Unfall – Märchen 5/7

Dann zog er zum Palast, Herolde kündigten dem König seine Ankunft an. Der König ließ ihm ausrichten, er möchte bitte in seinen Gemächern warten, bis auch der letzte Bruder zurückgekehrt war. Das gefiel Malkovic nicht, denn er war überzeugt gewesen, sein Vater würde ihm sofort das Königreich übertragen.

Wie aber war es Sankovic in der Zwischenzeit ergangen?

Sankovic ging munter pfeifend seinen schmalen Weg entlang. Er winkte den Vögeln zu, die im Gebüsch saßen und zwitscherten. Von seinem Brot gab er dem Bussard ein Stück für seine Jungen ab. Je weiter er ging, um so breiter wurde der Weg und umso heller schien das Sonnenlicht auf ihn herunter. „Potztausend“, rief er aus, „da kann ich ja meine Seifenblasen zu Ehren Gottes schillern lassen.“ Sankovic war nicht sonderlich religiös, aber er hielt es für ein Zeichen der Ehrfurcht vor dem Schicksal, dass er ab und an ein „zu Ehren Gottes“ in seine Rede einstreute. Er dachte an seine Brüder, wie es wohl ihnen ergangen war. Mittags machte er eine Rast, er saß an eine Eiche gelehnt und verzehrte die beiden Äpfel. Fünf Minuten später macht es plopp, plopp, und von der Eiche fielen zwei neue wunderschöne Äpfel herab. „Potztausend“, rief er aus, „das ist ein feines Geschenk von der Eiche, dir sei Dank“. Nach seiner Mahlzeit wurde er müde und schlief ein. Als er aufwachte, hatten sich Eichhörnchen, Marder, Feldmäuse, ein Dachs und ein Fuchs zu ihm gesellt. Sankovic lachte hell auf: „Potztausend, was für eine feine Gesellschaft! Was kann ich für euch tun?“ Die Feldmäuse liefen zu den Tüchern, in die das Brot gewickelt war und fiepten. Da nahm Sankovic das Brot und verteilte es unter den wartenden Tieren. Sie kamen näher zu ihm und er streichelte sie. „Bald muss ich weitergehen“, sagte er sich, „wenn ich noch einen Drachen finden will. Aber ich gönne mir noch fünf Minuten.“ Während er so saß und ein schönes Lied vor sich hinsummte, führten die drei Eichhörnchen ein kleines Tänzchen auf. Plötzlich machte es wieder plopp, plopp, und zwei frische, köstlich duftende Brote fielen von der Eiche. „Potztausend“, rief Sankovic abermals aus, „das ist ja hier wie im Paradies.“ Nun erschrak er, denn wenn er im Paradies wäre, hieße das, er wäre gestorben. Er kam sich aber recht lebendig vor. Wie könnte er es feststellen?

Er rief seinen tierischen Kameraden zu: „Haltet an und hört mir zu!“ Augenblicklich erstarrten sie alle und blieben in den lustigsten Verrenkungen stehen. Da mussten sie alle herzlich lachen und kugelten sich fröhlich auf der Wiese. Dann aber wurden sie still und spitzten ihre Ohren. „Hört mir zu, meine lieben Freunde, hier in diesem Wald passieren wunderliche Dinge. Da fällt das Essen von einer Eiche, von der eigentlich nur Eicheln fallen sollten. Es ist mir wie im Paradies. Ein Paradies ist natürlich wunderbar, aber es hieße dann, ich wäre tot und könnte die Aufgabe meines geliebten Vaters nicht erfüllen. Ich möchte ihn nicht enttäuschen und auch noch einige Abenteuer erleben, bevor ich in das Paradies komme. Bitte sagt mir, ob ich noch lebe oder schon tot bin!“

Der Fuchs als Mutigster trat nach vorn und sprach: „Du lebst, in deinen Adern fließt das Blut genau wie noch in meinen.“ Sankovic antwortete: „Potztausend, du kannst sprechen! Es wird mir immer wunderlicher. Aber auch das könnte doch Teil des Paradieses sein.“ Die Tiere nickten. Da kam ein keckes Eichhörnchen nach vorn: „Du könntest dich zwicken, und wenn es weh tut, bist du sicherlich nicht im Paradies, denn da gibt es keine Schmerzen.“

„Potztausend“, rief Sankovic aus, „darauf hätte ich auch selbst kommen können, das lernt man doch schon früh als Zeichen dafür, ob man träumt oder nicht.“ Er kniff sich fest in den Arm und schrie auf: „Auaaa!“ Die Tiere jubelten: „Du lebst und wir auch!“ Der junge Mann packte seine sieben Sachen zusammen und wollte sich weiter auf den Weg machen. „Dürfen wir dich begleiten?“ fragte eine Feldmaus. „Nur zu gern, folgt mir einfach, die Straße ist breit genug für uns alle“.

Während sie so fürbaß gingen, drängelte der Dachs sich an seine Seite. „Liebes Menschenkind, wie heißt du eigentlich?“

„Mein Name ist Sankovic, ich bin der kleine Bruder von Ludovic und Malkovic und der Sohn des Königs. Und wer bist du?“

„Ich bin Hermelinius, Dachs in diesem Wald in dritter Generation.“

Sankovic machte einen Diener, zog seinen Federhut und sprach: „Ich fühle mich sehr geehrt, deine Bekanntschaft machen zu dürfen!“

Hermelinius antwortete: „Das beruht ganz auf Gegenseitigkeit. Jetzt ist da aber noch eine Kleinigkeit, ich weiß nicht, ob du es gern hast, wenn man dir einen Ratschlag gibt. Manche Prinzen reagieren darauf sehr bösartig, schreien dich an ‚Ratschläge sind auch Schläge‘, und schlagen zu.“

„Nein, nein, das ist bei mir nicht so. Sprich ruhig frei von der Leber weg, wenn ich von dir lernen kann, umso besser.“

„Lieber Sankovic, ist dir noch nicht aufgefallen, dass du immer, wenn du erstaunt bist, deine Sätze mit Potztausend beginnst?“

Sankovic dachte nach. „Potztausend, du hast Recht!“ Da lachten sie beide.

Hermelinius fuhr fort: „Mein Rat an dich, versuche das einzudämmen. Vor allem wenn du jemals eine hübsche Maid treffen solltest, denn die Damen mögen Wiederholungen nicht so sehr.“

„Hermelinius, das ist ein wirklich ausgesprochen wertvoller Rat, sollte ich einmal König werden, so mache ich dich zum höfischen Ratgeber!“

Die Sonne ging langsam unter, die Gesellschaft legte sich schlafen. Die Tiere scharrten sich so um Sankovic, dass er nachts nicht frieren musste, denn nachts war es recht frisch.

Am nächsten Morgen frühstückten sie gemeinsam, der Fuchs zauberte noch ein paar frische Eier aus einer Ecke, die sie auf einem kleinen Feuerchen rösteten. Sankovic dachte „So muss ich Eier öfter mal essen!“, verteilte seine Vorräte und hoffte, dass sie ebenso erneuert wurden. Sie waren noch keine zehn Minuten aufgebrochen, als Brote, Äpfel und vieles mehr aus den Büschen sprangen.

2 Gedanken zu “Unfall – Märchen 5/7

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