Brautschau – Märchen (4/5)

Seine Mutter war offensichtlich etwas enttäuscht und daher etwas angespannt. Weil sie angespannt war, war auch der Vater nicht gut gelaunt und verzog sich alsbald hinter die Sonntagszeitung. Jens war nicht glücklich und so war Sandra auch nicht glücklich. Um drei Uhr brachte er sie wieder nach Hause. Sandra hatte den Eindruck, dass der Tag nicht sehr gelungen war, schmiss sich auf ihr Bett und heulte eine halbe Stunde.

Für den nächsten Sonntag war Lucia eingeladen. Eltern aus kleinen Verhältnissen, dachte sie sich, da prunkte ich am besten so richtig. Sie warf sich in ein schickes Kostüm mit Bluse, die einen großzügigen Einblick in ihr Dekolleté erlaubt, dazu hochhackige rote Schuhe, wodurch sie Jens fast um vier Zentimeter überragte. Da sie wusste, dass sie zum Mittagessen eingeladen war, aß sie nach einer halben Scheibe Toast zum Frühstück nichts mehr. Egal, was Jens‘ Mutter auftischen würde, sie wollte zeigen, dass sie das Essen mochte! Für die Eltern hatte sie eine kleine Keramikfigur gekauft, einfache Leute stehen ja auf so etwas.

Jens holte sie pünktlich ab und sagte ihr sofort, wie atemberaubend sie aussähe. Lucia freute sich, denn im Grunde mochte sie Jens. Er war zwar manchmal etwas langweilig, aber sie schätzte, dass er gute Gene besäße, friedlich genug sei und somit ausreichend für ihren Kinderwunsch. Auch an diesem Tag gab es wieder Schweinebraten mit Kartoffelpüree und Rotkohl. Lucia mochte das zwar nicht besonders, aber war erstens ausgehungert und dachte sich außerdem, dass besagte einfache Leute eben Wert darauf legten, dass man ordentlich „reinhaut“. Also fegte sie den ersten Teller bis zum letzten Krümel leer und fragte, auf schüchtern gemacht, ob sie wohl noch einen Nachschlag von diesem wunderbaren Essen haben könnte? Jens‘ Mutter freute sich über das Kompliment und gab ihr einen kräftigen Nachschlag, den Lucia mit dem gleichen Gusto leerte wie den ersten. Auch bei der Nachspeise griff sie kräftig zu, wieder ließ sie keinen Krümel zurück. Jens Mutter wollte ihrem Mann einen Blick zuwerfen, um eine Meinung auszutauschen, aber der war zu tief in Lucias Ausschnitt vertieft, was seine Frau doch ziemlich erboste. Die Stimmung war daher nicht zum Besten, was aber Jens gar nicht mitbekam. Er war ebenfalls in den Ausschnitt vertieft und dachte sich, dass er noch etwas Zeit mitnehmen würde, wenn er Lucia wieder nach Hause brächte. Leider war Lucia ziemlich übel, als sie bei ihrer Wohnung ankamen und bat Jens, der schon eine Hand an ihrer linken Brust hatte, an diesem Tag von weiteren Intimitäten abzusehen, da ihr kotzübel sei. Das fand Jens etwas befremdlich, denn das Essen seiner Mutter war doch köstlich, wie konnte einem übel davon werden?

Noch ein Sonntag, dann musste die Entscheidung getroffen werden.

Pauline war sich noch nicht sicher, ob Jens wirklich der Mr. Right für sie war. Er war ganz nett, nicht hässlich, aber so ein bisschen mittelmäßig. Sie war sich auch im Unklaren darüber, ob Jens nun ein Muttersöhnchen war oder nicht. Als sie gehört hatte, dass er mit dreiunddreißig noch zu Hause wohnte, hätte sie fast den Kontakt abgebrochen. Aber er konnte witzig und charmant sein, sie wünschte sich auch allmählich eine Familie, der Job als Sekretärin in einem Ingenieurbüro war auch nicht so spannend. Sie hatte ein Faible für Kunst und sich daher als Sekretärin in einem Museum beworben. Wenn sie den Job bekäme, würde Jens‘ Position bei ihr schwieriger, sonst wäre er zu erwägen. Auf jeden Fall war es prima, dass sie diese Einladung bekommen hatte. Ein Blick auf das Elternhaus würde ihr zeigen, was sich machen ließe.

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