Aesop und ein Gleichnis

Die Fabel gab es gestern zu lesen. Heute das Gleichnis dazu:

Das Gleichnis

Ein junger frommer Kaufmann sprach zu sich: Der Herr hat mir ein gutes Leben beschert, dafür danke ich ihm morgens und abends. Ich bete jeweils eine halbe Stunde. Wie viel gütiger wird er sich mir gegenüber zeigen, wenn ich jetzt morgens und abends zwei Stunden bete!“

Er musste nun früher aufstehen und später ins Bett gehen und war daher während der Arbeit müde und unaufmerksam. Er war auch des Abends zu müde, um sich zu seinem Weibe zu legen, die schon lange auf ein Kind hoffte.

Da seine Geschäfte von nun an schlechter liefen, entschloss er sich, auch mittags noch zwei Stunden dem Herrn zu widmen. Sein Gesinde tuschelte, sein Weib wurde unzufrieden und begann, einem fahrenden jungen Händler schöne Augen zu machen.

Es dauerte nicht lang, da wurde sein schleppendes Geschäft von dem fahrenden Händler aufgekauft. Das Weib verließ den Kaufmann und ließ sich von ihm scheiden. Der junge Händler nahm die Frau bei sich auf und versprach ihr, sich seine Zeit mit ihr durch nichts verleiden zu lassen. Nachdem er sich regelmäßig zu ihr gelegt hatte, wurde sie schwanger und gebar ihm einen Sohn. Das ehemalige Geschäft des Kaufmanns nahm unter der neuen Leitung neuen Aufschwung.

Der Kaufmann sah all dies und war traurig und zornig. Er ging in die Kirche und klagte dem Herrn sein Leid. „Herr, ich habe dir aus Dankbarkeit alle Zeit gewidmet, die ich dir erdenklich widmen konnte, und nun bestrafst du mich dafür, indem du mir mein Weib und mein Geschäft genommen hast! Wo ist da die Gerechtigkeit?“

Da sprach der Herr durch den Mund eines Propheten zu dem Kaufmann: „Du glaubst, dir meine Gnade erkaufen zu können wie ein Stück Tuch für eine Summe Geldes? Du hast darüber ganz vergessen, dass du mich durch Taten ehren sollst, nicht nur durch Worte. Denn deine Nächsten brauchen dich mehr als ich, und wer nur betet, übersieht einen Großteil dessen, was er mir schuldig ist.“

Da ging der Kaufmann betrübt von dannen.

2 Gedanken zu “Aesop und ein Gleichnis

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