Brautschau – Märchen (5/5)

Sonntag war normalerweise ihr Vorsichhingammeltag, also sah sie keine Veranlassung, jetzt mit etwas Besonderem aufzutrumpfen. Es musste natürlich nicht der ausgebeulte Jogging-Jumpsuit sein, aber eine gut sitzende Jeans, ein nettes T-Shirt dazu und natürlich flache Schuhe – sie wollte Jens nicht überragen, sie waren beide gleichgroß. Sollet sie eine Kleinigkeit mitbringen? Sie überlegte und entschied sich dann dagegen. Sie wollte ja nicht so wirken, als würde sie um Schwiegereltern buhlen. Jens holte sie ab. Pauline war der absolute Jeans-Typ, keine Frage. Die Hose saß wie angegossen und Jens gönnte sich einen ausgiebigen Blick auf ihr Hinterteil, als Pauline nochmals aus dem Auto ausstieg, weil sie ihr Handtasche vergessen hatte. „Du siehst so toll aus, Pauline, ich könnte dich gleich hier vernaschen!“ flüsterte er ihr ins Ohr, als sie wieder eingestiegen war. „Sofort, Jens, sofort, aber wir wollen doch pünktlich sein?“

Um die Bedingungen der Auswahl gleichzuhalten, gab es wieder Schweinebraten mit Kartoffelpüree und Rotkohl. Auch der Nachtisch war derselbe: Eis mit heißen Himbeeren. Pauline fand Jens‘ Eltern lustig, also nicht so Arbeiterklasse, wie sie gedacht hatte. Auch beobachtete sie keine Eigenheiten, wie sie bei Müttern von Müttersöhnchen so üblich sind, sie streichelte ihrem Sohn nicht über den Kopf, hing nicht bei jedem seiner Worte an seinen Lippen und hatte Humor. Der Vater konnte interessant von der Arbeit erzählen, also das war schon mal besser als gedacht. Das Essen schmeckte ihr ausgezeichnet, sie schnitt nur das Fett ab, hatte aber vorher gefragt: „Ich hoffe, das ist nicht unhöflich, wenn ich den Fettrand abschneide, ich vertrage das einfach nicht.“ Jens Mutter lächelte: „Aber natürlich nicht, ich mache das auch immer!“ Als Jens Vater ihr einen Nachschlag anbot, nahm sie den gern: „Das Essen ist so lecker, ich bin eigentlich schon satt, aber da kann ich nicht nein sagen. Aber bitte nur wenig, ich möchte keinen Rest überlassen.“

Jens Mutter war beeindruckt, auch wenn sie es sich nicht anmerken ließ. Um drei Uhr stand Jens auf, um Pauline nach Hause zu bringen, die ihn dann noch auf eine Tasse Kaffee einladen wollte. Jens wusste mittlerweile schon, was Tasse Kaffee für ein Code war, aber er war jetzt müde und voll von dem guten Essen. „Ein andermal immer wieder gern“, dabei zwinkerte er Pauline – wie er meinte – zweideutig zu.

Nach dem Abendessen setzten sich die drei zusammen. „Nun, Mama, Papa, was meint ihr?“ Jens hatte sich mittlerweile entschieden, Sandra ernsthaft den Hof zu machen. Er konnte einfach nicht anders, als nur an sie zu denken, und er vermutete, dass er verliebt war.

Sein Vater zeigte nur auf seine Mutter: „Deine Mutter weiß es am besten!“

„Nun, Jens, alle drei Frauen scheinen ganz nett zu sein. Aber die Entscheidung ist gar nicht so schwer. Sandra ist eine Verschwenderin, Essen wegzuwerfen ist eine Todsünde, und wenn man eingeladen ist, kann man ja wohl wenigstens einen Teller leeren, oder? Die würde nur Zeugs kaufen und unbenutzt wegwerfen, eine Verschwenderin. Außerdem ist sie verlogen. Offensichtlich, ganz offensichtlich hat ihr mein Essen nicht geschmeckt, trotzdem hat sie ständig gesagt, wie lecker das ist. Und zu guter Letzt bringt man keine Alkoholpralinen mit, wenn man die Familie noch nicht kennt, es hätte ja sein können, dein Vater wäre Alkoholiker, und dann?“

Jens sagte nichts. Erst einmal abwarten, vielleicht fand seine Mutter alle Drei unmöglich, und dann könnte er sich für die entscheiden, die bei ihm Herzklopfen hervorrief. Und das war nun mal Sandra.

„Kommen wir zu Lucia. Was sollte dieses Mitbringsel, was glaubt sie denn, wer wir sind? Sowas steht in den Wohnungen uralter Menschen, so ein Billigding, das hatte sie bestimmt in so einem Ein-Euro-Shop gekauft. Das war voll daneben. Und, also, ich freue mich schon, wenn es Gästen bei uns schmeckt, aber, Jens, das war einfach ungehörig, wie sie zugeschlagen hat. Das würde eine Verschwendung deines Gehaltes, wenn du die heiraten würdest. Oh, nein, oh, nein. Die solltest du besser auch vergessen.“

Jens atmete auf. Ja, Lucia würde er auch gern vergessen oder anders gesagt: Das Vergessen würde ihm in ihrem Fall nicht schwerfallen.

„Nun Pauline. Sie hatte ein gutes Gespür für den Tag, sie war nicht aufgedonnert. Sie hatte nichts mitgebracht, was auf den ersten Blick nachteilig aussehen könnte. Aber in diesem Fall war das genau richtig: Kein Geld rausschmeißen, wenn man die Leute noch nicht kennt und gar nicht weiß, was sie mögen. Außerdem ist ein kleines bescheidenes Mittagessen kein Anlass, ein großartiges, teures Geschenk zu machen, das im schlimmsten Fall später im Abfalleimer landet. Das Essen hat ihr geschmeckt, sie hat den Teller geleert, war aber nicht kurz davor ihn abzulecken! Beim Nachschlag hat sie darauf geachtet, dass sie nicht zu viel bekommt, damit nichts weggeworfen werden muss. Die Frau kann mit Geld umgehen! Sie weiß sich angemessen und gut zu benehmen, da sehe ich eine gute Zukunft für dich.“

Jens saß da und sagte nichts. Er ließ sich noch einmal durch den Kopf gehen, was seine Mutter gesagt hatte. Vermutlich hatte sie recht. Bei Lucia waren sie sich einig. Und mit Sandra? Das war vermutlich seine fehlende Menschenkenntnis, die sein Herz so hoch schlagen ließ, wenn er an sie dachte. Außerdem macht Liebe blind, er wollte sich ja nicht blind in eine Beziehung stürzen. Auch wenn sein Verstand sein Herz unterstützte, hieß das nichts. Sein Verstand erzählte ihm, wie aufgeregt Sandra vor dem Besuch gewesen war, wie sie seine Hand gedrückt hatte, als sie ins Auto stieg, wie gut sie mit ihrem kleinen Gehalt immer zurechtkam. Aber das war ja nur das Bild, das sie ihm vormalte. Seine Mutter hatte den scharfen Blick der Menschenkennerin. Auf sie konnte er sich immer verlassen.

Sandra war sehr traurig, als sie von Jens gar nichts mehr hörte und heiratete schließlich einen Kollegen, der sie, wie sie wusste, schon lange verehrte. Ein Vierteljahr später heiratete Jens Pauline. Seine Ehe wurde vier Jahre und zwei Monate später geschieden und er musste über viele Jahre für seine Frau und seine Tochter bezahlen.

 

2 Gedanken zu “Brautschau – Märchen (5/5)

    • Ich auch mialieh. Aber da ist noch ein Wort in meinen Kopf gekommen: Dummkopf!
      Höre immer auf dein Herz, sorry an alle Mütter.
      Das liegt nicht daran, dass ich zufällig Sandra heiße 😉

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