Das Gleichnis vom Silbergeld (5/6)

Ronja nickte vehement, was Gertrud jetzt gar nicht verstand. Hatte das Kind nicht vorher noch eher kritisch ausgesehen und jetzt fand sie das gut? Merkwürdig. Gut, dass Ronja nicht ihre Tochter war.

Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.

Ronja zeigte dem Text einen Vogel, um ihre Verachtung auszudrücken.

„Hast du diese ganzen Unmöglichkeiten gemerkt, Tante Gertrud? Das ist harnebüschern!“ Das Wort hatte Ronja gestern in einem Gespräch zwischen ihrer Mutter und der Nachbarin aufgeschnappt. Ihre Mutter hatte entsetzt ausgerufen „Das ist ja hanebüchen, was die im Internat von den Kindern fordern!“

Was für ein Glück, dachte sich Ronja, dass sie nicht in so ein harnebüschernes Internat gehen musste! Gertrud war in sich zusammengesackt. Sie fand das Gleichnis eigentlich ganz vernünftig, wer nichts tut, kriegt eben nichts. Aber ihre Nichte hatte nicht nur Shakespeare, Goethe und mehr als die Hälfte der Bibel gelesen. Achthundertzweiunddreißig Seiten des gesammelten Werks von Karl Marx und Friedrich Engels sowie immerhin dreihundertzweiundvierzig Seiten „Sozialkritik und soziale Steuerung: Zur Methodologie systemangepasster Aufklärung“ in der Taschenbuchausgabe von Thilo Hagendorff sowie, last but not least, fünfhundertachtundzwanzig Seiten der „Gesammelten Werke“ von Carl Gustav Jung waren quasi ihr Dessert nach der jeweiligen Pflichtaufgabe gewesen. Irgendwie hatte sich das in ihrem Gehirn zu einem passenden Ganzen gemixt, das sie fortan auf alle anderen Schriftstücke überlagerte.

„Sag’s mir, Ronja, deine Sichtweise interessiert mich.“ Gertrud war mit sich und ihrer klugen Antwort sehr zufrieden. Eigentlich interessierte sie das eine Bohne, aber es formte sich ein Plan in ihrem kuchengetränkten Hirn, der Ronjas Akzeptanz erforderte.

„Also, der dickste Klops ist ja, dass der sogenannte Herr die Fähigkeiten seiner sogenannten Diener kennt. Das scheint mir nicht so! Wenn ich von jemandem weiß, was er kann, weiß ich doch wohl auch, was er nicht kann. Der komische Herr erwartet also von einem Diener, der nicht mit Geld umgehen kann, dass er was draus macht. Es ist mir sowieso schleierhaft, wie lange dieser Typ rumgereist ist. Bei den Zinssätzen, die so herrschen, müssen das Jahrzehnte gewesen sein, bis sich der Brocken von Diener Nummer eins verdoppelt hat!“

„Hmm, sollen so Gleichnisse aber nicht nur Beispiele sein?“ fragte Frederike.

Ronja schüttelte energisch den Kopf. „Nee, ein Beispiel muss auch gut sein.“

„Und warum gibt er den Dreien unterschiedlich viel? Also ich würde euch was husten, wenn ihr mir das Taschengeld nicht nach Alter, sondern nach Fähigkeiten gebt. Prost Mahlzeit, da würde Tim ja nie was kriegen“. Ihre Mutter drohte ihr scherzhaft mit dem Finger: „Nana, Tim kann doch für sein Alter eine Menge.“

„Ein wichtiger Punkt, Mama, den ich noch ganz vergessen habe. Hier steht nichts vom sozialen Umfeld der drei Diener“.

Endlich hatte sie mal die Floskel soziales Umfeld einbauen können!

„Außerdem ist das doch aus der Bibel, wo es um Liebe zu den Mitmenschen und so gehen soll, sagt unsere Relilehrerin immer. Aber hier geht’s nur darum, möglichst viel Geld zu scheffeln. Und welche Methoden diese Diener eingesetzt haben, um das Geld zu verdoppeln, da fragt der Boss auch nicht. Wenigstens ist im Verbuddeln von Geld keine Ausbeutung enthalten.“

Ronja war jetzt richtig in Fahrt. Ihre Eltern amüsierten sich, Gertrud versuchte mehr oder weniger erfolgreich, den Gedankengängen ihrer Nichte überhaupt zu folgen. Sie wischte sich ein paar Krokantstückchen vom Busen, der heute in einem quergestreiften Pulli mit Fledermausärmeln steckte. Also Frederike hatte sehr merkwürdige Kinder, aber Kuchen backen konnte sie wie keine andere.

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