Das verlorene Schaf (2/5)

Agnetius arbeitete einige Jahre als Angestellter eines anderen Schäfermeister sund bat nach fünf Jahren seine Eltern um vorzeitige Auszahlung seines Erbteils, soweit ihnen dies ohne Mühe möglich sei. Seufzend übergaben sie ihrem Sohn eine stattliche Summe, mit der er imstande war, nicht nur ein ausreichend großes Stück Land und einige Schafe als Grundlage seiner Herde zu kaufen, sondern auch Obdachlosen und Hilfsbedürftigen in harten Wintern Unterkunft und warmes Essen anzubieten. Da Agnetius ein bisschen sonderlich war, kamen Bedürftige nur, wenn es wirklich ein sehr kalter Winter war. Das gemeinsame Beten wirkte immer ein bisschen altertümlich.

Eines Tages hatte Agnetius eine stattliche Herde, einen Schäferhund namens Millie und ein Auskommen. Lieber verkaufte er Wolle als kleine Lämmer, aber ab und an blieb ihm nichts anderes übrig. Dann segnete er die Kleinen und sprach: „Siehe da, du bist ein Opfer für Gott durch den menschlichen Darm“. Seine Reden waren immer so wunderlich. Ferner hatte Agnetius sich vorgenommen, die Bibel gründlich zu lesen, jeden Abend eine Seite, am nächsten Abend meditierte er über den vorher gelesenen Text. Das war am Anfang auch für ihn eine schwere Aufgabe, denn was gibt es über die Maße einer Bundeslade schon viel zu meditieren?

Er gab allen seinen Schafen Namen. „Denn Schafe sind, wie alle Kreaturen auf dieser Welt, Geschöpfe Gottes.“ Das war nun kein besonders revolutionärer Gedanke, eher im Gegenteil, aber Agnetius war es recht so.

Eines seiner hundert Schafe war ein besonderes Schaf, was Agnetius allerdings verborgen blieb. Es war ein weibliches Schaf und trug den Namen Mimi. Schon als Kleinschaf war Mimi sehr wissbegierig. Außerdem war sie ein kluges Schaf mit einem IQ von mindestens 105, was für ein Schaf quasi sensationell ist. Somit war es ihr auch möglich, das Lesen zu erlernen. Schreiben fiel ihr mit den Hufen noch schwer, aber sie arbeitete daran.

Mimi fühlte sich bei Agnetius wohl, sie teilte seine Vorliebe für die Bibel und saß gern zu seinen Füßen, wenn er abends eine Seite aus der Bibel vorlas. Genau wie er meditierte sie am nächsten Tag über den Text. Als sie einigermaßen lesen konnte, verschlang sie auch liegengebliebene Lektüre aus den Papierkörben am Rande des Grundstücks oder am Gebäude, das für die Bedürftigen diente. Gern saß sie unter einem schattenspendenden Baum in der Sonne und blätterte vorsichtig mit den Vorderhufen durch Zeitschriften und Bücher. Sie merkte bald, dass sie ein besonderes Schaf war und achtete sorgsam darauf, dass niemand ihre besondere Begabung bemerkte. Sie verstand auch bald, was es mit Agnetius‘ Segen auf sich hatte und verdrückte sich geschickt, wenn es um die Auswahl ging. Agnetius hatte dann eine besondere Art seine Schafe zu rufen, die meisten freuten sich und blökten dumm. Mimi hielt sich dezent im Hintergrund.

Mimi fühlte sich zu besserem berufen, als nur Woll- und vielleicht gar Fleischspenderin für menschliche Därme zu werden. Also plante sie, in die weite Welt zu ziehen. Es tat ihr ein bisschen Leid, dass sie Agnetius hintergehen würde, denn er war immer so gütig und freundlich zu ihnen allen. Aber manche Dinge im Leben sind unvermeidlich, und manchmal muss man anderen Kreaturen weh tun, wenn es um die eigene Schafshaut geht. Dafür hatte sie genügend Beweise aus ihrem Studium diverser Boulevard-Zeitschriften. Sie plante daher ihren Auszug. Sie wollte in die weite Welt hinaus, solange sie noch jung genug war, die Reise zu genießen.

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