Das Gleichnis vom Silbergeld (6/6)

„Und dann ist das so langweilig. Warum konnte der mit den zwei Talenten nicht mehr rausschlagen, vielleicht drei hinzuverdienen? Oder mal eins verschusseln? Nee, das sind beide richtige Streber. Der mit den zwei Talenten beschwert sich nicht mal, dass der Boss ihm weniger anvertraut. Da wäre ich aber nicht still geblieben!“

„Das wärst du bestimmt nicht….“, dachte Gertrud, die plötzlich viel Mitgefühl für Ronjas Lehrer entwickelte.

„Und wen trifft es am Ende mal wieder?“ Sie guckte auffordernd in die Runde. „Den Ärmsten! Der Arme kriegt nur ein Talent. Und ist noch so vorsichtig, es einzubuddeln. Er hätte sich ja auch was Nettes kaufen können. Er hat’s verwahrt, gut er ist nicht so raffgierig wie die beiden anderen Kumpane, aber immerhin war er ehrlich und redlich. Aber das zählt wohl nicht mehr. Oder da zählte es nicht. Und dieser Herr kann die Wahrheit nicht vertragen.“

Frederike flüsterte ihrem Mann ins Ohr „Da ist er nicht der Einzige….“.

Ronja setzte noch einen oben drauf: „Und was ist das für ein soziales Gewissen? Da nimmt er am Ende dem armen Schlucker auch noch das letzte Talent weg. Das ist so, Papa, als wenn du dem einen rothaarigen Mann, der in der Stadt bettelt, nicht immer was gibst, sondern ihm stattdessen noch die Euros aus dem Becher klaust!“ Ronja mochte den Bettler, weil er immer so nett Danke sagte und ihr und Tim schon mal Papierblumen aus den Ohren zauberte.

„Da sagt der Diener dem Herrn, was Sache ist, dass er Angst vor ihm hat. Da bekommt man doch Mitleid! Wenn dir jemand sagt, dass er Angst vor dir hat, da bestrafst du ihn doch nicht, damit er noch mehr Angst hat.“ Sie drehte sich zu ihrem Vater: „Weißt du noch, wie du mal so sauer auf Tim warst, weil er geklaut hatte im Laden, und du wolltest ihm gerade eine scheuern, und Tim hat geweint und gewimmert ‚Papa, ich hab Angst!‘. Da bist du ganz still geworden und hast ihn in den Arm genommen. Und nicht in den dunklen Keller gesteckt.“

Ronja hatte sich komplett in eine Erwachsenensprache gearbeitet. Sie stand am Kaffeetisch, die Wangen gerötet, die sonst eher leise Stimme klang deutlich und klar durch den Raum. Ihr Vater fragte sich, was aus dieser Tochter einmal werden solle. Um Tim machte er sich keine Sorgen, der war halt ein kleiner Flegel, aber nicht so…. naja, altklug wollte er nicht sagen, das klang wie Kritik.

Gertrud zeigte ihr Entsetzen nicht. Was für ein furchtbares Kind, schon mit elf! Wie sollte die mal sein, wenn sie Anfang zwanzig war? Aber das kam von diesen modernen Erziehungsmethoden, sie hatte Frederike mehrmals Andeutungen gemacht, dass sie sich da eine Schlangenbrut hochziehen, aber die wollte die vorsichtigen Tipps ja nie verstehen. Aber Gertrud hatte einen Plan, daher lächelte sie Ronja an.

„Das ist ja wirklich sehr interessant. Da wäre ich nie draufgekommen.“ (Was absolut der Wahrheit entsprach, denn Gertruds Horizont endete eigentlich auf der Waage in der Fleischabteilung.) Ronja reagierte kaum, sie war noch in ihrer Argumentationswelt. Schmeicheleien ließ sie sowieso immer an sich herabrieseln, weil sie damit nichts anfangen konnte.

Getrud wandte sich an Ronjas Eltern: „Hättet Ihr nicht mal Lust auf ein Familientreff? Nächsten Samstag kommt Willi mal wieder hierher, er besucht einen Freund, ich habe die beiden zu mir eingeladen. Das wäre für Willi sicher sehr interessant, was unsere kleine Ronja hier so alles denkt.“

Frederike war überrascht, ihre Schwester lud sie und ihre Kinder selten ein. Es könnte Porzellan kaputtgehen, es könnte laut werden. Marco nickte.

„Gern, Gertrud, das klingt nett.“

Gertrud verabschiedete sich, der letzte Bus, mit dem sie ohne Umsteigen nach Hause kam, fuhr bald. Sie rief noch „Alles Liebe, Tim“ in den Garten, strich Ronja über den Kopf, die leicht zusammenzuckte, „dann bis nächste Woche, meine Kleine. Ich glaube, du wirst dich mit Onkel Willi sehr gut unterhalten können.“

Willi war ein sehr engagierter Christ, wie Gertrud es formulierte, wenn sie zu anderen sprach. Wenn sie an ihn dachte, gingen mehr Wörter wie „engstirnig“, „fanatisch“ und „unkritisch“ in ihre Beschreibung ein. Und der Freund von Willi war ein scharfzüngiger Jesuit, der Simbabwe hatte vor wenigen Jahren verlassen müssen, weil er selbst im eigenen Orden als zu unnachgiebig und übermissionarisch galt. Bibelfest selbstverständlich. Ach, wie sie sich freute, die beiden würden dieser kleinen vorlauten Schnepfe endlich mal den Mund stopfen.

Sie saß im Bus, die Handtasche auf dem Schoß. Sie hielt die Handtasche sehr sorgfältig, denn Frederike hatte ihr noch drei Stücke Frankfurter Kranz eingepackt. Sie schaute zum Fenster heraus, sie malte sich den kommenden Samstag in den schönsten Farben aus. Was für ein Triumph das würde!

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