Brautschau – Märchen (1 von 5)

Die Brautschau

Jens war nun schon zweiunddreißig Jahre alt und wohnte immer noch bei seinen Eltern. Er fand das äußerst bequem, vor allem wenn er hörte, was seine Kollegen so erzählten, die mit einer Frau zusammenlebten oder gar verheiratet waren. Ständig musste man mit beim Putzen helfen, einkaufen gehen, Wäsche aus dem Trockner nehmen, volle Wäschekörbe in den Keller tragen, Fernsehsendungen schauen, die einen nicht interessierten, und vieles andere mehr. Auch alleinlebende Männer waren nicht besser dran, ihr einziger Vorteil war, dass sie das Fernsehprogramm allein bestimmen konnten. Andererseits mussten sie noch mehr Arbeit erledigen, wobei das Kochen nicht das größte Problem war, von Ravioli aus der Dose über Fertigpizza und Pizza-Bringdienste bis hin zu köstlichen Mahlzeiten aus der Tiefkühltruhe war das Angebot recht abwechslungsreich, wenn auch die Investition in eine Mikrowelle sinnvoll war. Und dann auch noch die potentielle Gefahr, Vater zu werden, was bedeutete: noch mehr Arbeit und über Jahrzehnte keine ruhige Nacht mehr.

Da war es zu Hause doch schöner. Die Mutter kam pünktlich um halb sieben und weckte ihn: „Es ist Zeit, mein Junge!“ Wenn er geduscht hatte, ging er in die Küche, da stand sein Frühstück bereit. Sein Vater war um diese Zeit entweder schon zur Arbeit gegangen oder er schlief, denn er arbeitete im Schichtdienst. Jens arbeitete bei einer Krankenkasse, da gab es geregelte Arbeitszeiten. Früher hatte seine Mutter ihm Toast gemacht und eine kleine Aufschnittplatte, ein gekochtes Ei und Orangensaft dazu serviert. Seitdem Jens gelesen hatte, wie gesund Müsli und Smoothies sind, bekam er in der Woche eine Schüssel Müsli mit einem Fruchtsmoothie. Das Müsli stellte seine Mutter selbst her, und so konnte Jens sich wünschen, was außer Haferflocken und Nüssen noch enthalten war. Im Moment liebte er es mit Schokoflocken, Cashewnüssen und Gojibeeren.

Wenn er zur Arbeit ging, lag an der Haustür auf dem Schuhschrank bereits eine dieser modernen Lunchpakete, eine Plastikklappdose mit Plastikschale und Plastikbesteck, als Essen Salat, Dressing getrennt in einer kleinen Dose und zwei Butterbrote. Im Moment lebte Jens vegetarisch, manchmal bereitete seine Mutter ihm vegetarische Aufstriche zu, denn die fertig gekauften vegetarischen Aufstriche fand sie zu teuer. Außerdem schmeckten ihm die selbstgemachten auch viel besser.

Abends, wenn er nach Hause kam, aßen sie gemeinsam zu Abend. Häufig war sein Vater dann auch da und es gab etwas Warmes. Seit Jens die vegetarische Phase begonnen hatte, bereitete seine Mutter zwei Mahlzeiten zu, denn er hatte ihr erklärt, dass vegetarisches Essen nicht einfach bedeutet, das Fleisch wegzulassen. Man musste da auf Ausgewogenheit achten! Es zeichnete sich aber schon ab, dass diese Phase bald ein Ende nehmen würde, denn es fiel ihm zunehmend schwerer, auf den Sonntagsbraten mit der köstlichen Soße zu verzichten.

An seinem nächsten Geburtstag weckte ihn seine Mutter, wie an Geburtstagen üblich, eine halbe Stunde früher. Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange und sagte: „Guten Morgen mein Junge und alles, alles Gute zum Geburtstag.“ Seit Vater hatte seine Schicht extra so gelegt, dass er noch dabei war, wenn Jens die Geschenke auspackte, dann verließ er die Wohnung. Jens wollte sich auf sein Geburtstagsmüsli stürzen, das heute besonders verlockend aussah: Oben auf dem Müsli saß eine dicke Krone Schlagsahne, am Rand lagen Erdbeeren und Heidelbeeren, die im November doch recht selten zu bekommen waren. Als er gerade zum Löffel griff, hielt seine Mutter seinen Arm fest:

„Jens, wir müssen einmal über deine Zukunft reden.“

Jens fragte sich, ob das bedeutete, dass sie noch ein besonders großes Geschenk für ihn gespart hatten, das einer Einleitung bedurfte. Er schaute seine Mutter erwartungsvoll an: „Natürlich, Mama.“

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