Ehrenrettung von man, kann und aber (3/3)

Jahrelang habe ich also kann, man und aber vermieden. Mittlerweile bin ich wieder zurückgerudert. Wenn eine Sprache gewisse Wörter enthält, so darf ich mit Sicherheit davon ausgehen, dass sie einen sinnvollen Platz haben und etwas Eigenes ausdrücken. Man (ha!) darf sich dann fragen, was wohl damit ausgedrückt werden kann (ha!), aber (ha!) nicht jeder hat die Zeit dazu. Peng, alle drei bösen Wörter in einem Satz!

Wenn Rauchen im Restaurant verboten ist, kann ich einem rauchenden Gast sagen: „Sie dürfen hier nicht rauchen“ oder „Man darf hier nicht rauchen.“ Wäre ich der rauchende Gast, so würde ich eindeutig die „Man“-Form bevorzugen, denn sie pickt mich nicht als einzigen Übeltäter heraus, sondern sagt: Das ist hier eine allgemeine Regel, gilt nicht nur für dich allein.“ Wie dumm klingt es denn bitteschön, wenn die Kellnerin zu mir sagt: „Wir dürfen hier nicht rauchen.“ Na super, möchte ich mich denn mit der Kellnerin verbrüdern? Und wer ist „wir“? Meint sie „Wir, die Belegschaft hier“ oder „Wir, alle Anwesenden?“ Das Wörtchen „man“ ist in diesem Zusammenhang zurückhaltender und auch deutlicher.

Wenn ich sage „Einen Regenwurm aufheben, nee, das kann ich nicht!“, ist das eine kräftige Aussage. Jedermann weiß, dass ich eine Hand mit fünf Fingern habe, die in ihrer Beweglichkeit durchaus dazu ausreichen, einen Regenwurm zu fassen, anzuheben und vorsichtig von der Straße in den nächstgelegenen Garten zu transportieren. Sage ich nun aber (ha!), „Ich will den Regenwurm nicht aufheben“, würde das zu Rückfragen führen. „Warum willst du das nicht? Hast du eine Handverletzung?“ „Nein, ich will das nicht, weil ich mich vor dem Wurm ekle.“ „Ach so, danke für die Erläuterung.“ Ja, das ging schnell. Sage ich „Ich kann den Wurm nicht aufheben!“ wird doch in entsprechender Situation kein normaler Mensch (der nicht Trainer oder Coach ist) altklug seine Stimme erheben: „Natürlich kannst du das, du hast eine Hand, du hast Finger. Aber du willst den Wurm nicht anheben, weil du dich – vermutlich wie viele andere Menschen auch – davor ekelst“. Ein „Ich will den Regenwurm nicht aufheben“ ist aber durchaus etwas anderes, denn es könnte ja sein, ich finde ihn auf der Straße hübscher? Ich mag den Sprachgebrauch auch nicht aus seinem Kontext reißen, denn es gibt ungeschriebene Regeln, die jeder versteht.

Und dann das Hammervermeidungswort „aber“. Ich wüsste so auf Anhieb keine Sprache, die das „aber“ nicht enthält (ich lasse mich da gern belehren, ich habe ja nicht alle Sprachen dieser Welt erlernt). Daraus schließe ich jetzt messerscharf, dass dieses Wort für die Verständigung durchaus notwendig ist. Natürlich sage ich meiner Freundin nicht „Das Kleid ist schick, aber an dir sieht es scheußlich aus“. Da liegt der Fehler aber (ha!) nicht im Gebrauch von aber, sondern in meiner hässlichen Denkweise über meine Freundin. „Das neue Kleid ist schick, aber ein weißer Gürtel sähe besser dazu aus.“ Laut Trainer-Ideologie mache ich der Freundin mit dem „aber“ das Kleid komplett mies, weil ich alles, was vor „aber“ steht, durch das „aber“ negiere. Nö, tue ich nicht. Ich schränke ein. Und wenn meine Freundin nicht gerade einen Train-the-Trainer-Kurs besucht hat, der sich in solchen Spitzfindigkeiten verliert, wird sie das auch richtig verstehen: als meinen Versuch, das schöne Kleid für sie noch besser aussehen zu lassen. Natürlich würde ich einer Nachbarin, die ich nicht so gut kenne, nur sagen: „Ihr neues Kleid ist schick!“. Einfach deshalb, weil mir der Anstand verbietet, meiner Nachbarin Ratschläge zu geben, die die persönliche Distanz unterschreiten.

Mittlerweile vermeide ich „kann“, „man“ und „aber“ nicht mehr (krampfhaft). Meine beste Freundin ist immer noch meine beste Freundin, auch wenn ich ihre Sachen gelegentlich mit einem „aber“ versehe, wie sie das bei mir auch macht. Ohne dass ich ihr einen Vortrag über „aber“ halte.

Wörter, die es gibt, haben eine Funktion und sind Teil der Sprache. Es gibt Wörter, die aussterben, weil sie nicht mehr benötigt werden. Wer „man“, „kann“ und „aber“ ausmerzen möchte, sollte sich vielleicht einmal Gedanken darüber machen, dass Sprache nicht schwarz und weiß ist, dass manche Wörter Nuancen bringen, die nicht so negativ sein müssen, wie ein willkürlich ausgewähltes Beispiel denken lässt. Ja, dass sie sogar Vorteile bringen.

Wobei ich es durchaus für sinnvoll halte, einmal über diese Dinge nachzudenken, über den Gebrauch von “kann“, “man“ und “aber“ und sie vielleicht in dem einen oder anderen Zusammenhang einmal zu überdenken, eher wohl im Schriftlichen. Es gibt auch Menschen, ohne Zweifel, die sich hinter zahlreichen „man“ verstecken, weil sie unbemerkt ein Regelwerk aufstellen wollen. Aber (ha!) wer nicht vollends auf den Kopf gefallen ist, merkt das auch, ohne die „man“ im Satz abzuzählen.

Ich greife noch einmal ein Beispiel von oben auf: „Du hast ein schönes Kleid an, Marlies. Mir würde es besser stehen“ finde ich keinesfalls schonender als „Du hast ein schönes Kleid an, aber mir würde es besser stehen.“

Der Zusammenhang macht die Musik. 😉

 

 

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