Der verlorene Sohn (4/6)

Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringet das beste Kleid hervor und tut es ihm an, und gebet ihm einen Fingerreif an seine Hand und Schuhe an seine Füße, und bringet ein gemästet Kalb her und schlachtet’s; lasset uns essen und fröhlich sein! denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an fröhlich zu sein.

Zu Lukas‘ größtem Erstaunen standen am Flughafen beide Elternteile am Gate, um ihn zu begrüßen. Seine Mutter fiel ihm als Erste um den Hals: „Lukas, mein Junge, ich habe dich so vermisst!“ Sie trat einen Schritt zurück: „Und du siehst blendend aus!“ Auch der Vater drückte ihn an sich: „Ach, wir sind so froh, dass du wieder hier bist, bei uns zu Hause.“

Lukas war geschockt, wie alt seine Eltern geworden waren. Was hatte er erwartet? Keine Ahnung, auf jeden Fall nicht dieses ältliche Ehepaar, geschrumpft, mit Silberhaar und kleinen Bäuchen.

Lukas räusperte sich: „Ich bin auch froh, wieder hier zu sein. Und ich finde es toll, dass Ihr mich abholt, obwohl ich mich ja echt schofelig, unmöglich benommen habe. Ich fürchte, das Geld ist völlig aufgebraucht, selbst für das Flugticket habe ich drei Monate arbeiten müssen.“

Drei Monate stimmte nicht so ganz, eine ältere Freundin, der er zwei schöne Wochen bereitet hatte, hatte ihm das Geld zugesteckt, als er ihr „seine“ Geschichte tränenreich erzählt hatte. Lukas begann mit seinem Reue-Monolog, aber sein Vater unterbrach ihn:

„Ach, komm, wir freuen uns so sehr, dass du wieder hier bist! Wir haben dir dein altes Zimmer hergerichtet.“

Mit einem Blick auf seine kleine Reisetasche ergänzte seine Mutter: „Und jetzt gehen wir erst einmal in die Stadt und kleiden dich vernünftig ein.“

Das gefiel Lukas‘ Eitelkeit sehr. Sein Aussehen war sein Kapital, auch als Verkäufer. Er hoffte insgeheim, im väterlichen Geschäft als Autoverkäufer anheuern zu können. Und als Sohn konnte er ja wohl auf ein besseres Gehalt hoffen als fremde Angestellte.

Auf dem Autohof angekommen, führte ihn sein Vater zu einem kleinen, aber schicken Auto. „Und der ist für dich!“ Lukas war fast gerührt, bedankte sich bescheiden, wie sich das gehören würde, und wehrte ein wenig ab: „Das habe ich doch nicht verdient!“ Die Mutter drückte stumm seine Hand.

Seine Eltern hatten wohl alle alten Freunde und die ganze Verwandtschaft mobilisiert, die kleine Fähnchen „Welcome Home“ schwenkten, als sie zum Elternhaus kamen. Er nahm aus dem Augenwinkel wahr, dass neben dem elterlichen Haus ein Neubau stand.

Lukas musste erzählen, immer wieder, was er so gesehen und erlebt hatte. Er war froh, dass er sich seine Geschichte früh genug ausgedacht hatte. Nah an der Wahrheit, so nah wie möglich, das ist immer gut für Lügengeschichten. Wobei er selbst das nicht als Lüge sah, sondern als eine für das elterliche Gemüt rücksichtsvoll ausgebaute Massage der Wahrheit. Die Tische bogen sich unter großen Silberplatten mit verziertem Rand, gefüllt mit kleinen Snacks, vermutlich wie immer bei der benachbarten Metzgerei geordert, vermutete er. Sogar eine kleine Kapelle spielte auf!

Aber der älteste Sohn war auf dem Felde. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er das Gesänge und den Reigen; und er rief zu sich der Knechte einen und fragte, was das wäre. Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat ein gemästet Kalb geschlachtet, daß er ihn gesund wieder hat. Da ward er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn.

„Wo ist Niklas?“, fragte Lukas.

„Der kommt erst nach Geschäftsschluss, wir bekommen heute eine große neue Lieferung, da muss er vor Ort sein.“

Es war jetzt halb sieben, Niklas musste jeden Augenblick kommen, das Geschäft schloss um fünf. Vermutlich würde er sich dann noch um die Abrechnung usw. kümmern.

Niklas stand plötzlich in der Tür, neben ihm Hanna, seine Frau, mit Jonas, ihrem drei Monate alten Sohn auf dem Arm.

„Was soll das alles hier, Vater? Was ist los?“

„Stell dir vor, Niklas, dein Bruder, unser Lukas ist zurückgekommen! Ist das nicht einfach wunderbar?“

Niklas wollte auf der Stelle gehen, er nahm seine Frau am Arm und sie drehten sich um. Eine Zornesfalte hatte sich tief in seine Stirn gegraben, seine dunklen Augen blitzten gefährlich. Sie waren gerade zur Haustür heraus, als sein Vater ihn zurückrief:

„Niklas, hör doch, kommt bitte zurück und begrüße deinen Bruder wenigstens.“

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