Ritter Seyfried (3/3)

„Möchtest du denn gern in einer Rüstung in den Krieg ziehen?“ Die Fee wirbelte mit ihrem Zauberstab und sprach: „Schau in den See, der dir im Mondlicht deine Gestalt zeigt.“ Es fiel Seyfried sehr schwer, unter der Last der Rüstung die paar Schritte bis zum See zu gehen, aber was er neben der Figur in einer prächtigen Rüstung sah, erfüllte ihn mit Ekel. „Es ist schrecklich, schrecklich, ich sehe Blut, abgehackte Arme und Beine und vieles Schreckliche mehr. Das will ich alles nicht, bitte nimm die Rüstung weg.“

Die Fee wirbelte erneut mit ihrem Zauberstab durch die Luft, da war es Seyfried wieder leicht.

„Meine Brüder werden sicher hervorragende Kämpfer werden, sie haben fantastische Pferde, und mit dem Pferd steht und fällt der Erfolg eines Ritters, das habe ich gelesen. Wird das Pferd kampfunfähig oder stirbt, sind des Ritters Aussichten schlecht. Sonst aber ist so ein Ritter vom Gegner schwer zu schlagen. Meine Brüder fiebern dem Tag entgegen, wo sie wieder durch die Lande ziehen können, aber mir ist das ein Graus.“

„Du willst also keine Schlachten schlagen?“

„Wirst du mich verlassen, wenn ich die Frage mit nein beantworte?“

„Natürlich nicht, Seyfried, ich möchte, dass du so bleibst, wie du bist, auch wenn das überhaupt nicht der Stimmung dieser Zeit entspricht. Du bist deinen Jahren und deiner Zeit, in der du lebst, weit voraus. Du ernährst dich zum Entsetzen aller nur von Kartoffeln und Gemüse, kein Spanferkel gerät in deine Mahlzeiten. Darüber machen sich deine Brüder lustig. Später, in vielen Jahrhunderten, wird das ganz normal sein.“

Seyfried sah sie zweifelnd an: „Denkst du wirklich? Ja, es stimmt, mir ist dieses Gehabe meiner Brüder sehr zuwider, obwohl ich sie ja lieben müsste, denn sie sind doch meine Brüder.“

„Halbbrüder.“

„Was meinst du, Halbbrüder?“

Da offenbarte die Fee Seyfried ein Geheimnis: „Eines Tages reiste Gancanagh, ein Freund des Vetters meines Vaters, durch die Welt. Er war von deiner Mutter so angetan, dass er sie anflehte, ihm eine Nacht zu schenken. Wer kann schon Gancanagh widerstehen? Kein menschliches Wesen, keine Frau kann das, und so gab sich deine Mutter Gancanagh hin, als dein Vater betrunken nach einem Fest stundenlang bewegungslos neben dem Stuhl lag. Das ist das Geheimnis deiner Geburt.“

Mit diesen Worten entschwebte die Fee, sie rief ihm noch zu: „Wir sehen uns beim nächsten vollen Mond!“

Einige Tage später fand ein großes Gelage am Hof statt. Laurentz, Schultheß, Gallus und Moriz ließen sich von ihren Knappen in ihre Rüstungen helfen, die sie allein gar nicht hätten anlegen können. Sie posierten vor dem Spiegel und jeder prahlte damit, dass seine Rüstung am modischsten sei. „Meine Güte“, dachte Seyfried, „wenn sie sich in voller Montur z.B. durch schlammiges Gelände schleppen müssen vor der Schlacht, sind sie bereits völlig erschöpft, bevor der erste Pfeil verschossen wird. Ich kann mir das nicht mit ansehen.“

Er ging in den Stall und ohne dass es jemand bemerkte, nahm er sich ein altes müdes Pferd und sattelte es. Das Pferd hatte viele Ritter mit Rüstung getragen und war altersschwach, als es aber merkte, dass Seyfried leicht war und ihm nicht die Sporen in die Seite hieb, bis es blutete, lief es forschen Schrittes in die Richtung des Sees, denn das hatte ihm Seyfried ins Ohr geflüstert: „Bring uns zum See, da wo es schön und friedlich ist.“

Obwohl kein Vollmond war, saß die kleine Fee am Ufer. „Ich habe dich erwartet, denn du bist nicht wie einer von deinen Brüdern, die sich nur nach groben Vergnügen und grausamen Spielen sehnen. Und deshalb wirst du dem entkommen, was ihnen bevorsteht.“ Sie nahm seine Hand und sah ihn an, und da erkannte Seyfried, dass er einer von ihnen war. „Komm mit mir!“ Seyfried nickte. Die Fee schwebte empor und plötzlich konnte Seyfried ebenfalls schweben. So glitten sie zusammen in das wunderbare Feenland und Seyfried musste nicht mit ansehen, wie Bauern den Hof stürmten und die betrunkenen Brüder, die so viele Monde lang Unheil in ihren Dörfern angerichtet hatten, mit Stangen vom Pferd stießen. Seyfried wusste: Das Gewicht der Rüstungen war so hoch, dass keiner seiner Brüder nach dem Sturz allein aufstehen könnte. Und dann würden die Bauern Rache nehmen für all die Gräueltaten.

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