Es (4/4)

Alex beschloss seine drei Studien in Fernlehrgängen zu beenden, was Es parallel in weiteren sechs Semestern schaffte. Da saß Es nun mit einem Master in Psychologie, einem Bachelor in Mathematik und einem Bachelor in Geographie. Den Master hatte Es für die Prüfer als Frau abgelegt, die beiden Bachelorprüfungen als Mann. Es stellte fest, dass Fernstudien ein einsames Leben bedeuten. Seine Eltern waren mittlerweile schon alt geworden, war seine Mutter bei seiner Geburt doch schon einundvierzig Jahre und sein Vater dreiundfünfzig Jahre alt gewesen.

Es beschloss in die weite Welt zu ziehen, um ein anderes Es zu finden. Einen Menschen, der ähnliche Erfahrungen gemacht hatte wie Es, mit dem Es sich austauschen konnte. Jahrelang zog Es so von Land zu Land, seine Eltern waren mittlerweile verstorben. Auch die alte Hexe, die seinen Eltern den Fruchtbarkeitstrunk übergeben hatte, war entweder tot oder in eine andere Ecke des Universums verzogen. Es war ganz allein. Sein Geld verdiente Es sich mit Büchern: psychologischen Ratgebern, Lernheften zu Mathematik und kleinen Reiseführern.

Auf einem Teebeutelanhänger hatte Es einen Spruch gelesen: „Gibt es denn eine Welle, die für sich allein ist im Weltenmeer?“ Es folgerte, dass der Autor die Antwort erwartete: „Nein, das gibt es nicht und – nach einer Denkpause – deshalb bin auch ich nie allein.“ Der Verfasser kannte offensichtlich kein Es, sonst hätte er so etwas Dummes nie gesagt. Aber der Spruch beschäftigte Es. Vielleicht war es selbst so eine kleine Welle, dass Es die großen Wellen um sich herum gar nicht wahrnahm? Auch das brachte Es der Lösung nicht näher.

Als das Es über sechzig Jahre alt war, konnte Es wieder häufiger unter Menschen gehen, da man Es nicht ständig damit bedrängte, ob Es nicht endlich eine Familie gründen wollte. Familie? Es zuckte mit den Schultern, was würde ihm das bringen? Und wie vermehrt sich ein Es, das kein Gender Shifter ist? So viele Fragen, so wenige Antworten! Manchmal war Es verzweifelt. Manchmal zürnte Es den Göttern, wobei Es sich gleichzeitig gar nicht sicher war, ob es sie überhaupt gibt. Und waren diese, falls es sie gab, männlich, weiblich oder eslich? Es wehrte sich gegen den Begriff sächlich für ein Es.

Es fühlte sich sehr allein. Wann immer Es versucht hatte, mit anderen Menschen engeren Kontakt zu pflegen, kam die Frage irgendwann auf das Geschlecht. Es gab keine Antwort darauf, aber Es war auch nicht gern allein. Manchmal saß Es auf einer Bank des Spielplatzes im Park und beobachtete die kleinen Kinder, die glücklich auf dem Rasen spielten. Sie hatten es einfach, sie waren Jungen oder Mädchen. Sie würden, wenn sie es geschickt anstellten, niemals einsam sein.

Manchmal tuschelten die Mütter über Es und warfen ihm merkwürdige Blicke zu. Einmal kam ein Vater, baute sich vor ihm auf: „Sie beobachten wohl gern kleine Kinder, sie alter notgeiler Mann? Gehen Sie fort von hier und belästigen Sie unsere Kinder nicht weiter.“

Das alte Es stand traurig auf und ging heim. Auf dem Heimweg hatte Es den Eindruck, ihm folgte jemand. Der wütende Vater, wollte er ihn vielleicht zusammenschlagen? Es bekam Angst, denn Es fürchtete sich vor körperlichen Auseinandersetzungen, Schmerzen, Verletzungen, vielleicht dem Tod. Es konnte aber niemanden sehen.

Als Es nach Hause kam, setzte es sich erschöpft auf sein Sofa. Das Leben als Es war so anstrengend. Es war müde, Es humpelte zum Herd, um sich einen Tee zu kochen. Dann überprüfte Es online sein Konto. Oh, das sah gut aus, der Ratgeber „Sei du selbst“ verkaufte sich prächtig, in den nächsten Jahren musste Es keine finanziellen Sorgen haben, wenn Es ein wenig vorsichtig haushaltete.

Da klingelte es an der Tür. Es bekam eine Gänsehaut, hatte der Vater einen Trupp wütender Nachbarn zusammengetrommelt, um Es zusammenzuschlagen? Es humpelte zur Tür und sah durch den kleinen Sehschlitz. Da war niemand, schon gar nicht ein Trupp. Es öffnete die Tür. Da stand ein kleiner Junge, vielleicht zehn Jahre alt und schaute ihn an.

„Was willst du?“

„Ich bin so allein, und irgendwie fühle ich mich dir so nahe.“

Das Es war erstaunt. Was für eine altkluge Wortwahl. Oder war der kleine Junge vom Mob vorgeschickt, die sich gleich auf Es stürzen wollten, um das Leben aus ihm herauszuprügeln, sobald Es den kleinen Jungen hereinbat.

„Wie heißt du denn?“

„Ulli.“

Das Es schaute nach links, schaute nach rechts, da war niemand zu sehen. Ein bisschen Gesellschaft bei einer Tasse Tee wäre wunderbar, auch wenn es ihn vielleicht die Gesundheit oder das Leben kosten würde.

„Wissen deine Eltern, dass du hier bist?“

Ulli schüttelte den Kopf.

„Du solltest ihnen Bescheid geben.“

„Sie vermissen mich nicht, sie sind froh, wenn sie mich nicht sehen.“

„Aber wie das denn?“ Mitleid zerriss fast Alex‘ Herz. „Du bist doch so ein anständiger netter Junge, wie können sie die nicht sehen wollen?“

Ulli schüttelte den Kopf. „Ich bin kein anständiger netter Junge.“

Alex rührte in seinem Tee. „Nicht? Bist du ein Schläger? Ein Lügner?“

Ulli schüttelte den Kopf erneut. „Ich habe dich im Park gesehen und dachte irgendwie, du verstehst mich. Ich bin kein Junge, meinte ich.“

Da verstand Es die Botschaft, ging in die Küche und kochte einen großen Topf Kakao für sie beide.

 

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