Unfall – Märchen 6/7

Der Weg war mittlerweile zu einer schönen geraden Straße geworden, die Sonne schien und die Gesellschaft war fröhlich. Sankovic ging vorne weg und schickte Seifenblasen zur Sonne. Die Seifenblasen führten wunderschöne Tänze auf, kugelten und schimmerten, dass es ein Vergnügen war, ihnen zuzusehen, bevor sie auf der Erde mit einem kleinen Klingeling zerbarsten.

Ganz weit am Horizont entdeckte Sankovic ein Flimmern. Könnte das der Drache sein? Oder eine Burg, in der sie rasten könnten? Zielbewusst ging Sankovic den Weg weiter, der nun aber begann, eine Schlängelung anzunehmen. Büsche standen links und rechts, es wurde etwas dunkler, ein schönes sattes Dunkelgrün von den Bäumen und Sträuchern. Sankovic schickte Seifenblase um Seifenblase in Richtung der Sonne, wo sie das Sonnenlicht aufsaugten, etwas tiefer fielen und das Licht wieder abgaben, so dass Sankovic und seine Freunde genug sehen konnten, um nicht vom Weg abzukommen. Sankovic war so auf seine Seifenblasen konzentriert, dass er nicht sah, dass von rechts ein kleiner Weg kreuzte. Genauso wenig nahm er war, dass ein Mägdelein mit zwei Körben über der Schulter und einem großen Wasserkrug auf dem Kopf die Straße passieren wollte. Es war so Gesetz, dass Wasserträger das erste Wegerecht hatten, aber Sankovic hatte nichts bemerkte und lief genau in das Mädchen hinein. Ihre Körbe fielen auf den Boden, die Beeren kullerten über die Wiese und der Krug zerbarst. Das Mädchen blieb bewusstlos liegen. Sankovic kniete sich neben sie, sah sie an und wurde sofort gewahr, dass sie nicht nur wunderschön, sondern auch von edler Abstammung war. Er schüttelte sie sanft, um sie wieder ins Bewusstsein zu holen. Als ihm das gelang, öffnete sie ihre Augen. „Potztausend“, rief Sankovic aus, „Ihr seid die schönste Prinzessin, die ich je gesehen habe.“ Hermelinius räusperte sich.

„Woher wisst Ihr, dass ich eine Prinzessin bin?“

„Das sagt mir mein Herz, und ich hoffe, es belügt mich nicht. Mein Name ist Sankovic, ich bin der kleine Bruder von Ludovic und Malkovic und der Sohn des Königs. Ich bin untröstlich, dass du meinetwegen zu Fall gekommen bist. Wer bist denn du?“

„Ich bin Annabell, ich bin die Tochter des benachbarten Königreichs.“

„Und was machst du hier mitten im Wald, schwer bepackt mit Früchten und einem Wasserkrug?“

„In unserem Königreich ist es Sitte, dass die Prinzessinnen ein Jahr dem großen Drachen im Wald als Magd dienen, damit sie Bescheidenheit lernen.“

Sankovic holte Luft, denn er hatte den nächsten Satz mit Potztausend beginnen wollen. So aber antwortete er nur: „Das ist eine sehr gute Idee, auch junge Prinzen könnten solche Dienstjahre gebrauchen, um Bescheidenheit zu erlangen. Nun aber musst du mir sagen, ob du dir weh getan hast. Ich bin immer noch untröstlich!“

Annabell fühlte ihre Arme und Beine: „Ich bin mir nicht sicher, es tut schon weh. Ich weiß aber nicht, ob es nur blaue Flecken sind oder ich mir etwas gebrochen habe. Am besten bringt Ihr mich zu dem großen Drachen, der auch heilende Kräfte hat.“

„Selbstverständlich!“

Und so suchten er und seine Kameraden Äste und Blätter zusammen und bauten eine Sänfte für Prinzessin Annabell. Dann gingen sie in Richtung des Flimmerns, was sich als prächtiger Palast entpuppte. Sankovic lenkte Annabell von ihren Schmerzen ab, indem er ihr von seinen Eltern und seinen Brüdern erzählte und viele schöne Seifenblasen auf sie herunterfallen ließ, die Annabell jauchzend auffing. So kamen sie nach einer Stunde an dem Palast an.

Sankovic rief aus: „P…., äh, herrlich, herrlich, selten habe ich so ein schönes Gebäude gesehen“! Er betätigte den Türklopfer. Es dauerte eine Weile, dann tat sich das Tor auf. Annabell zeigte ihnen den Weg zum Thronsaal. Sie traten ein und alle standen voller Ehrfurcht vor dem großen Drachen, der aussah, als sei er aus lauter schillernden Seifenblasen zusammengesetzt. Auf seinem Haupte saß eine große, mit Diamanten geschmückte Krone. Sankovic verbeugte sich tief, wie er es bei Hofe gelernt hatte.

„Guten Tag, Majestät. Mein Name ist Sankovic, ich bin der kleine Bruder von Ludovic und Malkovic und der Sohn des Königs. Durch meine Tolpatschigkeit ist Annabell, die Prinzessin des benachbarten Königreichs, die derzeit in deinem Dienste steht, zu Schaden gekommen. Bitte lass deine heilenden Kräfte auf sie wirken, damit mein Schuldgefühl mir nicht weiter den Atem raubt.“ Dabei kniete er auf einem Knie, das andere Bein hatte er aufgestellt, seinen Kopf in leichter Demut gesenkt. Seine Kameraden knieten ebenfalls und hatten, da sie nicht von adligem Geschlecht waren, die Stirne auf den Boden gesenkt.

„Potztausend“, sprach der Drache, „das ist ja eine illustre Gesellschaft, die Ihr mir hier mitbringt! Ja, ich kenne dich, Sankovic, meine Späher haben mir berichtet, wie du deine Wegzehrung mit den Tieren des Waldes geteilt hast. Was treibt dich denn so tief in den Wald hinein?“

Während der Drache sprach, erhob er sich von seinem Thron zu seiner vollen, beeindruckenden Größe. Er schritt vom Thron hinab und ging zu Annabelle. Er legte seine Tatzen auf ihre Schulter und ließ sie in seine geschlitzten Augen sehen. „Nun, Prinz Sankovic, lass es mich wissen.“

Sankovic war die Antwort etwas unangenehm. Wie sollte er so einem großen und starken Drachen klarmachen, dass er ihn mit zu seinem Vater nehmen sollte? Und dass er außerdem vorhatte, so hatte er schon beim ersten Blick in Annabells Augen gesehen, ihm seine Magd zu entführen und zu ehelichen.

Der Drache ging zum Thron zurück, Annabell betastete ihr Arme und Beine und strahlte: „Smeraldo, es ist wunderbar, alle Schmerzen sind weg.“

„Nun, junger Mann, wann höre ich deine Antwort?“

„Ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll…“

„Ich weiß es erst recht nicht. Am besten die Wahrheit, gerade heraus!“

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