Unfall – Märchen 4/7

Der Nebel verzog sich und eine wunderschöne Mittagssonne ging auf. Der Prinz sattelte sein Pferd, ließ es am See trinken und sammelte Beeren von den Sträuchern, die um den See wuchsen, als Wegzehrung. Frohgemut ritt er den breiten Weg entlang, tief in den dunklen Wald hinein. Der Wald war voller hoher Tannenbäume, die bis zu einer Höhe von drei Metern schon keine Äste mit Nadeln mehr hatten. Auf dem Boden unter den Bäumen lag daher ein dichter Teppich aus Nadeln, der alle Geräusche verschluckte. Selbst das Klappern der Hufe war nur auf der Straße metallisch-dumpf zu hören, der Rest des Schalls landete im Boden. Das Licht wurde von den Wipfeln der Tannen hoch oben abgefangen, nur durch den Weg landete etwas Licht, die Reiter und Pferd eine dämmrige Orientierung ermöglichten. Tiefer und tiefer drangen sie in das Dickicht das Waldes ein, um sie herum war es stumm. Sie hörten nicht die Mäuse, die über den Boden huschten, sie hörten nicht die Grillen, die zum Lichtschein tanzten und sangen, sie hörten nicht die Vögel, die hoch über den Wipfeln ihre Balzlieder austauschten. Und deshalb standen sie ganz unvermittelt vor einer Wellblechhüte mit fünf Schornsteinen, aus denen es kräftig rauchte. Neben der Tür hing ein Schild „Hier kocht der Drache noch selbst.“

Der Prinz stieg von seinem Pferd und schlich sich zum Fenster. Er hätte auch ganz normal gehen können, denn genau wie er nichts hören konnte, wurde auch er nicht gehört. Er lugte durch die eine Ecke des Fensters, die herausgebrochen war. Der Rest war so schmutzig, dass es keinen Einblick in die Hütte gab. Malkovic sah einen riesigen Herd, vor dem ein geschuppter Drache mit kreisrunden rotglühenden Augen stand. Links vom Herd stand ein Käfig mit zitternden Mäusen, Ratten und anderem Kleingetier. Auf dem Herd stand ein Riesenbottich mit Wasser. Der Drache blies seinen feurigen Atem in das Wasser, um es zum Kochen zu bringen. Rechts vom Herd standen drei Porzellandosen, die mit Zettelchen beklebt waren: „Italienische Kräutermischung“, „Grillgewürz“ und „Chilipulver extrascharf“.

Mit spitzen Drachenfingern packte er eine Maus am Schwanz und ließ sie über dem Topf mit blubberndem Wasser hängen, seine roten Augen rollten und er lachte, dass das Wellblech auf der Hütte erzitterte. Der Prinz aß zwar selbst auch gern ein knuspriges Hühnchen oder ein Spanferkel vom Grill, aber das hier war eine abscheuliche Szene! Die Maus quiekte und wand sich, sie winkte dem Prinzen mit den kleinen Pfötchen zu. Der Drache hatte das mit seinen kleinen flinken Schweinzäuglein, die er am Hinterkopf hatte, sofort bemerkt und drehte sich auf seinen Füßen in Richtung Fenster. Als er den Prinzen dort erblickte, war er völlig entgeistert, denn er hatte noch nie einen Menschen gesehen. Vor Schreck ließ der den Schwanz der Maus los, die, da er sich gedreht hatte, zum Glück nur auf den Rand des Topfes fiel. Rasch kletterte sie hinab und lief zu dem Käfig, verzweifelt versuchte sie mit ihren kleinen Pfoten ihre Leidensgenossen zu befreien, damit sie fliehen konnten.

„Was haben wir denn da wir einen hübschen großen Braten, wie ich ihn schon seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen habe?“ zischte der Drache. Seine roten Augen funkelten und nahmen eine schwarze Farbe an, wodurch er noch unheimlicher war. Der Prinz wollte fliehen, aber der Drache war flink und hatte ihn und das Pferd schnell mit einer Tatze geschnappt.

Der Drache nahm die beiden in seine schreckliche Hütte. Er fegte den Mäusekäfig mit der Maus zum Boden, weil er den Platz jetzt für etwas anderes brauchte. Durch den harten Sturz öffnete sich die Tür des Käfigs: Mäuse, Ratten, Eidechsen und all das andere Getier konnten fliehen. Der Prinz landete unsanft auf der Arbeitsplatte. Der Drache summte vor sich hin, es war schauerlich anzuhören. Als er das Messer wetzte, schrie der Prinz in seiner Todesangst um Hilfe. Da hörte er die Geisterstimmen im Raum, sie sangen einen lieblichen Gesang mit unbekannten Worten, der ihn sofort zum Schlafen brachte, trotz seiner Angst. Als er nach einem erholsamen tiefen Schlaf wieder aufwachte, sah er den Drachen auf dem Boden liegen, prall wie ein mit Wasser überfüllter Beutel. Der Prinz stieß ihn an, um zu sehen, ob er noch lebte, da schaukelte er auf seinem Rücken. Flugs baute er aus allerlei Seilen und Küchenwerkzeugen eine Seilwinde. Er fesselte den Drachen, der nur laut schnarchte, und hievte ihn auf einen Wagen. In einem Nebenhaus des Gebäudes fand der Prinz zwölf Pferde, die ihm dankbar die Hand leckten, als er sie befreite. Willig nahmen sie Platz vor dem Wagen mit dem Drachen, um ihn zusammen mit dem Prinzen zurück zum Hofe des Königs zu bringen.

An der Wegkreuzung angekommen, an der sie sich getrennt hatten, fing der Prinz mit seiner Linken zwei Tauben. Ihnen band er je eine kleine Papierrolle an das linke Bein und befahl ihnen, zu seinen Brüdern zu fliegen und jeweils einen Brief zu überbringen. In den Briefen hatte der Prinz geschrieben, dass er den Drachen gefangen habe, der Bruder nun die Suche aufgeben könne, denn er, Ludovic, habe den Wettstreit ganz offensichtlich gewonnen. Im Brief an Malkovic hatte er noch einen Zusatz gemacht: „Lieber Bruder, da ich deine Hilfe nicht gebraucht habe, muss ich auch keine Leibrente an dich zahlen. Dennoch kann ich dich zum Hirten über meine Ziegenherde machen, du musst keinen Hunger leiden.“

Der Prinz ruhte sich noch einmal gut aus und achtete darauf, dass der Drache nicht zu plötzlich abnähme. Morgens brach er auf und als er das Schloss erreicht hatte, befahl der Prinz den Dienern, den Drachen in Ketten zu legen und in eines der Verliese zu bringen. Da diese alle belegt waren, ließ er die Ketten an drei starke, hundert Jahre alte Bäume im Park binden.

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