Unfall – Märchen 3/7

Der Baumgeist rieb die Fäuste zusammen, sprach etliche für Menschen und Drachen unverständliche Worte. Während er so dort stand, begannen die Brombeeren am Wegesrand eine Art Sänfte mit Rädern zu bilden. Ihre Blüten legten sie in die Mitte, sodass es weich und kuschlig war. Der Baumgeist verneigte sich vor dem Prinzen: „Ich wünsche dir und deinem Gefährten eine gute Reise.“ Der Drache legte sich auf die Brombeersänfte und begann ein wenig Hirsebrei zu löffeln, um seine Nerven zu beruhigen. Er bot auch dem Baumgeist eine Portion an, der aber bedankte sich höflich und verschwand.

Die Brombeeren ächzten und stöhnten unter dem Gewicht des Drachens, aber sie gaben nicht auf. Waren sie nicht bekannt als die zähesten Brombeeren im ganzen Königreich? So erreichten der Prinz und sein Weggefährte die Kreuzung, an der er sich von seinen Brüdern getrennt hatte. Der Prinz fing zwei Mäuse, beschrieb zwei Blätter Pergament, die er aufrollte. Er band jeder Maus einen Riemen um den Bauch, unter den er eine Schriftrolle steckte. „Du gehst und findest Malkovic und übergibst ihm meinen Brief, du aber suchst Sankovic und gibst ihm seinen Brief.“ Die Mäuse fiepten Einverständnis und liefen davon.

In den Briefen hatte der Prinz geschrieben, dass er den Drachen gefangen habe, der Bruder nun die Suche aufgeben könne, denn er, Ludovic, habe den Wettstreit ganz offensichtlich gewonnen. Im Brief an Malkovic hatte er noch einen Zusatz gemacht: „Lieber Bruder, da ich deine Hilfe nicht gebraucht habe, muss ich auch keine Leibrente an dich zahlen. Dennoch kann ich dich zum Hirten über meine Schafherde machen, du musst keinen Hunger leiden.“

Nach einer guten Rast zogen sich beide um: Der Prinz legte sein Prinzengewand an, das er in einem Baumloch am Wegesrand versteckt hatte, der Drache zog seinen Drachenanzug an, der aus feinster Seide gesponnen und mit vielen Eicheln dekoriert war. Als sie das Schloss erreicht hatten, sprang der Drache von seiner Sänfte, die sich daraufhin in Brombeerausläufer zurückverwandelte und sich in den Wald zurückzog.

So zogen die beiden zum Palast, Herolde kündigten dem König ihre Ankunft an. Der König ließ ihnen ausrichten, sie möchten bitte in den Gemächern des Prinzen warten, bis die anderen Brüder zurückwaren. Das gefiel Ludovic nicht, denn er war überzeugt gewesen, sein Vater würde ihm sofort das Königreich übertragen.

Wie aber war es Malkovic in der Zwischenzeit ergangen?

Er war auf Geheiß seines Bruders in den rechten Weg geritten. Der Weg war breit, der Wegesrand war bewachsen. Als Malkovic weiter in den Wald eindrang, wurde das Gehölz am Rand des Weges immer dichter, er konnte zur Seite nichts mehr sehen. Er ritt in die Nacht hinein, bis er gar nichts mehr sehen konnte. Der Prinz fürchtete sich aber vor der Dunkelheit, deshalb war er so nervös, dass er seine sämtlichen Vorräte aufaß. Da hörte er plötzlich Stimmen hinter sich. „Kein Wunder, dass der Prinz so einen dicken Bauch hat, dass das Pferd fast unter seiner Last zusammenbricht, wenn er immer so viel isst.“ „Ja, da hast du recht. Ich habe noch nie ein so feistes Menschenkind gesehen. Morgen wird er gar nicht mehr auf sein Pferd kommen.“ Malkovic lachte verächtlich, er wusste ja, dass er nicht dick war, nur weil er ab und an zu viel aß, wenn er nervös war. Dennoch war er, nun da er die Stimmen gehört hatte, nicht mehr so ängstlich, wickelte sich in seine Decke und schlief beim Licht einer Kerze ein.

Als er morgens aufwachte, hatte er das Gefühl, etwas würde ihn erdrücken. Er konnte nicht aufstehen und als er an sich herunterblickte, erschrak er: Sein Beinkleid saß so fest an ihm wie eine Wurstpelle, da sein Leib aufgequollen war. Er fühlte sich wie ein Käfer auf dem Rücken. Mit mehreren Schaukelbewegungen drehte er sich schließlich auf den Bauch und konnte so mit Mühe aufstehen. Er lief zu einem nahegelegenen See, um sich anzuschauen. Malkovic war immer stolz gewesen auf sein Aussehen: grade gewachsen, kräftig und stark, mit einem männlichen Gesicht mit einer Kerbe im Kinn, was die Mädchen verzauberte. Jetzt schaute ihm ein Kloß von Mensch entgegen, die Arme konnte er nicht glatt am Körper anlegen, weil dieser zu allen Seiten gewölbt war. Die Kerbe im Kinn war von Fett zugewuchert, seine Wangen aufgeblasen wie Ballons. Seine schönen dunklen Augen waren im Fett des Gesichts fast versunken, die Haare standen ihm vom Kopf ab. Seine Hände sahen aus wie eine Portion glitschiges Rührei, aus dem fünf fette Würstchen guckten. Malkovic weinte gar jämmerlich, was dazu führte, dass seine kleinen Schweinsäuglein gänzlich zuquollen. Hinter sich hörte er mehrere Geisterstimmen lachen und johlen. Er konnte nichts sehen und drehte sich um: „Bitte helft mir wieder heraus aus dieser Gestalt! So kann ich doch keinen Drachen fangen.“

Die Stimmen erkundigten sich, warum er denn einen Drachen fangen wolle? So berichtete der junge Prinz von seiner Mission, aber alle vier bis fünf Wörter musste er Atem holen, weil ihm das Fleisch auf die Lunge drückte. „Wir werden dir helfen“, wisperte die eine Stimme. „Ja, das werden wir. Wir hatten großen Spaß mit dir, aber wir haben nicht geahnt, dass dich diese kleine Verwandlung so traurig macht. Menschen haben andere Späße als wir, bitte sei nicht böse. Und zum Ausgleich bekommst du deinen Drachen!“ Eine dritte Stimme befahl dem Prinzen, sich auf den Waldboden zu legen, seine Augen zu schließen und bis fünfhundertsiebenundachtzig zu zählen. Erst dann dürfe er die Augen wieder öffnen, würde er es eher tun, würde dieser Leib für den Rest seines Lebens der seine bleiben.

Der Prinz war nicht dumm und hatte genügend Geschichten gehört, in denen Menschen verbotene Türen geöffnet, zu früh eine bestimmte Stelle verlassen oder sonstwie die Anweisungen von überirdischen Kräften missachtet hatten. Also zählte er brav und wäre über dem Wirrwarr leiser Stimmen, die Beschwörungen sangen, fast eingeschlafen. Als er endlich fertig war mit dem Zählen, öffnete er die Augen. Als Erstes bemerkte er, dass er wieder sehen konnte. Und als er an sich herabblickte, lag sein Beinkleid locker am Körper wie immer. Er blickte in den Wald, konnte aber niemand sehen und dankte den Geistern. Er sah im Fernen eine kleine Wolke und hörte die vierte Stimme: „Es tut uns leid, dass wir mit dir diesen Schabernack getrieben haben. Aber es kommen nicht viele Menschen in diese Ecke des Waldes und unser Leben ist sonst eher langweilig. Wenn du deinen Drachen gefunden hast und den Eindruck bekommst, du bist ihm nicht gewachsen, dann rufe uns. Wir werden dir helfen!“

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