Vertreter – ein Märchen

Es war einmal ein armer Jüngling. Er wohnte neben einem reichen, aber grausamen Müller, der eine wunderschöne Tochter hatte. Da dachte sich der arme Jüngling: Ich würde gerne dieses Mädchen zu meiner Frau machen, denn ihr Mund ist wie eine Erdbeere, ihr Duft wie ein Veilchen, ihre Stimme ist Liebklang in meinen Ohren und ihre Augen sind wie Sterne am Himmel.

Da sprach der Vater zu dem Jüngling: „Gehe in meine gute Stube und nimm diesen Besen, und wenn du es in einer Stunde schaffst, den Boden zu kehren, bekommst du meine Tochter zur Frau.“ Der Jüngling nahm frohgemut den Besen und schritt hinüber zum Haus.

Derweil ging der Vater in die gute Stube und schüttete einen Sack Mehl auf den Boden. Der Jüngling nahm den Besen und kehrte und kehrte, aber der Besen war grob und das Mehl ließ sich nicht zusammenkehren.

Der Vater kam nach einer Stunde und sah den mehlbedeckten Boden. „Du unnützer Taugenichts“, schrie er den Jüngling an, „wie wagst du es, um die Hand meiner Tochter anzuhalten, wenn du nicht einmal die gute Stube reinhalten kannst?“

Der Jüngling antwortete: „Aber der Besen, den du mir gegeben hast, war zu grob für das Mehl!“ Der Vater ließ das nicht gelten und jagte ihn davon.

Der Müller erzählte abends in der Wirtschaft seinen Freunden von dem Jüngling. Sie alle lachten und einer aus der Runde sagte: „Mach dir doch noch einen Spaß mit dem Jüngling, rufe ihn morgen noch einmal zu dir, dass er eine zweite Chance bekomme. Und dann schüttest du eine Ladung Korn auf den Boden.“

So machte es der Vater am nächsten Tag. Der Jüngling war hoch erfreut, als er wieder in die gute Stube gehen durfte. Dort traf er die Tochter des Müllers und sprach: „Heute Abend wirst du mir versprochen!“

Sie jauchzte erfreut, denn der Jüngling war grad gewachsen und schön, nicht wie der reiche Kämmerer, der sie zur Frau begehrte und vor lauter Geldzählen einen Buckel hatte.

Mit dem Lächeln der Jungfrau im Herzen begann der Jüngling sein Werk, aber oh weh, auch die Körner fielen durch den Besen. Da kniete er sich auf den Boden und schaufelte die Körner mit Hilfe seiner Hände in den Korb. Aber der Korb war grob geflochten und alle Körner fielen hindurch.

Da vergrub der Jüngling sein Gesicht in den Händen, schluchzte und rief die Geister des Waldes an: „Oh, Geister des Waldes, helft mir, diese edle Jungfrau zu gewinnen, der mein Herz heute und immerdar gehört.“

Die Geister des Waldes hatten sich schon häufig über die Herzlosigkeit des Müllers geärgert und gedachten, seinem grausamen Treiben ein Ende zu machen. So wehten sie dreimal rechts und dreimal links über das Haus des Müllers. Als der Müller seine Stube betrat, sah er den schluchzenden Jüngling auf den Knien. Und um den Jüngling herum lagen lauter güldene Körner, aus purem, reinen Gold. Nur die wenigen Körner, die sich im Korbgeflecht verfangen hatten, wurden nicht verzaubert.

Da fiel der böse alte Müller vor Schreck tot um. Der Jüngling aber nahm die schöne Tochter der Müllers zur Frau, baute die Stube um und hing an den Eingang ein Schild: „Oh, Wanderer, hast du eine Aufgabe zu lösen, die dir zu schwer erscheint, kehre ein bei uns auf deinem Weg und wir werden dir ein Mahl und eine Raststatt für die Nacht geben.“

Und der Jüngling wurde zu einem stattlichen Mann und seine Gemahlin gebar ihm drei schöne Kinder mit güldenem Haar. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

 

2 Gedanken zu “Vertreter – ein Märchen

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