Joghurt und Ratgeber

Vor vielen Jahren besaß ich ein rechteckiges Plakat im DIN A2-Hochformat mit neun Diagrammen: drei pro Reihe und drei pro Spalte. Die Hintergrundfarbe war schwarz, die Diagramme waren in Weiß gehalten.

Jedes Teildiagramm zeigte einen Joghurtbecher im Querschnitt. Der erste Joghurtbecher war einfach: ebener Boden, gerade Wände. Der Preis betrug eine Mark. Wobei ich hier raten muss, denn ich weiß den Preis nicht mehr.

Das Diagramm des nächsten Bechers im Querschnitt war dem ersten sehr ähnlich mit dem Unterschied, dass der Boden leicht nach oben gewölbt war, der Preis war etwas höher, sagen wir einmal eine Mark und zehn Pfennige. Das Volumen, das war offensichtlich, war kleiner geworden.

Der dritte Becher sah fast aus wie der zweite, nur war der Durchmesser des Bodens kleiner, die Wände nach unten konisch verengt. Der Preis betrug eine Mark und zwanzig Pfennige.

So ging das weiter, bis in der letzten Reihe der rechte Becher durch verschiedene Tricks der Gestaltung das geringste Volumen und den höchsten Preis hatte.

Der Titel des Plakats war „Die Entwicklung des deutschen Becherjoghurts“.

Lange hatte ich dieses Plakat an der Wand hängen, ich fand das enorm witzig und treffend. Übrigens teilte nicht jeder meiner Besucher meine Ansicht, woraus ich damals schon messerscharf schloss: Humor ist nicht immer gleich und es gibt auch Menschen, die zwar lachen können, aber keinen Humor haben.

So hing das Plakat, bis die Ecken irgendwie ausgefranst waren. Da habe ich es von der Wand genommen und vorsichtig und liebevoll in eine große Mappe aus starker Pappe gelegt. Ich habe es nie wieder aufgehängt, nach einigen weiteren Jahren habe ich es entsorgt. Ich war schon vor dem Zeitalter des Loslassens sehr gut im Entsorgen von Überflüssigem. Hätte ich damals ein Buch übers Loslassen geschrieben, wäre ich jetzt sicher reich.

Vermutlich habe ich das Buch deshalb nicht geschrieben, weil ich diese geniale Idee des Entsorgens und Aufräumens nicht erfunden habe. Ich weiß nicht, ob meine Mutter mir da ein Vorbild war oder ob ich es automatisch von ihr übernommen habe. Auf jeden Fall steht ihr in meinem Leben der Preis für die Erfindung des Loslassens zu. Warum hat sie kein Buch darüber geschrieben? Ein bisschen Reichtum hätte uns damals sicher nicht geschadet.

Meine Schlussfolgerung könnte sein, dass weder meine Mutter noch ich Lust hatten, über Selbstverständlichkeiten zu schreiben. Jeder kann loslassen, es ist ein bisschen Veranlagung, ein bisschen „Erziehung“ (meine Geschwister sind da keineswegs so krass wie ich), man sieht es überall, wenn man die Augen offenhält.

Aber hier ist mein Denkfehler. Ich sollte endlich beginnen, Ratgeber über Selbstverständlichkeiten zu verfassen. Obwohl ich gelegentlich denke, dass es jetzt zu spät ist. Nicht, weil ich denke, ich könnte das nicht schreiben oder ich sei zu alt dazu. Nein, die Lösung ist ganz einfach: Wenn ich mich im Buchhandel umsehe, so gibt es für Selbstverständlichkeiten mindestens schon zwanzig Autoren und Autorinnen, die dieses Thema bereits abgehandelt haben. Wie zum Beispiel auch den Humor, den man in Kursen und Büchern erlernen kann.

Leider weiß ich noch nicht, wie sich dieses Thema in ein graphisch ansprechendes Plakat umsetzen lässt. Das Plakat würde den Titel tragen: „Die Entwicklung des deutschen Ratgebertums“ und mit einer Selbstverständlichkeit beginnen, die auf zehn Seiten erklärt wird und zwei Euro kostet. Am Ende in der letzten Reihe ganz rechts steht eine halbe Selbstverständlichkeit, die verteilt auf zehn Bände mit je fünfhundert Seiten plus einem Coaching-Wochenende zum Subskriptionspreis von eintausend sechshundertneunundachtzig Euro angeboten wird.

 

 

4 Gedanken zu “Joghurt und Ratgeber

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