Das verlorene Schaf (1/5)

Das Märchen vom verlorenen Schaf

Das Gleichnis

Es pflegten ihm aber alle Zöllner und Sünder zu nahen, um ihn [Jesus] zu hören. Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und ißt mit ihnen! Er sagte aber zu ihnen dieses Gleichnis und sprach:  Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und eins von ihnen verliert, der nicht die neunundneunzig in der Wüste läßt und dem verlornen nachgeht, bis er es findet?  Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es auf seine Schulter mit Freuden;  und wenn er nach Hause kommt, ruft er die Freunde und Nachbarn zusammen und spricht zu ihnen: Freuet euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war! Ich sage euch, also wird Freude sein im Himmel über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.[1]

Das Märchen, 1. Teil

Agnetius war Schafhirte, und zwar Schafhirte aus Passion, nicht aus Not und nicht per Zufall. Eigentlich war er mit dem Namen Frederic in einer gutbürgerlichen Durchschnittsfamilie zur Welt gekommen. Er fiel bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahr nicht weiter auf, außer dass er als Kind gern Schafe malte, Schafe aus Porzellan, Ton, auf Bildern usw. sammelte – aber welcher Jugendliche sammelt nicht einmal. Er war unauffällig, weder besonders gut noch besonders schlecht in der Schule, er schaffte sein Abitur. Dann begann er mit einem Informatikstudium, weil Informatiker gerade händeringend gesucht wurden, wie sein Vater ihm vermittelte. Nach dem dritten Semester machte er mit zwei Kommilitonen eine zweiwöchige Irlandreise. Am Flughafen holten ihn seine Eltern ab.

„In Irland habe ich zu zwei Dingen gefunden: zum Glauben an Gott und zu meiner Berufung. Ich werde meinen Namen in Agnetius ändern und mein Leben fortan als Schafhirt verbringen.“ Damit nahm er seine Reisetasche und ging Richtung Parkhaus. Seine Eltern folgten ihm verdutzt, am Aufzug übernahmen sie die Führung, denn trotz seiner neuen Religiosität gingen sie davon aus, dass er nicht wusste, wo das Auto stand. Seine Schwester Nellie meinte nach einigen Minuten des Schweigens:

„Man sagt aber heute nicht mehr Schafhirte, sondern Schäfer!“ Nellie war immer schon vorlaut gewesen.

Agnetius sah sie an und lächelte: „Liebe Schwester, ich möchte Hirte werden.“

Er exmatrikulierte sich von der Universität, räumte sein Zimmer im Studentenheim, allerdings nicht ohne vorher noch eine kleine Bibel in das leere Regal zu stellen und ein kleines Kreuz über die Tür zu hängen. Auch wenn Agnetius sich dem geistigen Leben und den Schafen widmen wollte, war er doch noch ausreichend in seiner Zeit verwurzelt und wusste, dass er nur mit der entsprechenden Ausbildung etwas werden konnte. So durchlief er die Ausbildung zum „Tierwirt Fachrichtung Schäferei“ mit einer sehr guten Abschlussnote. Dann setzte er sogar noch einen Meistertitel obendrauf. Seine Familie besuchte ihn gelegentlich, aber seine Schwester kam nur selten mit. „Diese ganze Beterei geht mir echt auf den Senkel!“

Sein kleiner Bruder Jonathan kam hingegen gern mit, weil Agnetius so viel und schön von den Schafen, Schäferhunden und der Natur erzählen konnte.

„Jonathan, wenn ich einmal eine eigene Herde hüte, dann kannst du mich besuchen und wir werden eine schöne Zeit verbringen!“ Jonathan war begeistert, weshalb die Eltern schon befürchteten, er würde auch eines Tages in Religion und Schafzucht abgleiten, aber so weit kam es indes nie.

[1] Zitiert nach http://www.bibel-online.net/buch/schlachter_1951/lukas/15/ (27. Februar 2018)

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