Unfall – Märchen 2/7

Ludovic ritt den großen breiten Weg entlang. Er ritt einen Tag, ruhte eine Nacht und ritt weiter. Gegen Mittag wurde das Dickicht am Rande des Wegs immer größer und fing an, sich auch auf dem Weg auszubreiten. So wurde der Weg immer enger und der Prinz musste mit seinem Schwert mehr und mehr Schlingengewächse zerschneiden, damit er weiter reiten konnte. Am Abend kam er völlig ermüdet an einem großen Baum an, in dem ein Baumgeist hauste. Kaum hatte sich der Ritter gesetzt, kam der Baumgeist aus dem Baum und setzte sich neben den Ritter. Während die beiden dort saßen, wuchsen die Schlingpflanzen enger und enger um sie und verdeckten den ganzen Weg, so dass man nicht erkennen konnte, ob das Dunkel vor ihnen die Nacht war oder ob die Schlingpflanzen die untergehende Sonne verdeckten.

„Wes Weges kommt Ihr, edler Ritter?“

„Du meinst ‚weswegen‘!“

„Nein, ich meine wes Weges. Aber ihr Menschenkinder seid manchmal ein wenig langsam, daher frage ich doch noch einmal: Welchen Weg bist du gekommen, welchen Weg willst du nehmen und was suchst du?“

„Ich komme von dahinten, ich will nach da vorn und ich suche einen grässlichen Drachen, den ich tot oder lebendig meinem Vater mitbringen möchte.“

„Du liebst deinen Vater so sehr, dass du ihm ein so großes Geschenk darbieten möchtest?“

Ludovic wollte nicht lügen. „Nein, er hat das von uns gefordert: Wer den Drachen heimbringt, gewinnt das Königreich und vermutlich, so steht es in den alten Überlieferungen, auch eine junge Prinzessin. Es würde wohl Prinzessin Mira sein.“

Der Baumgeist kicherte: „So eine hübsche Prinzessin würde ich wohl auch gern mein Eigen nennen, sie könnte meinen Bart zupfen und kämmen, und mir leckere Bucheckernsuppe kochen. Wenn ich dir einen Wunsch erfüllte, gibst du mir dann die Prinzessin und du nimmst das Königreich?“

An des Königs Hof wurden viele alte Geschichten und Sagen erzählt, und so wusste der junge Prinz, dass es gut war, sich mit den Geistern und ähnlichen Gestalten gutzustellen. Er reichte dem Baumgeist die Hand: „Abgemacht!“ Dann war der Prinz so müde, dass er in einen tiefen und langen Schlaf fiel. Als er wieder aufwachte, war er völlig von Schlingpflanzen eingewickelt. „Hilfe, Hilfe, so helfe mir doch einer!“ Der Baumgeist fuhr aus seinem Baum, „Wie du willst, junger Prinz“ und gab den Pflanzen ein Zeichen, sodass sie sich von ihm zurückzogen.

„War das jetzt mein Wunsch an dich?“ „Nein, das wäre gemein, es gibt Baumgeister, die so handeln, aber das wäre unfair. Ziehe von dannen und ruf mich, wenn du mich wirklich einmal brauchst.“

Der Weg war nun auch frei von Schlingpflanzen, nur die Brombeerbüsche ragten noch hinein. Der Prinz hackte sie mit seinem Schwert beiseite und ritt weiter. Der breite, breite Weg wurde immer schmaler. Am Abend des nächsten Tags erreichte der Prinz das Ende des Wegs. Dort stand ein kleines Häuschen mit einem Garten. Vor dem Häuschen stand ein kleiner Drache, der eine Schürze umgebunden hatte und mit einem Besen die Eingangstreppe fegte.

„Bist du der große gefährliche Drache?“, fragte ihn der Prinz verwundert.

Der kleine Drache war noch nie für groß und gefährlich gehalten worden und freute sich sehr. „Ja, der bin ich!“ Und dabei fletschte er seine kleinen Zähne, die gut für das Zerreißen von Blättern waren.

„Wer bist denn du?“

„Ich bin Prinz Ludovic und suche einen Drachen, den ich mit zu meinem Vater nehmen kann, damit ich das Königreich beerben und eine schöne Prinzessin heiraten kann.“

„Komm erst einmal herein, du siehst müde aus. Ich habe gerade einen kleinen Topf Hirsebrei gekocht, wenn du magst, lade ich dich ein. Dann kannst du bei mir übernachten und morgen reisen wir zusammen zu deinem Vater, denn ich bin noch nie verreist.“

Der Prinz betrat das Haus des kleinen Drachens, in dem es lecker nach süßem Hirsebrei roch. Zu dem Hirsebrei gab es Brombeeren und der kleine Drache füllte ihre beiden Teller aus dem Bottich immer wieder auf, bis sie beide satt waren. Während der Prinz schlief, hatte der kleine Drache eine Reisetasche mit dem Notwendigsten gefüllt: einer Drachenreisezahnbürste, einem Drachenschlafanzug, einem gut schließenden Topf mit kaltem Hirsebrei und seinen besten Drachenanzug, damit er sich vor dem König nicht schämen musste.

Nach dem gemeinsamen Frühstück, zu dem es Hirsebrei mit Zitronentee gab, packten sie ihre Sachen. Der kleine Drache verabschiedete sich von seinem Garten, säuberte den Hirsebottich und schloss die Tür ab. Den Schlüssel steckte er in seine Tasche, und dann zogen sie los. Nach etwa zwei Kilometern kullerten dem kleinen Drachen Tränen aus den Augen. „Ich bin noch nie so weit gelaufen, meine Füße sind voller Blasen, ich glaube, ich schaffe es nicht bis zum Hof deines Vaters.“ Er weinte so bitterlich, dass der Prinz fast anfing, zusammen mit ihm zu weinen. Dann aber besann er sich eines Besseren: „Lass mich den Baumgeist rufen, er hat versprochen, mir in einer Notlage zu helfen.“

Er rief in den Wald hinein: „Baumgeist, Baumgeist, jetzt brauche ich deine Hilfe!“ Es machte wusch-wusch-wusch in den Büschen am Wegesrand, dann stand der Baumgeist vor ihnen. „Bitte hilf uns, lieber Baumgeist, der kleine Drache hat wunde Füße und möchte so gern mit mir kommen.“ Der Baumgeist schüttelte den Kopf: „Helfen kann ich dir nicht, nur einen Wunsch erfüllen.“ Der Prinz dachte nach: Ja, ist das denn nicht dasselbe? Offenbar nicht. Sollte er sich für den Drachen unverwüstliche Füße wünschen? Das wäre aber vielleicht doch ein Eingriff in das Leben des Drachens, den dieser gar nicht wollte. So sinnierte er eine Weile und sprach dann: „Vermutlich kannst du mir jeden Wunsch erfüllen?“ „Soweit es in meiner Macht steht“, war die weise Antwort des Baumgeists.

„Ich hätte gern eine Reisegelegenheit für den Drachen, damit dieser nicht laufen muss.“

„Weitere Spezifikationen hast du nicht?“

„Nein“, antwortete der Prinz.

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