Nature or Nurture (1/3)

Nature or Nurture

Kleiner Einakter in drei Szenen; drei Personen, gespielt von vier Schauspielern

Lea:       Mutter von Leon
Bernd:  Vater von Leon
Leon:    als Kind (ca. 10 Jahre alt)
Leon:    als Jugendlicher (ca. 16 Jahre alt, Figur eher 18)
Statist:  eine dunkle Gestalt, weiblich

Szene 1

Lea sitzt an einer Wiege, die sie leicht schaukelt. Bernd steht neben ihrem Stuhl und schaut in die Wiege.

Lea:       So ein hübsches Baby!

Bernd:  Ich weiß nicht, irgendwie sieht er mir nicht ähnlich.

Lea:       Was für ein Unsinn, das kannst du doch jetzt noch gar nicht sagen. Das kommt erst später, dass man eine Ähnlichkeit sehen kann! Und nur, weil er ein Junge ist, muss er doch auch nicht dir ähnlichsehen.

Bernd:  Trotzdem, ich mache mir Gedanken.

Lea:       Er hat blonde Haare, so wie du auf deinen Kinderfotos.

Das Baby schreit. Bernd schaut genervt gen Himmel, Lea steht auf und beugt sich über die Wiege. Sie spricht mit dieser aufgesüßten Stimme:

Lea:       Ey, tei, tei, du mein süßes Hasilein, Leonmaus, was hast du denn? Hast du vielleicht Hunger? Oder tut dir was weh?

Bernd:  Der hat keinen Hunger, dem tut auch nichts weh, genau wie in den vergangenen Tagen: Es ist einfach sein Hobby, uns den letzten Nerv zu rauben!

Lea:       Wie kannst du so etwas einem Baby unterstellen!

Sie streichelt das Baby.

Lea:       Du hast dich doch auch so auf das Baby gefreut. Wir wussten beide, dass so ein Säugling anstrengend ist. Aber jetzt kneifst du und behauptest dauernd, unser kleiner Leon wollte uns ärgern.

Bernd:  Schau mal, meine beiden älteren Schwestern haben auch Kinder, ich weiß, wie das ist. Dieser Junge ist einfach nicht normal!

Lea:       Sag so etwas nicht, sonst wünschst du dir das ja noch herbei! Der Doktor hat auch gesagt, dass Leon ein wunderbarer gesunder Junge ist.

Bernd (murmelt): Das mit dem wunderbar hast du garantiert dazugedichtet?

Lea (scharf): Was hast du gesagt?

Bernd:  Nichts …

Lea:       Doch, du hast etwas gesagt, du hast mir einen Vorwurf gemacht und so kann ich noch nicht einmal etwas zu meiner Verteidigung sagen!

Bernd:  Du merkst gar nichts, oder?

Lea:       Was soll ich denn merken?

Bernd:  Dass der süße kleine wunderbare Leon es darauf angelegt hat, uns auseinanderzubringen.

Lea:       Es ist unglaublich, das ist paranoid, einem drei-monate-alten Säugling so etwas zu unterstellen! Du kommst einfach nicht damit klar, dass hier ein kleines Wesen liegt, das eigene Wünschen hat. Vermutlich bist du eifersüchtig, weil du nicht mehr meine ganze Aufmerksamkeit hast!

Bernd:  Aus welcher Frauenzeitschrift hast du das denn nun? Dieses Halbwissen macht mich noch krank, das überall propagiert wird.

Beugt sich über die Wiege.

Guck mal, wie Leon die Oberlippe so merkwürdig hochzieht, da ist doch was nicht in Ordnung.

Lea steht noch einmal auf und beugt sich über die Wiege, dann dreht sie sich zu Bernd.

Lea:       Das ist infam! Erst unterstellst du Leon, dass er schreit, um uns zu ärgern. Nachdem das nicht geklappt hat, willst du ihm noch eine Behinderung andichten!

Bernd:  Dieser Junge hat dich völlig umgedreht, was ist nur mit dir los? Wir haben doch früher keine so sinnlosen Streitigkeiten miteinander gehabt.

Lea:       Das fragst du mich – mich? Du musst dir doch an die eigene Nase fassen, weil du vor Eifersucht, ja, zieh ruhig ein Gesicht, vor Eifersucht auf deinen eigenen Sohn fast nicht mehr schlafen kannst. Und jetzt hör bitte auf mit deiner Toberei, das ist kein gutes Entwicklungsklima für ein kleines Kind.

Bernd:  Erstens tobe ich nicht und zweitens versteht er doch gar nicht, was ich sage! Doch nicht mit drei Monaten!

Lea:       Aber den Ton empfindet er sehr wohl! Ich möchte, dass du sofort damit aufhörst, diese aggressive Stimmung zu verbreiten.

Bernd: Ich geh jetzt, ich halte das nicht mehr aus. Ich hoffe, du bist wieder zur Besinnung gekommen, wenn ich nach Hause komme. Das geht jetzt schon wochenlang so, ich ertrag’s nicht mehr!

Lea:       Dann geh doch!

Zu der Wiege

Der Papa hat das nicht so gemeint, hör nicht auf ihn. Er ist auch sehr stolz auf dich, weil du so ein aufgeweckter junger Mann bist. Und wenn einer weiß, wer der Vater ist, dann bin ich das doch wohl. Und daher kann ich dir versichern: Du bist das Kind von deinem Papa! Aber das alles erkläre ich dir, wenn du mal ein bisschen größer bist.

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