Das Gleichnis vom Silbergeld (2/6)

Ronja wandte sich anschließend einer Gesamtausgabe von Goethe zu. Sie fand das weniger einfach zu lesen und benötigte dafür ebenfalls ein halbes Jahr. Das traf genau auf ihren Geburtstag. Nun war sie also elf Jahre alt. Die unvermeidliche Tante Gertrud kam zur Geburtstagsfeier und wunderte sich, dass kein Kindergeburtstag stattfand. Andererseits ein Mädchen wie Ronja würde sicher keine Freundinnen haben. Mit einem falschen Lächeln übergab sie ihr als Geschenk eine riesige Schachtel Pralinen. Ronja starrte auf die Schachtel und murmelte ein schwaches:

„Ja, vielen Dank, Tante Gertrud.“

„Ach, Kind, habe ich doch ganz vergessen, das du gar nicht so gern etwas Süßes isst. Hätte ich dran gedacht, hätte ich dir lieber eine Packung Salzstangen mitgebracht.“

Frederike warf ihrer Schwester einen leicht verärgerten Blick zu. Nur weil Ronja nicht so war wie tausend andere Durchschnittsmädchen in dem Alter und weil sie ruhig und besonnen antwortete, wenn jemand, in diesem Fall ihre Schwester Gertrud, Fragen stellte und Gegenfragen nicht beantworten konnte, war so etwas doch nicht nötig! Sie wollte Gertrud nachher zur Rede stellen. Aber da griff Gertrud noch einmal in ihre große Handtasche:

„Tut mir leid, meine Kleine, ich wollte dich nur ein wenig necken. Natürlich habe ich auch ein richtiges Geschenk für dich“. Mit diesen Worten zog sie ein wirklich schweres, dickes Buch aus der Tasche, hübsch eingepackt in hellblaues Papier mit einem rosa Schleifchen auf einer Ecke. Mit einem kleinen Aufkleber des hiesigen Bücherladens. Frederike atmete auf.

Ronjas Augen leuchteten, obwohl sie noch gar nicht wusste, was es war. Sie schnitt mit einem scharfen Messer die Tesastreifen durch, die das Papier zusammenhielten. Sie nahm das Papier vorsichtig ab und schaute auf das Buch, das sie in der Hand hielt.

Gertrud hielt den Atem an. Die Bibel war das langweiligste Buch, das sie überhaupt kannte. Da kamen keine Ärzte oder Krankenschwestern vor, die sich in einander verliebten. Immer war vom „Herrn“ die Rede, also definitiv noch langweiliger als die Bücher, von denen Ronja immer erzählte. Sie freute sich schon darauf, wie Ronja sich gequält nach einigen Tagen Versuchen von diesem Schinken abwenden würde.

Ronja aber strahlte, ihre Augen glänzten: „Tante Gertrud, woher wusstest du, dass dieses Buch ganz oben auf meiner Leseliste steht? Echt, es tut mir leid, dass ich vielleicht das letzte Mal beim Abschied etwas kurz ab und scheußlich zu dir war, aber ich hatte gedacht, du willst mich nur noch ärgern.“ Dabei fiel sie ihrer Tante um den Hals, natürlich hatte sie die Bibel vorher vorsichtig auf den Tisch gelegt. Gertrud japste nach Luft und versuchte, Distanz zu halten, ohne lieblos zu wirken. Tim überlegte, ob seine Tante ihm jetzt vielleicht zum Geburtstag auch mal ein kleines Auto oder sogar eine Star Wars-Wasserpistole schenken würde statt der ewigen Legosteine, für die er nun wirklich zu erwachsen war?

Ronja blätterte durch die Bibel, fühlte das Papier. Ihre blassen Wangen hatten eine leicht rosa Farbe angenommen. So ein schönes Geschenk! Da verblasste selbst die Mitgliedschaft in einem Buchclub, die sie von ihren Eltern bekommen hatte.

„Das sind etwa fünfzehnhundert Seiten. Ich glaube, das ist einfacher zu lesen als Goethe oder so. Da sollte ich locker sieben Seiten am Tag schaffen, das sind dann eintausendfünfhundert dividiert durch sieben, macht etwa zweihundertvierzehn Tage. Wie aufregend.“

Sie nahm sich einen kleinen Block selbstklebender Haftnotizen, setzte sich in eine Ecke des Sofas und begann, alle sieben Seiten ein Zettelchen oben an die Seite zu heften. So machte sie das immer mit ihren selbstgesetzten Tagespensen. Frederike atmete auf, ihre Schwester war doch netter zu den Kindern, als sie befürchtet hatte. So eine kinderlose Schwester ist nicht ganz einfach, wenn man zwei Kinder mit eigenem Kopf hat.

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