Das Gleichnis vom Silbergeld (3/6)

„Wenn ich zwischen acht und zehn Seiten pro Tag lese, schaffe ich es in einem halben Jahr!“ Sie begann die Zettelchen wieder zu entfernen und neu zu verteilen.

Gertrud konzentrierte sich auf den Zitronenkuchen mit Puderzuckerguss, den es heute gab. Ihr Schwager war wohl mit seinem Schützenverein auf dem Schießstand. Schade, sie sah ihn selten.

Drei Tage vor Tims Geburtstag hatte Ronja das Matthäus-Evangelium erreicht, für die eintausendeinhundertfünfundzwanzig Seiten hatte sie einhundertfünfundzwanzig Tage benötigt, damit war sie zufrieden. Sie las weiter und hakte sich fest, das Gleichnis von den anvertrauten Talenten Silbergeld ließ sie nicht los. Talente musste sie erst einmal nachschlagen. Etwa, sie rechnete lieber mit runden Zahlen, 2,5 kg Silber entsprachen einem Talent. Das klang nach viel. Also recherchierte Ronja weiter: Ein Talent entsprach somit etwa einem Wert von eintausend Euro. Da musste sich Ronja erst einmal setzen. Was sie sich mit so einem Talent alles kaufen könnte! Einen E-Book-Reader vom Feinsten, zwei oder drei Wasserpistolen für Tim, einen Seidenschal für ihre Mutter und eine Seidenkrawatte für ihren Vater. Nicht, dass ihr Vater häufig Krawatten trug, aber sie liebte es, wenn ihre Eltern ausgingen und sich „fein“ machten.

Tante Gertrud hatte wohl aufgegeben, die Kinder mit den Geschenken zu ärgern, denn sie hatte Tim eine große Wasserpistole mitgebracht. Okay, es war nicht das Star-Wars-Modell, das er sich so sehnlichst gewünscht hatte, aber immerhin: sie war groß und bunt. Er musste fast gewaltsam davon abgehalten werden, den ganzen Kaffeetisch vollzuspritzen. Ronja mochte Tim sehr, und sie bemühte sich sehr um die Menschen, die nett zu Tim waren – und umgekehrt. Manch ein Erstklässler hatte sich von Ronja zwicken oder gar eine Ohrfeige verpassen lassen müssen, wenn sie anfangs Tim hänselten. Ronja war schlank, aber stark. Und sie hatte sich in YouTube viele Videos über Selbstverteidigung angeschaut.

An diesem Geburtstag hatte Ronja gute Laune und wollte daher auch zu Tante Getrud einmal nett sein, die sich ja offensichtlich Mühe gab. Sie saß ihr beim Kuchenessen gegenüber.

„Tante Gertrud, ich habe viel Freude an der Bibel, die du mir geschenkt hast. Da habe ich faszinierende Dinge gelernt.“

Gertrud nickte, sie hatte den Mund voll mit Frankfurter Kranz und konnte daher nicht antworten. Sie versuchte dennoch, milde zu lächeln. Frederike war sehr glücklich, es sah nach einem gelungenen Nachmittag aus. Tim tollte draußen mit den Kindern aus seiner Klasse herum, die er hatte einladen dürfen. Selbst Marco war heute daheim geblieben, um guten Willen zu zeigen.

„Kennst du das Gleichnis von den Talenten Silbergeld?“

Gertrud schüttelte stumm den Kopf.

„Es ist unlogisch und ungerecht!“

Gertrud schaute ihre Nichte fragend an. Ronja nickte ernst, „Wenn du magst, kann ich dir zeigen, wo das alles komisch ist.“

Gertrud mochte nicht ablehnen, obwohl es sie überhaupt nicht interessierte, was an diesem überflüssigen Buch einer überflüssigen Kirche logisch ist oder nicht. Sie nickte.

Ronja sprang vom Stuhl auf, lief in ihr Zimmer und holte die Bibel. Sie hatte sie in dunkelblaues Papier eingebunden, um den Deckel zu schützen. Das Papier war an den Ecken schon abgeschabt.

„Ich lese dir das jetzt mal vor, und dann kannst du raten, wo das total ungerecht wird. Mega ungerecht!“

Schade, dachte sich Gertrud, dass ihr ältester Bruder Willi nicht gekommen war. Er war extrem christlich, führte stets einen Bibelspruch im Mund. Das wäre doch mal interessant geworden.

Ronja begann vorzulesen, ein wenig stockend. Ihre Vorlesefähigkeiten waren den Lesefähigkeiten noch nicht gleichgekommen:

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