Das verlorene Schaf (3/5)

So gerne Mimi alles Mögliche aus dem Leben der Menschen las, so war ihr doch die Bibelstunde mit Agnetius immer die liebste Zeit am Tag. Eines Tages fragte sie sich, warum sie eigentlich die Bibel nicht selbst studierte? Als Agnetius in seiner gemächlichen Lektüre beim Markus-Evangelium im Neuen Testament angekommen war, sah sich Mimi genötigt, ihm die Bibel zu stehlen. Sie wusste natürlich, dass das siebte Gebot ihr genau das verbot, aber sie setzte sich hochnäsig darüber hinweg. „Bin ich in der Kirche? Nein! Glaube ich an Gott? Erst mal schauen, was der Rest der Bibel sagt, bisher scheint es mir ganz vernünftig….“. Als Agnetius eines Morgens mit zehn ihrer Brüder und Schwestern zum Flussufer ging, um seine Schäfchen zu waschen, schlich Mimi in sein Quartier, das nie abgeschlossen war, und stahl die Bibel aus der Nachtkommode, die für Notfälle dort lag. Sie war identisch mit dem Exemplar, das Agnetius zum täglichen Lesen verwendete. Neidisch schaute Mimi auch auf seinen Laptop, aber das war ein Thema für später.

Während Agnetius weiterhin einen Abend eine Seite las und einen Abend über diese Seite meditierte, verschlang Mimi, sobald sie genug Licht hatte, zehn oder fünfzehn Seiten auf einmal. Ihr Wissensdrang war unbeherrschbar, förmlich eine Sucht. Denn wenn sie bald in die weite Welt hinauswollte, musste sie möglichst viel wissen, um sich zurechtzufinden und nicht der Gefahr zu laufen, in einer Metzgereiauslage zu enden. So war sie lange vor Agnetius im Lukas-Evangelium angelangt. Im ersten Kapitel studierte sie die Verheißung der Geburt des Täufers, die Verheißung der Geburt Jesu, den Besuch Marias bei Elisabet usw. Sie verstand nicht alles, sie war diese seltsame Sprache nicht gewohnt, aber sie hielt durch. Sie war fasziniert von den Gleichnissen, denn das war teils aus einer Welt, die sie kannte, wie z.B. den Sämann. Okay, heute waren es Sämaschinen, aber das Prinzip war für sie erkenntlich. Kapitel 15 schließlich raubte ihr fast den Atem – gleich zu Beginn ging es um Schafe. Das Gleichnis fand sie so spannend, dass sie es gleich zweimal hintereinander las und mindestens drei Abende darüber meditierte. Sie vergaß darüber fast zu essen und zu trinken, sodass Agnetius sie streichelte und hinter den Ohren kraulte, und lauthals überlegte, was wohl der armen Mimi fehle. Da riss sie sich zusammen, sie wollte keinesfalls auffallen.

So lag sie abends, ihre Bibel unter dem Kopf, Hinter- und Vorderbeine kunstvoll auf dem Bauch verschlungen, unter einem Baum. Plötzlich schrak sie hoch: Was würde passieren, wenn Agnetius zu dieser Stelle käme? Im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen, nahm er die Bibel wörtlich, als Wort Gottes und quälte sich nicht mit komplizierten Interpretationen aus unangenehmen Wahrheiten. Das galt auch für Gleichnisse. Was nun, wenn sie, Mimi, ihre Siebensachen packte und sich auf den Weg in die Welt machte? Was würde Agnetius tun? Keine Frage, er würde die anderen neunundneunzig vertrauensvoll auf der Wiese zurücklassen und ihre Spur verfolgen. Und da er ihr in einigen Punkten noch im Wissen voraus war, würde er sie sicherlich einfangen, zurückbringen und fortan schärfer unter Kontrolle halten, obwohl sie nicht zu seinen zehn absoluten Lieblingsschafen gehörte. Ihr machte die Vorstellung nichts aus, gescholten oder getadelt zu werden, aber die neue Freiheit, die sie geschnuppert hatte und bald umzusetzen gedachte, wollte sie sich nicht von der Bibel, ihrem Lieblingsbuch, nehmen lassen.

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