Unfall – Märchen 7/7

Sankovic druckste immer noch. „Also mein Vater und meine Mutter denken, dass wir drei Brüder zu lange tatenlos am Hofe geblieben sind und nicht so recht erwachsen werden. Daher haben sie einen Wettstreit zwischen uns Brüdern ausgerufen, sodass einer von uns sein Nachfolger werde und eine Prinzessin heiratet.“

Der Drache nickte: „Das scheint mir weise. Kinder, die zu lange zu Hause wohnen, werden nicht erwachsen und können dann keine Verantwortung tragen, so wie es ein Reich verlangt. Das wissen wir Drachen schon lange. Worin besteht denn der Wettstreit?“

„Der ist genau das Problem. Siehst du, mein Vater befahl uns, im tiefen Wald nach Drachen zu suchen. Derjenige, der den größten und stärksten Drachen heimbringt, wird dann König und darf die Prinzessin Mira aus einem benachbarten Königreich ehelichen.“

„Ist Mira eine schöne Prinzessin?“

„Oh ja, bis heute dachte ich, sie ist die schönste Prinzessin der Welt. Sie ist geradegewachsen, hat Haar wie Ebenholz, Lippen wie Kirschen so rot und eine Haut wie Samt.“

„Und was hat sich heute geändert, mein junger Freund?“

„Als ich das erste Mal in Annabells Augen blickte, da war es um mich geschehen. Ihre Augen blitzen wie meine Seifenblasen, ihr Gemüt ist fröhlich und heiter, ihr Antlitz weckt die schönsten Gefühle und Gedanken in mir. Es wäre das höchste Glück für mich auf Erden, wenn sie mein Flehen erhören würde.“ Dabei sah er Annabell an, die einer Prinzessin würdig zart errötete und ihren Blick auf den Boden lenkte.

„Wie oft hast du denn Annabell schon angefleht?“

„Noch gar nicht, ich musste ja erst dafür sorgen, dass sie wieder gesund wird.“

„Und nun möchtest du mich mitnehmen zu deinem Vater, damit du das Königreich gewinnst?“

Sankovic schüttelte energisch den Kopf. „Nein, das möchte ich nicht mehr. Ich möchte die Prinzessin Mira nicht ehelichen, denn ich wäre ihr ein schlechter Gemahl. Welche Prinzessin möchte einen Prinzen an ihrer Seite, der seufzend den Namen einer anderen spricht? Auch das Königreich ist mir, das habe ich festgestellt, im Grunde gar nicht wichtig. Die Zeit hier mit meinen Freunden ist mir teurer geworden als alle Ländereien und Goldschätze, die es am Hofe meines Vaters gibt.“

Smeraldo wiegte seinen großen Kopf hin und her. „Du hast ein gutes Herz, das gefällt mir.“ Er wandte sich zu Annabell:

„Du, Prinzessin, hast dein Jahr bei mir noch nicht vollendet. Abends zu hören, wie Ihr mir ein Lied vorsingt, mittags die Speisen zu kosten, die Ihr für mich zubereitet habt, das alles war schöner, als ich lange Zeit erleben durfte. Ihr seid eine Perle unter den Prinzessinnen. Ich habe aber in das Herz von Sankovic geschaut und wenn Ihr ihn so liebt, wie er euch, würde ich auf eure Dienste verzichten.“

Annabell hob ihren Blick. „Oh, Smeraldo, auch um mich war es geschehen, als ich in Sankovics Augen schaute, sie sind so grün und leuchtend wie Smaragde, sein Gesicht ist edel und strahlt Güte aus, er ist stark und liebevoll zu den Geschöpfen des Waldes, ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen, als mein Leben mit ihm zu teilen!“

Smeraldo überlegte, dabei stiegen wunderschöne Seifenblasen aus seinen Nüstern. Sankovic staunte über alle Maßen, wie schön so ein Drache sein kann. Zum Glück, so dachte er, ist erstens Smeraldo ein Mann und zweitens für mich unerreichbar, sonst würde ich mich glatt noch ihn in verlieben.

„Ich hätte da einen Vorschlag, Smeraldo“.

„Lass mich hören, junger Freund!“

„Dein Palast ist riesig, da ist Platz genug für dich, deine Familie und noch mehr Geschöpfe.“

„Ich habe keine Familie, Sankovic, ich bin der letzte meiner Sippe.“

„Nun, dann ist erst recht Platz in deinem Palast. Du könntest Annabell und mir einen Flügel zur Verfügung stellen und meinen Freunden hier den anderen. Im Hauptgebäude könntest du weiter wohnen. So könnte Annabell dir immer noch vorsingen und für dich mitkochen, und wir beide könnten zusammen Seifenblasen in die Sonne schicken, dass es eine wahre Freude ist. Ich würde Hermelinius, der mir sehr ans Herz gewachsen ist, mit einer Botschaft zu meinem Vater und meiner Mutter schicken, dass ich mein Glück gefunden habe und das dies nicht in ihrem Königreich liegt.

„Das ist eine gute Idee, Sankovic. Und jetzt bin ich müde und muss mich hinlegen für meinen Mittagsschlaf“. Als Smeraldo gegangen war, fielen Annabell und Sankovic sich in die Arm und küssten sich unter dem Beifall von Sankovics Freunden. Dann schrieb der junge Prinz den geplanten Brief an seinen Vater und übergab ihn Hermelinius, der sich sofort auf den Weg machte.

Nach einigen Tagen kam Hermelinius zurück und berichtete vom Hofe. Erst einmal sollte er ihm nur die besten Grüße von seinen Eltern bestellen. Der König hatte den Brief gelesen und zu den beiden Brüdern gesprochen: „Wahrlich, Sankovic ist der unter euch, der wirklich erwachsen geworden ist. Ihm steht das Königreich zu, aber er hat etwas gefunden, was ihm wichtiger ist als Geld und Macht: Liebe und Freundschaft. Das Königreich werde ich in fünf Jahren in euer beider Hände übergeben und hoffe, dass Ihr es gemeinsam so friedlich weiter regiert, wie ich das versucht habe. Die beiden Drachen lassen wir frei.“

Ludovic und Malkovic schauten sich an. Sie senkten demütig den Kopf und sprachen: „Ja, Vater“. Aber abends saßen sie zusammen und schmiedeten andere Pläne. Was daraus geworden war, wusste Hermelinius nicht, denn er kehrte zu Smeraldos Schloss zurück.

Sankovic und Annabell heirateten, wenige Monde später schloss Smeraldo auf immer seine Augen. Er hatte sein Lebensziel erreicht, nämlich würdige Bewohner für sein Schloss gefunden, und er konnte in Frieden gehen. Sankovic, die Prinzessin seines Herzens und alle ihre Freunde, die täglich mehr wurden, füllten das Schloss mit Gesang, Seifenblasen und vielem mehr bis an das Ende ihrer Tage.

 

 

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