Das verlorene Schaf (5/5)

Mimi schlich von dannen. Das sah gut aus! In etwa zwei Wochen, wenn sich die Aufregung gelegt, aber das Vergessen noch nicht eingetreten war, würde sie ihr Bündel packen und im Dunkel der Nacht davonschleichen.

Ein dummer Zufall wollte es, dass der Zaun um die Weide an einer Stelle undicht war. Mimi hatte sich nie darum gekümmert, denn sie war in der Lage, mit ihren kleinen Hufen alle Hebel zu bedienen und das Gatter zu öffnen. An einem Morgen, drei Tage später, rief Agnetius alle Schafe zusammen.

„Meine geliebten Kreaturen! Ihr habt vor ein paar Tagen gehört, was Gott mir für euch und meine Fürsorge für euch anbefohlen hat. Nun ist es passiert: einer von euch hat diese Bleibe verlassen.“

Er schaute zum Himmel: „Ich spreche meine Fürbitte für Elisabeth aus, möge sie ihren Weg finden.“

Elisabeth, das dumme Schaf? Kaum zu glauben, Mimi war wirklich pikiert. Die war so blöde, die würde nicht drei Nächte draußen überleben.

Nach seiner kleinen Fürbitte griff Agnetius zu Werkzeug, Draht und allerlei Dingen, die Mimi nicht kannte. Was sollte das werden? Sie sah es früh genug: Agnetius verbarrikadierte die Wiese! Er hatte die Zäune elektrifiziert, genau wie das Gatter und alle undichten Stellen sorgfältig repariert.

Am nächsten Morgen wiederum strahlte Agnetius seine neunundneunzig Schafe an: „Meine lieben Schafe, wir alle folgen Gottes Gebot. Ich habe, wie in Lukas 15 beschrieben, das eine Schaf gehen lassen und die Verantwortung für euch verbliebenen 99 übernommen. Lasst uns gemeinsam für Elisabeth beten!“

Mimi stand in der letzten Reihe und faltete die Hufe nicht übereinander. Sie war einfach, wie man das gelegentlich auch in Geschichten in Zeitungen lesen konnte, stinkesauer und auch deprimiert. Die Welt wartete auf sie und wegen einer blöden Elisabeth musste sie jetzt erst einmal auf unbestimmte Zeit hierbleiben. Sie war zwar noch kein altes Schaf, aber auch nicht das Jüngste, Bildung beansprucht Zeit. Würde sie in ihrem Leben eine zweite Chance bekommen? Sie wusste es nicht.

Elisabeth wurde drei Tage später zu Agnetius zurückgebracht.  Der Hirte war kurz ratlos, ob er Elisabeth auf den Schultern tragen sollte, denn sie war ja nicht aus freien Stücken zurückgekehrt. Sie war von einem großen LKW überfahren worden. Er entschied sich dafür, sie in Stücken tiefzukühlen und sie an einem offenen Feuer zu braten.

4 Gedanken zu “Das verlorene Schaf (5/5)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.