Das verlorene Schaf (4/5)

Mimis Gehirn tat weh vor denken, Schafe sind das einfach nicht so gewohnt wie die Menschen. Schließlich hatte sie die Lösung: Sie musste die Seite mit dem Gleichnis austauschen gegen eine andere Seite, auf der das Gleichnis eben ein wenig anders lautete. Was es da nicht alles zu lernen galt: einen PC bedienen, Dinge ausdrucken, die aussehen wie Bibelseiten, eine Seite in einem Buch unmerkbar austauschen. Mit der Aufgabe wuchs Mimis Geschicklichkeit, und gerade als Agnetius die Mitte von Lukas 14 erreicht hatte, war es ihr gelungen und sie konnte sein Leseexemplar gegen ihre Fakeausgabe tauschen. Sie war völlig erschöpft von den zwei Wochen harter Arbeit, aber es hatte sich gelohnt, dessen war sie sich sicher. Jetzt noch zwei weitere Wochen wieder zu Kräften kommen, und dann, dann würde sie endgültig diese Weide und Agnetius zurücklassen. Vielleicht würde sie seinen Laptop mitnehmen? Die Arbeit an einer Laptop-Tastatur mit Hufen ist nicht so einfach, aber sie hatte es bereits bewältigt. Es war kein Stehlen, es war Mundraub, und den fand sie biblisch durchaus berechtigt und legitim. Fröhlich machte sie sich an die Arbeit. Und dann kam der große Tag, als Agnetius das 15. Kapitel des Lukas-Evangeliums seinen Schafen vorlas, ein Abend war dem Gleichnis mit den Schafen gewidmet:

Das neue Gleichnis

Es pflegten ihm aber alle Zöllner und Sünder zu nahen, um ihn zu hören. Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und ißt mit ihnen! Er sagte aber zu ihnen dieses Gleichnis und sprach:  Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und eins von ihnen verliert, der nicht die neunundneunzig in der Wüste gut behütet und das verlorne dahinziehen lässt und wartet, bis es zurückkehrt?  Und wenn es zurückgefunden hat, nimmt er es auf seine Schulter mit Freuden;  und wenn es nicht nach Hause kommt, ruft er die Freunde und Nachbarn zusammen und spricht zu ihnen: Freuet euch mit mir; denn ein Schaf hat eine neue Zukunft gefunden, das verloren war! Ich sage euch, also wird Freude sein im Himmel über einen Weltenbummler, der Fuck-You zu dem alten Leben sagt, mehr als über neunundneunzig Bleibende, die der neuen sozialen Medien nicht bedürfen.

Mimi feilte noch länger am letzten Satz. Agnetius war nicht dumm genug, diese etwas moderne Ausdrucksweise als biblisch zu schlucken, schade, denn sie liebte diesen Satz, er war so… aktuell. Sie seufzte. Schließlich tauschte sie ihn aus gegen:

Ich sage euch, also wird Freude sein im Himmel über einen Dahinziehenden, der Freude und Wissen findet, mehr als über neunundneunzig Bleibende, die dieses nicht suchen und dessen nicht bedürfen.

Damit war Mimi zufrieden.

Das Märchen, 2. Teil

Der große Tag war gekommen, Agnetius hatte bei seiner Lektüre Lukas Kapitel 15 erreicht. Er las es seiner kleinen Gemeinde vor. Das breite Grinsen von Mimi sah er nicht. Agnetius stutzte. Er war ja, was Mimi nicht wusste, keineswegs völlig unbelesen in der Bibel. Er las das Gleichnis laut vor und begab sich dann in seine Bleibe. Mimi lugte durch die Spalten im Holz. Ja, Agnetius startete seinen Laptop und gab hektisch etwas ein. Mimi konnte nicht sehen, was das war, aber sie sah die tiefen Falten in Agnetius Stirn. Und dann sah sie, wie diese Falten plötzlich verschwanden und einem nahezu überirdischen Leuchten Platz machten. Angetius faltete seine Hände, sah gen Himmel und flüsterte: „Oh, Gott, du hast mir ein Zeichen gegeben! Meine Bibel ist anders als alle anderen und ich werde darüber nachdenken, was du mir damit sagen willst und dementsprechend vorgehen.“

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