Ritter Seyfried (1/3)

Ritter Seyfried

Seyfried war der jüngste von fünf Brüdern. Seine älteren Brüder Laurentz, Schultheß, Gallus und Moriz waren eher klein, dafür kräftig gebaut. Seyfried war groß und schlank, schon als kleiner Knabe. Seine Brüder liebten wilde Spiele, neckten die Hunde am Hof mit grausamen Scherzen und erzählten sich eine Zote nach der anderen. Sie konnten es kaum erwarten, bis sie in Rüstung gekleidet zum Kampf ziehen konnten, und sei es nur der alte Ziegenbock aus dem Nachbardorf, dem sie die Kehle durchschneiden wollten, oder die Bauern, die sie mit wildem Gebrüll und fuchtelnden Schwertern über die Felder jagten. Wehe, wenn einer vor die Hufe der Pferde geriet!

Seyfried duldeten sie, weil er keine Konkurrenz und der Liebling ihrer Mutter war, eine der wenigen Menschen, vor denen sie Respekt hatten. Keiner am Hofe mochte sich jedoch ausmalen, was einmal passieren würde, falls die Eltern stürben und die Knaben allein blieben. Zu den Dienstboten war Seyfried freundlich, daher beteten sie in der Kapelle, dass seinen Eltern ein langes Leben beschieden sei.

Gerne spotteten seine Brüder über ihn. Obwohl er schon mit zehn Jahren einen Kopf größer war als sie, konnten sie ihn mit einem Stoß mit der Faust umstoßen. „Ein Taugenichts“, so sprachen sie untereinander, während Seyfried im Schneidersitz in der Bibliothek seines Vaters saß und seine Zeit mit Lesen verbrachte, was ihm ein Mönch beigebracht hatte.

„Lesen“, gröhlte Laurentz, „das fehlt mir noch, dass ich einen solchen Quatsch lerne!“

Seyfried war ein wenig altklug und gab gerne an. Seine Mutter warnte ihn davor, „Junge, Junge, das wird eines Tages dein Untergang sein.“ Bei Tisch hob er gelegentlich an und erzählte Dinge wie „Anfangs wurden Rüstungen nur aus natürlichen Produkten gefertigt: Baumrinde, Fell, Knochen, Fellteile.“ Seine Brüder verdrehten die Augen. Moritz fiel ein: „Ach ja, und wofür ist eine Rüstung überhaupt gut?“ Seyfried wusste sofort die Antwort: „Später wird man Rüstungen eine historische Schutzbekleidung nennen, die ihren Träger in erster Linie vor Waffeneinwirkung und Verwundungen bewahren soll.“

Seine weiteren Worte gingen im Gebrüll der Brüder unter. „Kommt“, rief Gallus, „Ich bin’s leid, diesem Unsinn zuzuhören, durch’s Dorf zieht ein Wolf, lasst ihn uns jagen. Und ein paar Dorfdeppen schnappen wir uns auch noch.“ Ihre Mutter strich Seyfried durch das blond gelockte Haar, was nur ging, wenn er saß, denn er überragte auch sie bereits um mehr als eine Kopflänge. „Ärgere deine Brüder nicht, sie sind wie sie sind – genau wie du bist, wie du bist.“

„Schade, Mutter, das Thema Rüstungen ist wirklich hochinteressant. Denkst du, Ihr habt genug Taler zusammen, um uns allen einen Plattenharnisch aus Metallplatten oder besser noch aus Ringen zu finanzieren?“ „Da musst du deinen Vater fragen.“

Seyfried nickte ernst. „Es ist schade, dass meine Brüder die Rüstungen nur tragen, aber nichts über ihre Entstehungsgeschichte wissen wollen. Es ist eine solche Bereicherung!“ Seyfrieds Wangen röteten sich leicht, während er begeistert erzählte: „In Assyrien und Chaldäe trugen die Soldaten bereits mehrere Jahrhunderte vor dem Herrn einen hemdartigen Panzer, dessen Metallschuppen auf Büffelhaut genäht waren. Und stell dir vor, noch viel früher gibt es bei den Ägyptern bereits Arm- und Beinschienen aus Bronze!“

„Junge, woher weißt du das alles, steht das in deinen Büchern?“

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