Brautschau – Märchen (2/5)

„Jens, es ist für Eltern immer eine wunderbare Zeit, solange die Kinder noch zu Hause sind. Wir haben jeden Tag mit dir genossen, es war uns ja leider nicht vergönnt, weitere Kinder zu bekommen. Du lebst gern bei uns und wir freuen uns, dass du dich hier so wohlfühlst. Aber du weißt, in der Natur müssen Vögel flügge werden, dann werden sie aus dem Nest gestoßen. Wir wollen dich nicht stoßen, aber wir, dein Vater und ich, denken, dass es wirklich an der Zeit ist, dass du eine eigene Wohnung beziehst.“

„Aber, Mama, ich weiß ja gar nicht, wie ich ohne euch leben soll!“

„Ach, Junge, das denkst du jetzt nur. Du wirst schon merken, wie schön das ist, wenn du einmal unabhängig und selbstständig bist.“

Jens fand die Vorstellung ziemlich grauenhaft. Er schaute nicht sehr glücklich aus.

„Eines Tages werden wir sterben, dann bist du ganz allein. Wenn du bis zum Schluss mit uns zusammengewohnt hast, wirst du nicht nur sehr unglücklich sein, sondern auch lebensunfähig. Denke nur an Onkel Jonathan, wie es ihm ergangen ist, nachdem seine Eltern gestorben waren.“

Onkel Jonathan hatte bei seinen Eltern gelebt. Sein Vater war mit achtundsechzig Jahren gestorben, seine Mutter war stolze vierundneunzig Jahre alt geworden und hatte bis zum Schluss den kleinen Haushalt mehr oder weniger recht geführt. Als Jonathans Mutter starb, war Jonathan vierundsechzig Jahre alt. Er war völlig hilflos, obwohl kerngesund, konnte er nichts, allenfalls noch den Abfall in den Keller tragen. Er engagierte eine Haushaltshilfe, aber das war nicht dasselbe. Er mietete sich schließlich in ein Altenheim ein, aber auch das ließ ihn verzweifelt zurück, sodass er sich schließlich an dem Tag, an dem er fünfundsechzig wurde, am Fenster erhängte. Da dies sein erster Versuch gewesen war, sich zu erhängen, und ihm seine Mutter keine guten Tipps mehr hatte mit auf den Weg geben können, waren sich alle darin einig, dass es ein grausamer und langsamer Tod gewesen war. Nein, wie Jonathan wollte Jens nicht enden. Er nickte. „Mama, was schlägst du denn vor?“

„Entweder du suchst dir eine Wohnung für dich…“,

„Ja, aber die muss dann ganz in der Nähe sein!“

„… oder du suchst dir eine Frau. Das ist doch auch etwas Schönes. Und ich weiß doch, na, du bist doch ein Mann… da hast du auch Bedürfnisse.“

Jens nickte und wurde rot. Er hatte seine Liebschaften nie mit nach Hause gebracht, das Wohnzimmer der Eltern war ein Durchgangszimmer zu seinem Zimmer und die Eltern saßen abends oft und guckten fern. Da wäre es ihm peinlich gewesen. Also mussten Parkbänke oder sein Auto herhalten, wenn die Frauen ihn nicht in ihre Wohnung einluden.

„Woher soll ich denn so eine Frau nehmen?“

„Du kannst dich entweder unter deinen Kolleginnen umsehen oder du schaust mal im Internet. Da gibt es doch so viele Angebote, das habe ich im Fernsehen schon oft gesehen!“

Jens dachte an seine Kolleginnen, die mit ihm das Büro teilten. Ursula war verheiratet und kurz davor, in Rente zu gehen. Martina war ein Jahr jünger als er. Sie hatte große Hasenzähne, eine penetrante Stimme und viel zu breite Hüften. Jessica war drei Jahre jünger als er, so übergewichtig, dass sie beim Sitzen seitlich über die Stuhlfläche quoll, und sie roch penetrant nach billigem Fett. Moniques Mutter war Französin, deshalb schmückte sie jeden dritten Satz mit dem Zusatz „Olala“ oder „Formidable“. Das war ziemlich nervend. Und obwohl sie zierlich war und lange dunkle Haare hatte, störte Jens ihr Damenbart doch sehr. Auch ihre Augenbrauen waren buschig und in der Mitte zusammengewachsen und im Sommer, als sie mal im kurzen Rock zur Arbeit gekommen war, hatte er mit Entsetzen gesehen, dass ihre Oberschenkel ebenfalls behaart waren. Sonst sah er nicht viele Frauen auf der Arbeit, da er nie in die Kantine ging, er brachte das Essen ja von zu Hause mit.

3 Gedanken zu “Brautschau – Märchen (2/5)

    • Stimmt. Geht eine Frau am Spiegel vorbei, macht sie: „Huch, wie sehe ich denn aus? Da liegt ein Haar nicht richtig.“ Geht ein Mann am Spiegel vorbei, sagt er sich: „Wow, sehe ich gut aus!“
      Ein Kollege sagte mal: „Ihr Frauen lauft am Spiegel vorbei und erschreckt weil ihr angeblich dicker geworden seid. Weißt du, wir hängen den Spiegel halt nicht so tief!“

      :mrgreen:

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