Es (1/4)

Es war ein Es und schon als Es geboren worden. Wenn die Mutter während der Schwangerschaft gefragt wurde: „Was wird es denn?“, antwortet sie wahrheitsgemäß: „Keine Ahnung, wir haben dazu keine Informationen.“ Oder „Wir wissen das nicht, wir wollen dies auch erst mit der Geburt erfahren.“

Aufmerksamen Zuhörern hätte auffallen können, dass die Mutter sorgfältig ein gewisses Wort vermied. Es fiel aber niemandem auf. Vor allem nicht, da die Gespräche zwischen Mutter und Vater, so sie dann von Freunden, Bekannten oder Verwandten überhört wurden, ganz normal klangen.

„Sollen wir für es eine Wiege kaufen oder soll es erst bei uns im Bett schlafen?“

„Diese Wickelkommode ist gut, sie hat unten eine Kante, damit es nicht herunterfallen kann, das süße kleine Baby.“

Denn darüber waren sich die Eltern schon im Klaren: Es würde einmalig süß sein, sie würden Es sofort lieben und hegen und pflegen, bis Es erwachsen war.

Die Eltern bestanden auf einer Hausgeburt, eine Hebamme sei nicht nötig. Das gab rechtes Aufsehen, denn das fanden alle sehr unverantwortlich. Einige Verwandte sahen sich gemüßigt, das Ordnungs- oder Jugendamt und die Polizei einzuschalten, aber diese wiesen die Verantwortung weit von sich. „Es gibt in diesem Land keine Unterdrückung der Bürger, hier darf jeder wählen gehen, Impfpflicht wird nur diskutiert. Einen Personalausweis muss man zwar haben, aber man muss ihn nicht ständig bei sich tragen. Und es gibt auch keine Pflicht zu irgendwelchen zwangsanwesenden Geburtshelfern.“

Der Geburtstermin rückte näher, die Eltern besuchten brav alle Kurse von Hebammen, Beratern und Ärzten. Sie fühlten sich dem Tag gewachsen.

Wie die Geburt wirklich vonstatten ging, blieb unbekannt. Die Eltern gaben keinerlei Auskunft. Auf die Frage: „Was ist es denn geworden?“ antworteten sie gleichbleibend fröhlich: „Es ist ein gesundes Kind, wir sind überglücklich!“ Da fanden es alle taktlos nachzufragen. „Wir müssen einfach auf die Geburtsanzeige warten, wenn sie nicht drüber reden wollen.“ Die Geburtsanzeige auf den Namen Alex Kirschmeier stellte alle zufrieden.

„Also doch ein Junge, wobei mir Alex auch besser gefällt als Alexander, das klingt so gewaltig. Alex ist ein sympathischer Jungennamen. Nun wissen wir wenigstens, was wir dem Kleinen zur Taufe schenken können.“

„Endlich hat das Getue ein Ende, es ist ein Mädchen geworden! Die kleine Alexandra, mal sehen, ob sie so hübsch ist wie ihr Name.“

Bei Formularen war das nicht so einfach. Mutter und Vater Kirschmeier hatten sich ein nach Wunsch aufrufbares Nuscheln angewöhnt und ein Kopfnicken, das man entfernt als geistesabwesend bezeichnen könnte, zumindest im Nachhinein. Sie hatten Glück auf den Ämtern, mal erschien Alex als Mädchen auf dem Formular, ein andermal als Junge. Aber es beschwerte sich niemand. „Was wird sein,“ meinte Herr Kirschmeyer eines Abends zu seiner Frau, „wenn Es später selbst einmal gefragt wird nach dem Geschlecht?“ Seine Frau zuckte mit den Schultern. „Warum sollten wir uns heute darüber Gedanken machen, heute fragt niemand Es danach.“ „Stimmt, wir vertagen das.“

Alex war ein ausgesprochen hübsches Kind. Goldene Löckchen, schokoladenbraune Augen, ein fröhliches und heiteres Gemüt, aufgeweckt für sein Alter. Es war überall gerngesehen. Als Es eingeschult wurde, kam die unvermeidliche Frage nach dem Geschlecht. „Alex, das ist doch eindeutig, oder?“ So war es, und jeder trug ein, was er gerade für eindeutig richtig hielt.

Alex selbst war sich dessen gar nicht bewusst, dass Es etwas Besonderes war. Es spielte wie alle Kinder, gern mit Puppen, gern mit Autos, am PC war Es recht schnell fit, aber wer ist das heute nicht? Beim Sport- und Schwimmunterricht galt Alex als ein wenig zurückgeblieben und prüde, da Es sich immer mit dem Rücken zu den anderen Schülern umzog. Manchmal fragte Es seine Eltern, warum Es so anders sei als alles, was es an Menschenbildern gesehen habe. Seine Mutter streichelte ihm liebevoll über den Lockenkopf: „Weil du etwas Besonderes bist.“ „Ach so“, war die Antwort, dann. Es hinterfragte nicht, was seine Eltern sagten. Alex war ein braves Kind, Alex war klug und ging deshalb aufs Gymnasium. Als Es in die Pubertät kam, erwarteten Mitschüler und Mitschülerinnen auf ein Zeichen einer Orientierung, damit sie Es einordnen konnten. Die Mädchen schwärmten von Alex: „Er sieht so gut aus, sein Lächeln geht einem durch und durch, sein männlicher Blick lässt mir die Knie weich werden!“ Die älteren Jungs waren sich einig: „Alex ist eine heiße Nummer, ihr sanfter Blick allein zeigt doch, wie sie voller Weiblichkeit ist, jetzt schon.“

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