Aesop und ein Märchen (2/2)

Häufig trafen sich Regina und Hans im königlichen Irrgarten. Da die Hofdamen sich nicht in diesen Irrgarten trauten, hatten die beiden Liebenden eine Bank in der Mitte des Irrgartens zu ihrem Treffpunkt erkoren. Zwei Monde vor Reginas Geburtstag saßen sie und Hans auf dieser Bank und waren ganz verzweifelt. Hans hielt die Prinzessin in seinem Arm und ihre heißen Tränen benetzten sein Hemd. „Wie soll das mit uns werden, Hans, wenn mich ein Prinz aus einem anderen Land gewinnt?“

„Niemand darf dich haben außer mir“, sagte Hans. „Ich werde mitkämpfen und sicherlich deine Hand gewinnen. Mit dem Geld, das wir dann haben, kann ich in einem anderen Königreich eine wunderschöne Gärtnerei eröffnen, wo unsere Kinder spielen können.“

„Aber du kannst doch gar nicht ritterlich kämpfen, Hans, sie werden dich besiegen!“

„Die Liebe ist unbesiegbar, Prinzessin meines Herzens. Ich bin bestens Mutes, dass ich alle Grafen und Prinzen in die Flucht schlagen werde.“

Hans nutzte die zwei Monate, um sich in den ritterlichen Kämpfen ausbilden zu lassen. Er war groß, kräftig und klug und bald imstande, fast jeden Kampf zu gewinnen.

Regina und ihr Vater saßen am Rand des Kampffeldes, um alles zu beobachten. Regina erkannte Hans unter allen Rittern und winkte ihm huldvoll zu. Hans trug nur eine lederne Rüstung, deshalb zitterte Regina bei jedem Kampf. Da es so viele Bewerber gab, hatte es am Vorabend eine Vorentscheidung gegeben, an der mehr als fünfzig Kämpfer teilgenommen hatten. Aufgrund der hohen Mitgift hatten sich aber nicht nur edle Ritter gemeldet, sondern auch vielerlei derbes und räuberisches Gesindel.

Hans war so stark, dass er einen nach dem anderen Bewerber besiegte oder in die Flucht schlug. Seine Kraft und Aufmerksamkeit schienen nicht nachzulassen. Regina, die anfangs sehr hoffnungslos gewesen war, bekam allmählich wieder Farbe in ihre blassen Wangen.

Die Zeit für den letzten Kampf war gekommen und Hans war so frisch, als hätte er nie zuvor einen harten Kampf geführt. Der letzte Bewerber trat auf die Kampffläche und die Menge schrie auf: Es war Silvio, des Tagelöhners Sohn in einer schwarzen Rüstung, den sie vor drei Jahren wegen des Verdachts auf Diebstahl aus dem Reich vertrieben hatten. Er war ein buckliges Männchen mit hinterhältigem Blick und die Mütter holten ihre spielenden Kinder von der Straße, wenn er sich blicken ließ. Regina erblasste, als ihr Blick auf ihn fiel und sie warf Hans einen ängstlichen Blick zu. Der jedoch strahlte sie an und streckte sein Schwert gen Himmel.

Der König gab schweren Herzens das Zeichen zum Start und die Beiden stürmten auf ihren Pferden aufeinander los. Silvio hielt ein Schild in der Hand, das glatt und glänzend wie ein Spiegel war und die Sonnenstrahlen zurückwarf. Das gebündelte Licht blendete erst Hans‘ Pferd, das strauchelte, und dann Hans selbst, der unter das Pferd geriet. Silvio glitt wie eine Schlange von seinem Rappen, hob das Schwert und stieß es Hans ins Herz. Die Menge schrie auf, Silvio ging zum König und rief: „Ich fordere die Hand der Prinzessin, wie es mir zusteht und wie du es mir versprochen hast!“

Die Prinzessin aber entriss dem Ritter, der neben ihr Wache hielt, einen Dolch und stieß in sich ins Herz, nur um nicht an der Seite des gierigen und grausamen Silvios leben zu müssen. Der König sank auf seinem Thron zusammen, da er aber immer sein Wort hielt, befahl er seinem Diener, Silvio die zehntausend Taler auszuhändigen. Silvio füllte die Satteltaschen seines Rappen mit den Talern und ritt mit hämischem Grinsen vom Hofe.

Der König aber saß noch morgens gramgebeugt auf seinem Thron, die Haare über Nacht schlohweiß geworden. Er sprach zu sich selbst: „Ach, hätte ich doch die Mitgift nicht verdoppelt, auf dass alle Schurken und Räuber gedachten, reich an mir zu werden!“

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