Das Gleichnis vom Silbergeld (1/6)

Das Gleichnis von den anvertrauten Talenten Silbergeld

Ronja war ein eigenartiges junges Mädchen. Still und verträumt, meist in sich gekehrt, was natürlich viele junge Mädchen sind. Aber mit Ronja war es noch etwas anderes, sie dachte viel und sie sprach über das, was sie dachte. Ihre Eltern fanden, dass sie mehr an die Sonne rausgehen sollte, statt drinnen zu sitzen und den lieben langen Tag zu lesen. Mit zehn Jahren las Ronja die kompletten Shakespeare-Werke in deutscher Übersetzung. Tag für Tag, insgesamt brauchte sie dafür ein halbes Jahr. Das ist eine reife Leseleistung, geht man einmal davon aus, dass ein junges Mädchen auch andere Dinge im Kopf hat und zur Schule gehen muss. Als Tante Gertrud das hörte, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen:

„Aber, Ronja! Das ist doch viel zu viel für ein kleines Mädchen wie dich!“

Ihr dunklen Augen waren groß in ihrem blassen Gesicht.

„Rechne doch selbst, Tante Gertrud. Der Shakespeare-Band hat knapp eintausend Seiten. Ein halbes Jahr hat, runden wir einmal ab, hundertachtzig verwertbare Tage. Das sind eintausend dividiert durch hundertachtzig, also einhundert dividiert durch achtzehn, also fünfzig durch neun, das sind etwa fünfeinhalb Seiten pro Tag. Was ist das schon? Das lese ich in weniger als einer Stunde, wenn ich mich auf das Wichtige konzentriere.“

Tante Getrud verstummte. Ihr großer Busen bebte unter dem Pullover im Paisley-Muster. Die gebogenen Tropfen bebten mit. Sie schob mit dem rechten Zeigefinger die Goldbrille näher zur Nasenwurzel. Ronja sah sie weiter an, offenbar wartete sie auf eine Antwort.

„Aber, Kind, du verstehst doch gar nicht, was du da gelesen hast, egal wie viele oder wenige Seiten du gelesen hast. Das ist keine Lektüre für ein zehnjähriges Mädchen.“

„Hast du denn Shakespeare gelesen?“

Tante Gertrud lief rot an. Sie war Fachverkäuferin in der Fleischabteilung eines Supermarktes, warum sollte sie je Shakespeare lesen oder gelesen habe? Es war eine vorlaute und freche Frage.

„Nein, habe ich nicht, da steht nichts drin, was einem im Alltag nützen kann!“

„Woher weißt du das, wenn du ihn nie gelesen hast?“

Tante Gertrud wurde gefährlich puterrot. Sie schnaufte durch die Nase und entschloss sich, dieses flegelhafte Mädchen einfach zu ignorieren. Sie drehte sich zu Ronjas Mutter, die ein Lächeln unterdrückte und stolz darauf war, dass sich ihre Tochter nicht unterkriegen ließ, was sie leider in ihrem eigenen Leben nicht so oft geschafft hatte.

„Dein Marmorkuchen ist ganz ausgezeichnet, liebe Frederike. Würdest du mir vielleicht noch ein zweites Stück geben?“

Frederike lächelte: „Gerne, liebe Schwester, du kannst auch noch einen Teil mitnehmen, wenn du möchtest, meine Kinder essen nicht so gern Süßes.“

Gertrud warf Ronja und Tim einen misstrauischen Blick zu. Ronja blickte stumm auf ihren Teller, auf dem ein paar Salzstangen lagen, Tim spielte gerade Mikado mit seinen Salzstangen und baumelte mit den Beinen. Er liebte es sehr, wenn seine große Schwester die nervigen Erwachsenen zum Verstummen brachte. Er verstand meist nicht, worum es ging, aber er war sicher, dass sie recht hatte. Und Tante Gertrud konnten sie beide nicht besonders leiden, auch wenn sie die einzige Schwester ihrer Mutter war.

Ronjas Vater hatte das Wohnzimmer fluchtartig verlassen, als seine Schwägerin mit der Befragung begann. Er hätte im Gegensatz zu seiner Frau sein Lachen nicht unterdrücken können und dann hätte es wieder Ärger gegeben, weil sich Gertrud aufregen, ans Herz fassen und einen Angina pectoris Anfall bekommen oder zumindest vorgegeben hätte. Wer weiß das schon.

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