder?

Ihm war schon klar, dass er Reue zeigen musste, das gehört nun mal dazu. Er praktizierte also diverse Monologe, die so herzerschütternd waren, dass er selbst fast in Tränen ausbrach. Eine krebskranke Freundin, schwanger von ihm im zweiten Monat, die leider ihrem Leiden erlag, obwohl er alles für sie getan hatte, das teuerste Krankenhaus bezahlt. Oder der erfolgreiche Aufbau eines Geschäfts für Sportartikel in Hawaii, für das er jahrelang hart gearbeitet hatte, dann aber hatte die Mafia ein Auge auf ihn und hatten ihn systematisch zerstört. Gelegentlich kam ihm auch die Idee, einfach die Wahrheit zu sagen, ein bisschen ausgeschmückt an der einen oder anderen Stelle. Aber Reue musste her, das akzeptierte er seufzend.

Eine weitere Frage, die er sich stellte, war: Sollte er unvorbereitet kommen oder lieber ankündigen, dass er unterwegs ist? Er entschloss sich zu letzterem, aber das möglichst knapp, damit ein gewisser Überraschungseffekt gewahrt blieb. Daher ging er am Flughafen in ein Internetcafé, besuchte die Homepage vom Autohaus Harmsdorf und gab in der Rubrik Kontakt eine Nachricht ein. Eine E-Mail zu schicken, erschien ihm zu lapidar:

„Hi, Ihr daheim. Ich habe in den letzten Jahren echt Scheiße gebaut, sorry für den Ausdruck, aber es ist so. Bin abgebrannt, komme heim und hoffe, dass ihr mir für ein paar Nächte ein Dach über dem Kopf geben könnt, danach werde ich mir selbstverständlich eine Arbeit suchen. Ankunft Frankfurt 13:26 Uhr. Tut mir echt leid, wie ich mich aufgeführt habe. Euer Lukas.“

Lukas schrieb nicht oft „dein Lukas“ oder „euer Lukas“, das widersprach seinem Unabhängigkeitsdrang. Aber hier war es taktisch klug.

Er war sich ziemlich sicher, dass seine Mutter ihn abholen würde. So schätzte er sie ein und außerdem sind Mütter so. Sein Vater… keine Ahnung, wie sauer der war. Er hatte mit Niklas immerhin den ganzen Schuldenberg abtragen müssen. Er ging, für den Fall, dass sein Vater kam, noch einmal im Geiste seine Reuerede durch. Ja, das sollte es tun. Lukas wusste um seine Wirkung. Auch wenn er die Dreißig überschritten hatte, war er ein attraktiver Mann. Zu einer guten Grundstatur kamen die Muskeln vom Surfsport, braungebrannt von der Sonne auf Hawaii, die dunkelblonden Haare an den Spitzen aufgehellt, die fröhlichen blauen Augen, normalerweise konnte ihm niemand widerstehen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s