Ritter Seyfried (2/3)

Seyfried zögerte. Er konnte seiner Mutter schlecht die Wahrheit erzählen, dass er nämlich jeden ersten Tag des vollen Mondes Besuche einer kleinen Fee bekam. Beide erzählten sich die spannendsten Dinge, die Fee wusste soviel von dem, was er nicht einmal erahnte. Oder wie hätte er sonst wissen sollen, dass die Griechen in alten Zeiten schon bronzene Brust- und Rückenpanzer besaßen? Dass auch die Rüstungen der römischen Gladiatoren aus verschiedenen Teilen bestanden? Manchmal brachte sie Abbildungen auf Stein mit, die für ihre zarte Figur eigentlich zu schwer waren, aber sie schwebten mit ihr. Da konnte man römische Heerführer, Konsulen, Imperatoren usw. in Prunkrüstungen bewundern, die, aus Eisenblech geschmiedet, dem Körper angepasst und mit Reliefs, Vergoldung und sonstigem Zierrat versehen waren.

Wenn die Fee auf ihrem Goldstrahl in Seyfrieds Zimmer kam, so konnten sie beide bis zum Morgengrauen auf diesem Strahl verreisen. Häufig ging es an das Ufer eines versteckten kleinen Sees, wo niemand sie störte, denn die Natur schlief. Seyfried verstand nie, warum die kleine Fee ihn so ins Herz geschlossen hatte, denn er war hässlich und groß, nicht so schön stark wie seine Brüder mit Beinen wie Baumstämmen, flacher Nase, roter Gesichtsfarbe und kräftigen gelben Zähnen, die das Fleisch aus dem Gebratenen reißen konnten.

Laurentz, Schultheß, Gallus und Moriz verbrachten Stunden damit, sich auszumalen, was für eine Rüstung sie bekamen, wo das Wappen hinkäme, ob Topfhelm mit Sehschlitz oder Visir. Sie waren sich dessen bewusst, dass die Ringe geschmiedet und genietet waren, weshalb die Ringelpanzer wegen ihrer aufwendigen Herstellung zu den kostbaren Rüstungen wohlhabender Ritter gehörten. Ob ihre Eltern reich genug waren, um sie alle mit solchen Rüstungen zu versorgen? Schultheß hatte seine Zweifel.

Sie neckten Seyfried: „Willst du nicht auch bald an einem Turnier teilnehmen? Wir spendieren dir einen Waffenrock aus Samt oder Seide in den Farben deiner Dame, auch einen breiten, reichverzierten Rittergürtel, an dem du links das Schwert und rechts den Dolch tragen kannst!“

„Aber wie wollt Ihr das denn bezahlen?“

„Wir überfallen einfach das Dorf unten am Fluss, verkaufen die Bewohner als Sklaven und von dem Erlös kaufen wir diese Rüstung für dich.“

Seyfried war entsetzt: „Das meint Ihr doch nicht im Ernst?“ Aber seine Brüder nickten ernsthaft. „Dann möchte ich solch eine Rüstung nicht, an der das Blut unschuldiger Menschen klebt!“ Seine Brüder sahen sich an und tippten sich an die Stirn. Wenn sie miteinander in froher Runde saßen und Bier tranken, amüsierten sie sich bei dem Gedanken, wie der zarte Seyfried unter dem Gewicht einer Turnierrüstung zusammenbrach. Immerhin konnte so eine Rüstung bis zu 80 kg wiegen. Schon schwer für Laurentz, Schultheß, Gallus und Moriz, aber Seyfried mit seiner hohen, schlanken Gestalt würde gewiss schon unter dem Gewicht des Helms zusammenbrechen. Ein Turnier ist eben etwas anderes als ein Gefecht, für das die Rüstungen leichter waren. Dennoch waren die Reiter, wenn sie eine Rüstung trugen, schwer und hilflos, die Pferde schwerfällig, sie stürzten leichter im Kampf als mit einem leichteren Reiter.

Die Fee wusste so viel. Seyfried konnte ihr die ganze Nacht zuhören. Manche Dinge klangen unglaublich, und wären sie nicht aus ihrem Munde gekommen, hätte er es als Lügengespinst verworfen. Noch in vielen, vielen Jahrhunderten später, erzählte sie einmal, würde es Rüstungen aus Keramik, Metall oder einem künstlichen festen Gewebe mit Namen Kevlar geben, die sogar vor Schusswaffen schützten, von denen Seyfried auch schon erste Gerüchte vernommen hatte.

„Auch in dieser fernen Zukunft, lieber Seyfried, wird die Rüstung als äußeres Erkennungsmerkmal des Ritters immer noch als Symbol für Stärke und Sicherheit gelten.“

„Aber, liebe Fee, ich werde niemals eine solche Rüstung tragen können, sie passen mir alle nicht, wer kann für meine Gestalt eine Rüstung herstellen?“

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