Es (3/4)

Alex nickte mit dem Kopf, natürlich hatte Es schon von den Wesen hört, die, so hieß es, ihre Form verändern konnten, so komplett, dass sie zu anderen Wesen wurden.

„Du bist ein Gender Shifter. Du kannst jedes Geschlecht annehmen, das du möchtest, oder aber Es bleiben.“

Es schüttelte den Kopf. „Das möchte ich nicht. Ich sehe doch bei Gleichaltrigen, welche Probleme so ein Geschlecht aufwirft. Bin ich etwa ein drittes Geschlecht?“

„Nein“, sagte der Vater, „das bist du nicht und lass dir das nicht einreden.“

Es ging grübelnd in sein Zimmer zurück. War das nun ein Glück oder ein Unglück? Es las in alten Mythen, aber fand nichts über sich. Nichts in Sagen, Märchen, Legenden oder Minnegesängen. Die Schule wurde schwierig, nicht etwa wegen seiner schulischen Leistungen, die waren sehr gut. Aber Es wurde komisch angesehen: immer noch keine Freundin, kein Freund, keine eindeutigen Zeichen. So ein geschlechtsloses Wesen? Es wurde mehr und mehr getuschelt und gelacht. Es bat daher seine Eltern eines Abends, die Schule wechseln zu dürfen. Und so geschah es. Unter der allgemeinen Klage „Mobbing“ konnte Es die Schule zwei Jahre vor dem Abitur wechseln. Bis zum Abschluss ging es gerade noch durch, weil Es sich ein Attest für den Sportunterricht ausgestellt hatte. Alex war sehr gut im Fälschen offizieller Dokumente.

Alex wollte Psychologie, Mathematik oder Geographie studieren. Warum nicht alles zusammen?, fragte sein Vater. „Du bist etwas Besonderes, also enge dich nicht ein.“

Es schrieb sich in Bielefeld in Psychologie ein. Nach zwei Semestern ging auch hier das Getuschel los, also wechselte es nach Göttingen, um dort Mathematik zu studieren. Nach vier Semestern rückten ihm im Studentenwohnheim sowohl die Studenten als auch die Studentinnen zu nahe. Es wechselte nach Hamburg, um dort Geographie zu studieren. Das hielt nicht lang, denn unglücklicherweise verliebte sich ein Professor unsterblich in Es. Das allein wäre noch nicht so schlimm gewesen, aber seine Frau hatte ebenfalls ein Auge auf Es geworfen. So ein junger fescher Bursche! Das Paar geriet daraufhin in einen stundenlangen Streit, weil jeder Alex für sich reklamierte. Sie wollten Alex am nächsten Tag zur Rede stellen. Aber Es war hellhörig und verschwand über Nacht. Kein Abschluss in der Tasche, drei Fächer anstudiert, das war keine Grundlage.

Es ging zu einem Psychologen in Behandlung, weil Es nicht mehr weiter wusste. Dieser riet ihm nach drei Sitzungen, seine sexuelle Identität herauszufinden, sonst käme es im Leben nie weiter. „Aber ich brauche meine sexuelle Identität nicht zu finden, ich habe sie, ich bin Es!“

„Es gibt es nicht. Es gibt Männer, Frauen und auch Asexuelle. Das ist unabhängig davon, ab man heterosexuell, homosexuell, bisexuell oder Transgender ist. Jeder hat eine Grundsexualität.“

Alex betrachtete gelangweilt seine Fingernägel. Es hatte selbst genug Psychologie gelernt, um zu erkennen, dass dieser Mann seine Begriffe nicht korrekt verwendete.

„Ach ja? Und was soll ich Ihrer Meinung nach tun?“

„Ich bin Psychologe, kein Ratgeber. Was Sie tun sollen, müssen Sie selbst herausfinden. Ich begleite sie, ich bin kein Leiter.“

„Ich brauche keine Leiter.“

Der Psychologie starrte Alex an. Was sollte das jetzt?

Alex dachte: „War ja klar, der hat keinen Humor.“

„Haben Sie schon mal von Gender Shiftern gehört?“

Der Psychologe schüttelte den Kopf, „Das klingt nach Unsinn aus einem Science Fiction. Was soll das sein?“

„Menschen, die auf Wunsch ihre Sexualität ändern können.“

„Das sind doch Bisexuelle“.

„Nein. Bisexuelle fühlen sich mit beiden Geschlechtern sexuell verbunden, Gender Shifter ändern ihr Geschlecht.“

„Das sind Transgender!“

„Nein, nein, Gender Shifter machen das mehrmals und ohne Hormone oder Operationen.“

„Ich sage doch, Science Fiction Unsinn. Finden Sie Ihre sexuelle Identität heraus und dann machen wir einen neuen Termin.“

Alex verließ die Praxis wortlos. Es glaubte mittlerweile auch nicht mehr, dass seine Eltern mit der Bezeichnung „Gender Shifter“ bei ihm richtig lagen. Es hatte eines Nachts versucht, sich als Frau zu fühlen, dann als Mann, aber Es fühlte sich nun einmal einfach und schlicht als Es.

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