Ehrenrettung von man, kann und aber (2/3)

Kann ist eigentlich auch ein unnützes Wort, denn wir können alles. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, ha! Schönes Beispiel, das ich lange selbst benutzt habe: Wenn meine Freundin mir sagt: „Also ich könnte nicht wie dieser Flitzer nackt über die Domplatte laufen“ oder „Ich kann das meiner Mutter nicht sagen, sie bricht dann zusammen!“, belehre ich sie sofort: „Natürlich kannst du das: Du kannst dich nackt ausziehen, du kannst auf die Domplatte gehen und dort herumlaufen. Du willst das aber nicht, weil du Schamgefühle hast zum Beispiel. Und du hast einen Mund, dein Sprachapparat ist intakt, du kannst sprechen, nur du willst deiner Mutter das nicht sagen, denn du möchtest nicht, dass sie zusammenbricht.“ Im Grunde, so meine These, gibt es nichts, was ich nicht kann, außer den Dingen, die mir von der Natur verwehrt sind: Ich kann mit über sechzig Jahren keine Balletttänzerin werden, die am Staatstheater tanzt (ganz abgesehen davon, dass ich das auch nicht will 😉 ), ich kann nicht fliegen ohne Flugzeug. Wobei: Wo ein Wille ist, ist doch ein Weg? Es gibt Menschen, die sich auf dieses können-wollen-Thema so stark einlassen, dass sie wirklich behaupten, ich könnte fliegen, wenn mein Wille nur stark genug wäre. Okay, ich lebe also weiter mit diesem schwächlichen Willen. Ansonsten sollte jeder Mensch, statt „ich kann / ich kann nicht“ sagen: „ich will / ich will nicht“. Ha, welche Erkenntnis! Klar, ich mache mich jetzt darüber ein wenig lustig, ziehe das in den Kakao, aber weise noch einmal darauf hin, dass ich selbst eifrige Verfechterin dieser These war. Aber (ha!) das Leben hat mich Dinge gelehrt… und ich habe sie annehmen können (und wollen, ha!).

Man ist eines der schlimmsten Wörter überhaupt, jawohl! Es nimmt das Persönliche aus der Sprache und macht zur Regel, was ich eigentlich nur persönlich denke. „Man sollte sich nicht über dumme Dinge ärgern.“ Richtig. Und warum soll ich sagen: „Ich sollte mich nicht über dumme Dinge ärgern, du solltest dich nicht über dumme Dinge ärgern, wir ärgern uns jetzt nicht mehr über Dummheiten.“? Schauen wir nach England, da gibt es dieses selbstverständliche „man“ nicht. „One shouldn’t be annoyed…“, ja, ja, es ist aber nicht so häufig vorzufinden wie im Deutschen, eher heißt es „You shouldn’t be annoyed…“. Daraufhin können wir jetzt lange überlegen, was am deutschen Menschen so schlimm ist, dass er ständig verallgemeinert, statt so nett persönlich zu sein. Eine interessante Frage, genau wie es durchaus interessant ist, sich zu überlegen, warum es Sprachen ohne Passivkonstruktionen gibt. Statt „Ich wurde von meinem Vater begrüßt“ sagen diese Menschen immer „Mein Vater begrüßte mich“. Lässt sich das nicht so einfach umformen wie in „Ich wurde gesehen“, wo kein Handelnder erkennbar ist, müssen umständliche Konstruktionen herhalten (dies ist beispielsweise in der westafrikanischen Sprache Ewe der Fall). Das ist wirklich interessant, aber (ha!) ich halte es auch für gefährlich, daraus laienpsychologische Interpretationen abzuleiten.

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