Der verlorene Sohn (6/6)

Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein. Du solltest aber fröhlich und gutes Muts sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist wieder gefunden.

Harald fühlte sich alt und müde, wie nie zuvor. Vielleicht lag es daran, überlegte er, dass Niklas bisher zumindest nur ein Kind hatte und nicht wusste, wie es ist, wenn man zwei Kinder liebt, egal wie unterschiedlich sie sind. Er wusste durchaus um die Leistungen von Niklas und auch von Hanna. Harald arbeitete auch immer noch mit im Autohaus, obwohl er sich in einem normalen Job schon längst hätte zur Ruhe setzen können. Wären die Schulden nicht gewesen, so wäre er schon im Ruhestand, könnte mit seiner Sophie ruhige Jahre genießen und vielleicht auch ein wenig reisen. Es musste nicht Hawaii sein, aber Sophie wäre gerne mal länger als ein billiges Wochenende in die sächsische Schweiz gefahren, wo ihre Familie ursprünglich herkam.

Aber warum durfte er sich nicht wenigstens freuen, dass Lukas wieder im Lande war? Das musste Niklas doch verstehen.

„Niklas, du bist immer an meiner Seite, das Geschäft habe ich dir bereits überschrieben und auch unser Haus wird dir, bis auf einen Pflichtteil, ganz gehören. Freu dich doch einfach einmal, dass du deinen Bruder wiedersiehst. Hatten wir ihn nicht alle für tot gehalten, weil wir gar nichts gehört haben? Ist es nicht wunderbar, dass er wieder da ist? Ein Onkel für euren kleinen Jonas? Ja, ich weiß, was du sagen willst: Lukas wird sich nicht mehr ändern. Das fürchte ich auch. Oder nur ein wenig. Andererseits: Die Hoffnung sollten wir uns bewahren. Er war immer der Schnellere, so schien es, aber vielleicht ist er im Erwachsenwerden der Langsamere? Ich denke nicht, dass er Ansprüche stellen wird, finanzieller Art, das ist ja auch notariell damals ausgeschlossen worden.“

Niklas Miene war finster. Nein, er freute sich nur mäßig, denn es war etwas an Lukas, das ihn immer wieder anschrie: Vorsicht, Vorsicht, Vorsicht! Sein Vater sprach jetzt davon, dass Lukas keine Ansprüche habe, auch rechtlich nicht. Aber wenn’s um die Wurst ginge, traute er Lukas durchaus zu, auch noch einmal mit Hilfe eines dahergelaufenen Winkeladvokaten alle Register zu ziehen.

„Komm, Niklas, gib dir einen Stoß, und sei es nur mir zuliebe. Geh einen kleinen Schritt auf deinen Bruder zu.“

Niklas brummte sich etwas in den Bart. Er schnaubte, verlorene Söhne, ja, danke, die Geschichte kannte er auch noch aus dem Konfirmandenunterricht. Aber gut, sein Vater wirkte traurig und sehr angestrengt, das konnte er nicht so gut sehen. Auch Hanna warf ihrem Schwiegervater einen besorgten Blick zu. Er war gebrechlich geworden in den letzten Jahren, Sophie sah da viel stabiler aus. Haralds Schlaganfall vor zwei Jahren hatte zwar zum Glück keine Schädigungen wie Lähmungen hinterlassen, auch die Sprachstörung war wieder ganz zurückgegangen, aber er war und wirkte angeschlagen. Sie sah Niklas aufmunternd an und sie war sicher, er konnte es in ihren Augen lesen: „Komm, für deinen Vater, der so viele Opfer hat bringen müssen in den letzten Jahren.“

Niklas ging auf seinen Bruder zu. „Hallo, Lukas. Ich hoffe, es geht dir gut.“ Ein „Schön dich wiederzusehen“, brachte er nicht übers Herz. Lukas strahlte ihn an: „Das ist lieb von dir Niklas. Mir ist schon klar, dass du dich nicht nur freust, mich heute zu sehen. Aber keine Sorge, ich werde keinen Ärger machen.“

Niklas kannte seinen Bruder gut genug, im Reden war er immer schon gut. „Darf ich dir meine Frau Hanna vorstellen? Sie hat unseren Sohn, Jonas, dabei.“ Niklas war ein gewisser Stolz durchaus anzusehen. Lukas schaute sich die Frau an Niklas‘ Seite genauer an. Erstaunlich, dass hätte er Niklas nie zugetraut. Er war sich sicher gewesen, dass Niklas allenfalls eine derbe Bauerntochter oder so etwas Ähnliches gefunden hätte, die mit seiner – wie er das sah – Schwermut und Langsamkeit zurechtgekommen wäre. Aber Hanna war anders. Schlank, fast so groß wie sein schon nicht kleiner großer Bruder, gut proportioniert, sehr schön lange dunkle Haare, die ihr blasses Gesicht wie ein Rahmen umgaben. Diese blauen Augen, ihre schönen langen schmalen Hände, doch, da hatte Niklas endlich mal was erreicht im Leben. Die Frau müsste man ihm nicht auf den Bauch binden.

Lukas kitzelte Jonas an der Nase, „Was für ein hübscher Bub! Nun denn, bei solchen Eltern kann man nichts Anderes erwarten.“

Niklas verdrehte innerlich die Augen. Was für ein Gesülze.

Jonas strahlte Hanna an: „Es ist schön nach Hause zu kommen, so großzügig empfangen zu werden, wenn man wie ich so viele Fehler gemacht hat.“ Er wollte ihre Hand nehmen, aber sie hatte ja den Säugling im Arm. So strich er ihr leicht über den Oberarm: „Ich freue mich so sehr für Niklas, dass er verdientermaßen eine Frau wie dich hat finden können, wenn du mir verzeihst, wenn ich das so direkt sage.“

Hanna errötete leicht, Niklas sagte: „Ich gehe uns mal eben was vom Büffet holen“. Lukas hatte die leichte Röte gesehen. Ja, wenn er jemals Zweifel gehabt hatte, ob er bleiben sollte oder nur kurz hier verweilen, es gab jetzt etwas, das ihn lockte. Vielleicht könnte er seinen Vater und vielleicht sogar Niklas überreden, ihm wirklich einen einfachen Job als Autoverkäufer anzubieten. Wer sagte denn, dass er nicht binnen kürzester Zeit zum zweiten Geschäftsführer aufrücken könnte? Und gern würde er auch mal den Babysitter für den kleinen Jonas machen. Er vermerkte auf seiner geistigen To-Do-List: „Kauf was Nettes für das Baby, so eroberst du die Mutter.“

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