Brautschau – Märchen (3/5)

„Ich denke, da werde ich mich mal in so einem Portal umsehen, Mama.“

Mama nickte zufrieden. „Wir helfen dir auch gern, wenn du bei der Wahl nicht sicher bist.“

„Oh, das Angebot nehme ich nur zu gern an!“

Schon am selben Abend stürzte sich Jens auf diverse Partnerschafts-Portale, legte Profile an und sah sich um. Er schilderte sich so realistisch wie möglich, also gutaussehender Mittdreißiger, blonde Haare, Nichtraucher, ein Meter fünfundsiebzig groß, schlank, feste Stellung, Humor, liest gern, geht gern spazieren, Hunde okay, wenn sie nicht zu groß sind. Als sein persönliches Motto schrieb er „Achtung, gleich geht das Licht aus!“. Er wusste selbst nicht, warum er das gewählt hatte, aber ohne dass er das wusste, machte das echt Eindruck. „Der Typ klingt nicht so aufregend, aber seinen Humor finde ich echt Klasse“, war’s, was die Mädels so dachten, wenn sie sein Profil lasen.

Über ein halbes Jahr hinweg traf er sich mit gefühlten fünfhundert Frauen. Seine Mutter drängte ihn nicht, aber fragte schon vorsichtig, wie es denn so aussähe? Am Ende des halben Jahres hatte er drei Kandidatinnen, die er passabel fand und die wohl auch an ihm interessiert waren. Sandra, Lucia und Pauline. Alle etwas jünger als er, alle langhaarig, alle mehr oder weniger schlank und alle bereit, ab und zu Formel 1-Rennen zu gucken. Kein Überbiss war dabei, keine schrille Stimme. Und auch so für seine männlichen Bedürfnisse, wie seine Mutter es genannt hatte, waren sie gut zu haben. Und jetzt?

Seine Mutter empfahl ihm, die drei zum Essen zu ihnen einzuladen. „Wie, alle drei zusammen?“ Seine Mutter war entsetzt: „Aber, Jens, das wäre doch grob unhöflich und würde…“. Jens unterbrach seine Mutter: „War ein kleiner Scherz, Mama, ich bin doch nicht so blöde oder eine tumbe Gestalt aus einem Märchen.“ Da musste sie auch lachen, „Ich war einfach so in Fahrt, aber klar, natürlich ist das ein Scherz.“

Also lud Jens als Erste Sandra an einem Sonntagmittag ein. Sandra freute sich sehr, sie mochte Jens und wünschte sich, dass sie auch bei seinen Eltern gut ankommen würde. Sie war an dem Sonntag total aufgeregt, wechselte fünf Mal die Kleider bzw. Hosen. Schließlich entschied sie sich für eine blaue Stretchhose, keine Jeans, mit einer weißen Bluse. Klassisch, auf sowas stehen Eltern. Weil sie so nervös war, aß sie den ganzen Vormittag über jede Menge Pralinen, einschließlich der Packung, die sie eigentlich für Jens‘ Mutter gekauft hatte. Jens holte sie pünktlich ab, sagte ihr, wie toll sie aussähe. „Bitte halte noch mal an der Tanke!“ Dort kaufte sie eine Riesenschachtel Mon Cherie und ließ sie sich als Geschenk einpacken.

Sie fand die Eltern sehr sympathisch, auch wenn der prüfende Blick der Mutter sie noch nervöser machte. Jens‘ Mutter konnte lecker kochen und hatte zufällig auch noch Sandras Lieblingsessen zubereitet: Schweinebraten mit Kartoffelpüree und Rotkohl. Die Gastgeberin füllte Sandras Teller reichlich, dann begannen sie zu essen. Sandra rief sofort aus: „Boh, wie lecker!“, konnte dann aber nicht viel essen, weil die Hose immer schon eng gesessen hatte und der Bund nach all den vielen Pralinen furchtbar kniff. Daher ließ sie die Hälfte des Essens auf dem Teller, entschuldigte sich vielmals. Sie könnte nie so viel essen. Jens schaute sie von der Seite an, eigentlich hatte er sie immer als gute Esserin erlebt. Warum aß sie jetzt wie ein Spätzchen?

2 Gedanken zu “Brautschau – Märchen (3/5)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s